Penderecki Festival

Sentimentale Reise in die Vergangenheit

Krzysztof Penderecki Foto: Schott Verlag

Warschau feierte den 75. Geburtstag des polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki mit einem eigenen Festival
(Warschau, 20.-23. November 2008) Manchmal muss man vielleicht Tricks anwenden, ein Risiko eingehen, um einen Schritt nach vorn zu gehen. 1959 sorgte der polnische Komponist Krzysztof Penderecki für eine Sensation, als er alle drei ersten Preise beim Musikfest „Warschauer Herbst“ mit drei anonym eingereichten Werken gewann. Der Linkshänder schrieb eine Partitur mit rechts, die andere mit links und ließ die dritte von einem Kollegen kopieren. Mit diesem „Trick“ war fortan der Name des jungen Komponisten von der Krakauer Musikakademie in aller Munde. Der damals 25jährige Penderecki verlangte von Chorsängern Pfeifen, Lachen, Schreien, quietschende Glissandi und manches mehr, für Streicher entwickelte er unkonventionelle Spieltechniken. In den 1970er Jahren begann Penderecki sein Komponieren zu verändern. Er habe nicht sein Leben lang Cluster schreiben wollen – so wehrte er sich damals gegen Vorwürfe, er habe die Avantgarde verraten. Nach seiner experimentellen Entdeckungs-Phase suchte Penderecki nun nach einer Synthese, in der er die neuen Ausdrucksmittel mit traditionellen Elementen verband, und seinen postmodernen Stil kreierte. Romantische, tonale Klänge herrschten nun vor, sie waren und sind bis heute geschickt gewürzt mit reizvollen Dissonanzen, ungewöhnlichen Klängen durch ungewöhnliche Spieltechniken. Es ist eine Musik, die leicht verständlich ist und viele anspricht.
Bei dem viertägigen Warschauer Penderecki-Festival anlässlich des 75. Geburtstags, dessen Konzept von Pendereckis Frau Elżbieta entworfen worden war, kamen bei den insgesamt acht Konzerten von den rund 130 Werken, die Penderecki bislang komponierte, immerhin 25 zur Aufführung. Zahlreiche renommierte Musiker, Agenten, Freunde, Journalisten aus aller Welt waren eingeladen worden, an den Konzerten und Empfängen teilzunehmen.
Am spannendsten war in fast jedem Konzert die Gegenüberstellung früher experimenteller Werke der 1960er Jahre und späterer, postmoderner Werke. So erklang etwa im Eröffnungskonzert mit dem Nationalen Radio Sinfonie Orchester Katowice, das heute noch immer wirkungsvolle „Polymorphia“ für 48 Streichinstrumente von 1961, das Penderecki selbst für eines seiner wichtigsten Werke hält. Außerdem gab es das Capriccio für Violine und Orchester von 1967, die erste Sinfonie von 1972 und das Violinkonzert von 1976. Von Jahr zu Jahr wurde Pendereckis Komponieren gemäßigter, auch weniger risikoreich.
Der Kontrast der frühen und späteren Werke war auch in zwei Kammermusik-Konzerten zu erleben. So bot etwa das exzellente, in New York ansässige Shanghai Quartett das zweite Streichquartett von 1967 und die Uraufführung des dritten Streichquartetts. Im zweiten Quartett wie auch in „Polymorphia“ kreierte Penderecki mit akustischen Instrumenten Klänge, zu denen er durch die Beschäftigung mit der Elektronik inspiriert worden war. Sein drittes Quartett – wenige Tage vor der Uraufführung in Warschau fertig gestellt – nennt Penderecki selbst eine sentimentale Reise in die Vergangenheit. Er schrieb es im Gedenken an seinen Vater, einen aus der heutigen Ukraine gebürtigen Rechtsanwalt, der ein passabler Geiger war und mit Passion ukrainisch-rumänische Volksmusik spielte. Eine charakteristische Melodie, die Penderecki als Kind oft hörte, bildet die Grundlage für das neue Quartett. In einem weiteren Konzert kamen die beiden Violinsonaten zur Aufführung: Die erste Sonate von 1953, noch ganz an Bartok und ukrainisch-rumänischer Folkore orientiert, und die zweite Sonate aus dem Jahr 2000. Dieses gemäßigt moderne Werk, wie auch das im selben Konzert aufgeführte Sextett für Geige, Bratsche, Cello, Klarinette, Horn und Klavier zeigten einmal mehr Pendereckis große Meisterschaft der Form, eine Qualität, die man sicher nicht jedem zeitgenössischen Komponisten attestieren kann.
Pendereckis Werke sind mit ungeheurer Sicherheit entworfen. Beim Warschauer Festival entfalteten etwa das Viola-Konzert von 1983 – klanglich und musikalisch wunderschön interpretiert von Tabea Zimmermann als Solistin – oder die opulente zweite Sinfonie und das noch opulentere, oratorische Werk „Sieben Tore von Jerusalem“ eine große Wirkung. Letzteres kam im traditionsreichen Teatr Wielki, dem großen (Opern-) Theater zur Aufführung. Sechs Solisten, drei Chöre und zwei Orchester wurden aufgeboten, zum Teil musizierten sie noch von den Rängen des Theaters aus. Es war ein feierlicher Abschluß des Festivals. Penderecki dirigierte sein Werk selbst, am Abend seines 75. Geburtstages, dem 23. November.
Das viertägige Warschauer Festival zeigte sehr eindrücklich, mit den Konzerten und Empfängen, den Reden und Würdigungen – auch von staatlicher Seite -, und den zahlreichen Gästen aus aller Welt, welche Bedeutung und welches Renommé Penderecki als Komponist hat. Und das gilt nicht nur für Polen. Penderecki ist ohne Zweifel weltweit einer der anerkanntesten und meist gespielten Komponisten. In Polen, so scheint es – besonders, wenn man einen kleinen Einblick in das weitere Musikleben des Landes hat, und andere Festivals erlebt hat -, ist Penderecki so etwas wie eine eigene Welt. Komponisten-Kollegen zum Beispiel, die man in fast jedem Konzert des Warschauer Herbstes sehen kann, wurden bei Pendereckis Geburtstagsfestival kaum gesichtet.
Elisabeth Richter

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