Frühlingsfeier

Fritz Wunderlich und Doris Schade in Strawinskys Melodram "Perséphone" von 1960 auf CD

Was für eine schönes, ungewöhnliches Paar in einem nicht minder berückenden, selten gehörten Werk: Einer der größten deutschen lyrischen Tenöre und eine der großartigsten Schauspielerinnen deutscher Zunge im Melodram "Perséphone" von Igor Strawinsky, live mitgeschnitten 1960 in Frankfurt. Dank modernster Tontechnik klingt die CD (audite) nach dem Originalband des Hessischen Rundfunks blitzblank, eminent klar und plastisch, ohne Rauschen und Verzerrungen. Die Emphase, mit der der damals 30-jährige Fritz Wunderlich vom Schicksal der Tochter Demeters erzählt und die junge Doris Schade - damals in Frankfurt engagiert und bis vor kurzem noch auf der Bühne der Münchner Kammerspiele als weißhaarige Grand Dame zu erleben - die griechische Göttin und Zeus-Tochter mit wunderbar hohem, gleichwohl mädchenhaftem Ton spricht und darstellt, das gibt der Aufnahme eine geradezu magische Aura und eine sinnliche Verknüpfung von heller Männer-Singstimme und ebenso zauberischer Frauen-Sprechstimme.

Wunderlich und ein gemischter Doppel-Chor - am Ende ergänzt durch einen Kinderchor - berichten von der Göttin, die aus dem Kreis der Nymphen in die Unterwelt hinabsteigt, dort sich aber weigert, den Trank des Vergessens zu trinken. Merkur gibt ihr eine Frucht, die sie zugleich an den Hades bindet, aber auch die Erinnerung an die Vergangenheit weckt. Der erneute Blick in den Kelch der Narzisse zeigt ihr die froststarrende Erde und sie darf zurück zu den Menschen. Künftig wechselt Pérsephone - die lateinische Proserpina - zwischen dem Reich der Schatten und dem irdischen Frühling.

Strawinsky komponierte "Perséphone" 1933/34 für die Tänzerin und Schauspielerin Ida Rubinstein, der er schon 1928 sein Ballett "Le Baiser de la Fée" gewidmet hatte. Inhaltlich ist sein dreiteiliges Tanzmelodram, das auf der Erde und in der Unterwelt spielt, das sanfte Gegenstück zum wilden "Sacre du Printemps" (1913), der ins Orgiastische zielenden, mit der Opferung eines Mädchen endenden "Frühlingsweihe". Musikalisch und dramaturgisch darf "Perséphone" allerdings als Pendant zu "Oedipus Rex" (1927) gelten. Beide Werke besitzen oratorischen Charakter, haben eine dezidierte Handlung und beziehen intensiv Chor ein. Doch während in der lateinisch gesungenen Sophokles-Adaption der Erzähler wie üblich eine Sprechrolle ist, wird dieses Verhältnis in "Perséphone" umgedreht. Die Darstellerin der Titelrolle aber spricht über einem feinen Netz aus Musik.

Strawinskys Dreiteiler ist ein Zwitter zwischen freiem Melodram, Kantate und Oratorium mit feiner, lyrischer Kammermusik in erweiterter Tonalität. Auch mit der Spielzeit von knapp 50 Minuten befindet sich "Perséphone" zwischen allen Stühlen, ist weder abendfüllend noch ein kleines Werk. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es so selten - weder auf deutsch noch in der französischen Originalfassung von André Gide - zu erleben ist.
Strawinsky selbst war sich bewusst, dass der Ton, den er hier anschlägt, schnell mißverstanden und in seiner Zärtlichkeit und ebenso charmanten wie fremdartigen Schönheit durch die Interpreten schnell süßlich werden könnte. Das sei dann, "als ob man versuchen würde, Zucker zu zuckern." Wunderlich, Schade, die Chöre des Süddeutschen und des Hessische Rundfunks, aber auch das pointiert und flexibel spielende Sinfonieorchester des Hessischen  Rundfunks umschiffen dank Dean Dixon am Pult einerseits diese Gefahr. Vor allem die Solisten, wagen andererseits ein hehres, hell silberglänzendes Pathos, das heute immer noch erstaunlich frisch wenn es schon historisch klingt. Doch das macht vielleicht gerade den Reiz dieser Produktion aus.

Klaus Kalchschmid      

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