Petrenko dirigiert Mahler

Kirill Petrenko Foto: W. Hösl

Mahler-Wunder

Im Münchner Nationaltheater überwältigt Kirill Petrenko mit Mahlers Fünfter; Igor Levit überzeugt mit Rachmaninows Paganini-Variationen

Von Klaus Kalchschmid

(München, 5. Juni 2017) Den Höhepunkt hatte sich Igor Levit für die Zugabe aufgehoben: am Ort der Uraufführung des „Tristan“ spielte er den Liebestod in der Liszt-Bearbeitung – mit ein paar exquisiten eigenen Zusätzen. Und es wurde wieder ganz schnell mucksmäuschenstill im ausverkauften Nationaltheater. Denn Levit zauberte aus dem Flügel verwehende Weltabschiedsklänge, die einem schier die Tränen in die Augen trieben – bis hin zu den kaum mehr hörbaren vierfachen Piani ganz am Ende: „Ertrinken, versinken – unbewusst – höchste Lust!“

Zuvor war der mittlerweile 30-Jährige Pianist in Sergej Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ zu hören: 24 Variationen über die auch von Brahms und Liszt variierte 24. Caprice – in kaum 25 Minuten! Dieses oft ganz durchsichtige, verspielte, meist kleinteilige Gespinst zwischen Orchesterstimmen und Klavier-Mirakeln trumpft nur selten kurz auf und gibt dann dem bei Levit wunderbar vorwärtsdrängendem Klavier – und einzelnen Solisten im Orchester – Gelegenheit, den Löwen zu spielen. Doch meist wird exquisite Kammermusik mit großem Orchester gemacht, etwas das Kirill Petrenko mit dem Staatsorchester besonders gut kann. Nur kurz wird zwischendurch das „Dies Irae“ zitiert, bevor ein seltsamer Unterhaltungston es gleich wieder übermalt. Das berühmte „Andante cantabile“ der Variation 18 – mit drei Minuten Dauer die längste der teilweise nur 18 Sekunden langen Variationen – kostete Levit zunächst allein, dann zusammen mit Dirigent und Orchester genüsslich aus, denn plötzlich klingt das Ganze wie ein leidenschaftliches Tschaikowsky-Klavierkonzert. In Variation 22 und 23 bekommt dann endlich das virtuos Aufrauschende seinen Platz, bevor nach einem erneuten kurzen Aufblitzen des „Dies Irae“ der Spuk mit der 24. Variation ganz schnell vorbei ist.

Das eigentliche Wunder ereignete sich freilich nach der Pause. Denn wie Petrenko die gewaltige Architektur und das Disparate von Gustav Mahlers Symphonie mit dem exzellenten Staatsorchester unter ein Dach zusammenzwang, jeden Übergang perfekt und mit großer Dringlichkeit modulierte, selbst im lautesten Fortefortissimo kein Lärmen erzeugte – das war schlicht überwältigend. Wie genau hier alle dachten und spielten, wie minutiös das alles geprobt sein musste, zeigte sich darin, dass dieses Musizieren zugleich eine große Freiheit besitzen konnte, etwa mit Mut zum Spiel am Steg, zum lustvollen Auskosten ebenso wie zur intimen Freude an der Zurücknahme.

Das ließ den janusköpfigen Trauermarsch des Kopfsatzes in immer wieder neuem Licht erscheinen und die Streicher dazwischen traumverloren vor sich hin meditieren. Dergleichen geschah im zweiten Satz, bei dem sich (attacca gespielt) vor allem gegen Ende nicht minder große Spannung aufbaute, bevor im gewaltigen, so viele verschiedene Tonfälle exponierenden und kombinierenden Scherzo (ein zartes Pizzicato-Intermezzo eingeschlossen) dank höchster Präzision keine Sekunde Langeweile aufkam.

Das berühmte Adagietto ließ Petrenko unmittelbar in den beinahe solistischen Beginn des Finales übergehen – mit großer Wirkung, entfaltet sich doch allmählich von diesem introvertierten Beginn, der auch den langsamen Satz prägte (in dem als Lied ohne Worte nur Streicher und eine einsame Harfe spielen) eine immer größere Finalwirkung. Das kann man mit gutem Grund – wie Theodor W. Adorno – als extrovertierte Affirmation schmähen oder als „lustvoll lärmende Polyphonie“ (Michael Kube) anerkennen und schätzen. Kirill Petrenko und das Bayerische Staatsorchester zerstreuten jedenfalls alle Bedenken kritischer Ohren.

Münchner Philharmoniker


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