Peter Grimes an der Oper Köln

Die Gefährlichkeit der Dörfler

„Peter Grimes“ von Britten an der Oper Köln bewegend gesungen und gespielt

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 25. November 2018) Ein großer Abend für die Oper Köln, was das Publikum mit Beifall seltenen Ausmaßes honoriert. Die letzte hiesige Premiere von Brittens „Peter Grimes“ fand im März 1994 statt; Anthony Pilavachi inszenierte und es dirigierte James Conlon, damals Chef des Gürzenich-Orchesters und demnächst nach langer Zeit wieder Gast am Pult dieses Klangkörpers bei einem Konzert in der Philharmonie. Bei der jetzigen Grimes-Produktion hat Nicholas Collon die Leitung inne, seit der letzten Spielzeit erster Gastdirigent des Orchesters. Der schlanke, ungemein befeuert wirkende Jung-Maestro animiert seine Musiker zu hochexpressivem, aber ungedrillt wirkendem Spiel und arbeitet die reichen Farben von Brittens Partitur bestechend heraus. Im gelten besondere Ovationen.

Beim Betreten des Zuschauerraumes wird das Auge sofort vom Bühnenbild der Anna Jones gefesselt (Mitarbeiterin: Linda Tiebel). Wie zuletzt bei „Salome“ sind die quadratischen, weißen Säulen des Saales geschickt in die Dekoration einbezogen. Die jalousieartig strukturierte Hinterwand besitzt schwarz wirkende Durchbrüche, bei Beleuchtung von hinten verändert sich ihr Charakter in Gänze. Recht oben die Andeutung von Kirchenfenstern. Auf einer oberen Etage ist die vorgeschriebene Orgel plaziert, zu Beginn des ausgelassenen und travestieschrillen Volksfestes (Anfang 3. Akt) agiert dort eine (etwas zu fein gekleidete) Kapelle. Die wechselnde Raumgliederung erfolgt durch Bänke, mal brav gereiht (Kirche), mal diagonal gegeneinander versetzt, mal hochkant gestellt. Man weiß sofort, wo man ist.

Daß der junge Regisseur Frederic Wake-Walker in der Nähe von Aldeburgh aufwuchs, zwar Britten nicht selber begegnete, wohl aber den Uraufführungs-Protagonisten von Peter Grimes, Joan Cross und Peter Pears, und dass er als Junge in diversen Britten-Opern mitsang, bedeutet sicher eine besondere Gefühlsnähe zum Oeuvre des Komponisten. Aber: „Ich musste mich zunächst von einigen emotionalen Bindungen befreien, bevor es mir möglich war, aus der Sicht des Regisseurs an das Stück (= P.G.) heranzugehen.“

Psychologisch ausschlaggebend ist für ihn das heikle Gegenüber von Individuum und Kollektiv, wobei für diesen Gedanken verstärkend hinzu kommt, dass Grimes ein definitiv ausgegrenzter, sich aber auch selber ausgrenzender Mensch ist. Er verachtet die Dorfbewohner, weiß aber um die Macht ihrer Feindseligkeit, ihrer Bereitschaft zu körperlicher Aggression (man fühlt sich an Martin Sperrs Schauspiel „Jagdszenen aus Niederbayern“ erinnert) und versucht mit allen Mitteln, sich vor ihnen zu behaupten. Wake-Walker zeigt den Chor (ganz und gar hinreißend – Einstudierung: Rustam Samedov) entweder als Menschenschlange oder als aneinander gepreßten Haufen, der sich von vorne nach hinten schlangengleich in die Höhe reckt. Kollektive Gesten unterstreichen die Sturheit und Gefährlichkeit der Dörfler, was auf lange Sicht nur etwas überstrapaziert wirkt. Zuletzt sitzt der Chor wie schon zu Beginn bei der Gerichtsverhandlung zusammengeklumpt auf den Bänken, jetzt aber mit anonymisierenden Gesichtsmasken. Diese werden dann an einer bläulich gefärbten Bodenvertiefung abgelegt, in welche Grimes hinunter steigt, seinen Freitod auf dem Meer signalisierend. Bretter verschließen die Öffnung, das Areal ist im Wortsinn neu „geebnet“ für ein Leben ohne den renitenten Störenfried von Ruhe und dumpfer Ordnung, die aber in Aunties Kneipe wieder und wieder in Eruptionen ausarten wird.

Die Inszenierung wird maßgeblich geprägt durch den Sängerdarsteller in der Titelpartie, Marco Jentzsch. Der vielseitige Tenor (Repertoire von U-Musik bis Wagner) hat bei seinem Grimes-Debüt möglicherweise die Rolle seines Lebens gefunden. Er singt fast schon quälend expressiv, schreit die Qualen des Protagonisten wie auch dessen latente Wut förmlich aus sich heraus, kämpft in einer pantomimischen Szene wie ein Wahnsinniger gegen die ihn umgebenden Geisterfratzen (Chor). Doch alleine durch sein jugendliches Äußeres unterscheidet sich sein Grimes von dem etwa eines Jon Vickers oder eines Peter Pears (Abbildungen von der Uraufführung im Programmheft). Jentzsch gibt nicht einen berserkerhaften Aufrührer (selbst wenn auch bei ihm Gewalttätigkeit immer wieder mal durchbricht), sondern wirkt speziell zu Beginn, zusammengekauert, den Körper nach vorne gebeugt, die Hände verkrallt, wie ein Verfolgter, Geprügelter.

Seine Erniedrigung übt er (gewissermaßen rächend) wiederum an anderen aus wie an seinem neuen Lehrbuben. Dass er ihn einmal spontan in die Arme schließt, zeigt, dass er sich seiner Strenge und Überreaktionen bewußt ist. Einen inszenatorischen Verweis auf homoerotische Gefühle, die bei Brittens Bühnenwerken prinzipiell naheliegen, versagt sich Frederic Wake-Walker. Die ruppige, verzweifelte Zuneigung von Grimes gilt wirklich alleine der verwitweten Lehrerin Ellen Orford. Der anfangs schemenhaft auf einer Bank sitzende, unter nicht geklärten Umständen zu Tode gekommene erste Lehrjunge, welcher im 2. Akt leibhaftig den Raum durchquert, stellt eine Mahnfigur für Grimes‘ von Schuldgefühlen unterminiertes Gewissen dar.

Die Figur der Ellen Orford wird durch Ivana Ruskos intensiv leuchtenden Sopran geprägt, den hilfsbereiten Balstrode verkörpert mit mächtigem Bariton Robert Bork, der vor vielen Jahren seine Karriere in Köln begonnen hat. Aus der skurrilen Damenriege (Auntie: Malgorzata Walewska, Nichten: Monica Dewey, Kathrin Zukowski) sticht Rebecca de Pont Davies als umtriebig trippelnde, opiumabhängige Mrs. Sedley hervor. Bei den Herren profilieren sich neben Lucas Singer (Swallow), Philip Sheffield (Horace Adams) und Darren Jeffery (Hobson) besonders Wolfgang Stefan Schwaiger (Ned Keene) und Dino Lüthy (Bob Boles). Sie alle wirken sängerisch wie darstellerisch paßgenau für ihre Partien. Man verläßt die Aufführung einigermaßen beklommen.

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