Petrenko dirigiert Rosenkavalier in München

Ein Ochs im Porzellanladen

Petrenko dirigiert den „Rosenkavalier“ in München mit einem zu wenig polternden Ochs und einer hinreißenden Sophie – die Inszenierung sollte man unter Denkmalschutz stellen

Von Robert Jungwirth

(München, 9. März 2018) Es brauchte gewiss nicht erst die „MeToo“-Debatte, um den Schwerenöter Baron Ochs auf Lerchenau als Sex-Monster zu entlarven. Als solches haben ihn auch schon Strauss und Hofmannsthal bloßgestellt. Nur schaut man seinem geschmacklosen Treiben heutzutage vielleicht noch ein wenig angewiderter zu als bislang. Wenn er dem armen Mariandl permanent an die Wäsche geht oder von seinen möglicherweise zahllosen unehelichen Kindern die Rede ist, dann bekommt man immerhin einen Eindruck davon, was vor 200 Jahren und auch noch später üblich war: Angestellte als Leibeigene in des Wortes wahrstem Sinn zu betrachten und zu behandeln. Um nichts anderes geht es schließlich auch in Mozarts „Figaro“. Dass das auch heute noch – nur sehr viel sublimer – abläuft, etwa wenn man auf der „Besetzungscouch“ Platz nimmt oder der Chef „Gunstbeweise“ verteilt – ist nicht nur im Filmgeschäft zu beobachten. Der Mechanismus ist der gleiche wie vor 200 Jahren. Macht erwirkt Gefügigkeit, mal mit mehr, mal mit weniger Druck, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Nun ist der erste Akt des „Rosenkavalier“ mit seinem ganzen Antichambrieren und Schwadronieren ja leider auch ein wenig lang und „ziagad“ geraten. Umso gespannter durfte man sein, wie der dirigierende Superstar der Bayerischen Staatsoper Kirill Petrenko mit dieser Partitur umgehen würde. Erwartbar war, dass er eher wenig Interesse an Schmäh und Schmalz haben würde – und das ist natürlich kein Fehler. Entsprechend forsch und prägnant klang denn auch die Ouvertüre bei ihm. Ein Gestus, den Petrenko über die drei Akte hinweg beibehielt, wobei er sehr flexibel mit den Tempi umging, sie immer wieder auch verlangsamte, um Lyrismen in ihrer ganzen orchestralen Pracht und instrumentatorischen Differenziertheit auszukosten.

Woran es lag, dass sich im ersten Akt längere Zeit dennoch keine wirkliche Atmosphäre einstellte, Sänger und Orchester eher für sich als miteinander agierten, ist schwer zu sagen. Vielleicht hätte Petrenko das Parlando durch noch mehr Zurücknahme im Orchester noch besser unterstützen können, vielleicht lag es aber auch an den nicht wirklich voluminösen Stimmen von Adrianne Pieczonka als Marschallin und Peter Rose als Ochs. Letzterer spielte den Ochs im Porzellanladen überzeugender als er ihn sang. Zwar gelang der Wiener Slang dem Engländer bewundernswert überzeugend, aber Rose sang ein wenig so als würde er Schubert interpretieren. Das Poltern ging ihm fast ganz ab. Und das gehört in dieser Rolle doch einfach dazu, der Ochs ist schließlich auch stimmlich kein Feingeist!

Hanna-Elisabeth Müller und Peter Rose Fotos: Wilfried Hösl

Und der Marschallin von Adrianne Pieczonka fehlen definitiv die dunkleren Farben. Einen Mezzoeinschlag sollte die Marschallin schon haben – auch für die Plausibilisierung ihrer Rolle. Und auch Angela Brower als Octavian ist arg hell timbriert für diese Hosenrolle. Keine Frage, die stimmlichen Qualitäten der genannten Sängerinnen und Sänger sind an sich hervorragend, auch ihr Spiel war selbst in dieser Uralt-Inszenierung von Otto Schenk punktgenau und lebendig. Aber die Stimmtimbres waren zumindest gewöhnungsbedürftig.
Da hatte der Polizeikommissar von Peter Lobert mehr stimmliche Durchschlagskraft als der Ochs. Auch die übrigen zahlreichen Nebenrollen waren ganz hervorragend besetzt.

Fotos: Wilfried Hösl

So blieb der Applaus des Publikums nach dem ersten Akt denn auch vergleichsweise zurückhaltend. Die Akte zwei und drei hatten dann aber doch mehr Geschlossenheit und Atmosphäre im Musikalischen. Und beim Höhepunkt im dritten Akt – dem berühmten Terzett – ließ Petrenko das Staatsorchester im Verein mit den Sängern gleichsam davonschweben, so überirdisch klang das.
Hervorstechend die Leistung von Hanna-Elisabeth Müller als Sophie. Nicht nur der Rosenkavalier verliebte sich schlagartig in diese überaus charmant spielende und singende junge Sopranistin – ein großes Talent.

Und die Inszenierung? Sie ist bekannt in München seit 1972! Doch sie funktioniert noch immer wunderbar. Und die Bühnenbilder von Jürgen Rose sind so unglaublich schön und aufwendig, dass man selbst nach mehr als 40 Jahren staunend davor sitzt. Auch wenn wir hier auf KlassikInfo.de bestimmt alles andere als konservative Traditionalisten sind – aber diese Inszenierung mit diesen Bildern sollte man vielleicht doch unter Denkmalschutz stellen.

Werbung


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.