Pelléas et Mélisande

Wie Nosferatu

Michaela Selinger und Jacques Imbrailo als Mélisande et Pélleas Foto: Herman und Clärchen Baus

Claude Debussys symbolistische Oper "Pelléas et Mélisande" am Aalto Musiktheater in Essen – ein düsterer Alptraum mit lichten Einblicken
(Essen, 6. Oktober 2012) Was fängt man nur mit diesem Stück an? Was bedeuten uns schemenhafte Gestalten, von denen nur rätselhafte biografische Details nach und nach unbefriedigend, verunsichernd, durchsickern und doch nichts zur Handlung auf der Bühne beitragen? Mélisande ist ein in seinem Vorleben an Leib und Seele schwer verletztes Wesen. Wohl missbraucht, deutet man die in den Dialogen durchsickernden Aussagen richtig. Aber wie und von wem, bleibt offen. Ein Opfertypus eben, der (natürlich) wieder auf sein Täterprofil stößt: auf Golaud, ein grober, unbeherrschter Männertyp, den seine Unbeholfenheit aber umso gefährlicher macht.  
Pelléas ist Golauds Halbbruder, ein netter, blasser Junge, der sich am Goldhaar von Mélisande berauscht, und viel zu naiv ist, um die Gefahr zu erkennen, die von dem rasend eifersüchtigen Bruder ausgeht. Wessen Vater der alterskranke König Arkel ist, wird auch nicht klar. Wie ein Prophet steht er emotional entfernt über den Dingen. Was ihn nicht davon abhält, sich einmal an Mélisande zu vergreifen. Das Alter, das die Jugend so gern berührt, um wieder einmal Lebenskraft zu spüren… Es ist ein in Andeutungen dramatisches, aber widersprüchlich psychologisierendes, in der Handlung ständig stagnierendes und in jeder Minute hoch beunruhigendes Stück, das David Lynch nicht besser hätte erfinden können. 1892 hatte der Chefsymbolist Maurice Maeterlinck das Lyrische Drama "Pelléas et Mélisande" als belgisch-französischen Beitrag zur Tristan-und-Isolde-Thematik in die Theaterwelt entlassen.  
Bereits ein Jahr später kürte es Claude Debussy zur Vorlage einer gleichnamigen Oper, nachdem er eine abstrakte, in einem einzigen Bühnenbild entwickelte Inszenierung gesehen hatte. Und auch er, Debussy, wollte eigentlich ein radikal modernes Opernstück. Gleichfalls mit einem Einheitsbühnenbild, das auf jedes realistische Dekor verzichten und mit Musik traumartig Bilder ineinander verschachteln sollte. Daraus wurde nichts, weil die Opéra Comique realistische Bühnenbilder forderte. Debussy musste neue Zwischenspiele nachliefern, damit verschiedene Szenerien auf und wieder abgebaut werden konnten. Debussy beugte sich dem Theaterzwang und schrieb -– zugegeben – wunderbare Zwischenmusikstücke. Aber diese Revisionen verleiten zu Brüchen.
Und auch die aktuelle Essener Inszenierung hebt leider die Gewalt eines zeit- und raumauflösenden Alptraumes allzu zu oft auf und unterbricht. Obwohl Bühnenbildner Raimund Bauer auf Realistisches wie Turm, Wald und Grotte verzichtet. Sein Bühnenbild besteht aus genial verschiebbaren, schwarzen Treppen- und zwei erdrückenden Wandteilen, die Ausschnitte frei geben oder sich zu einem bedrohlichen Dreieck zusammen schieben. Warum die vielen Unterbrechungen gefühlt so stark sind, ist bei diesem Einheitsbühnenbild eigentlich nicht verständlich. Wobei die Essener Philharmoniker unter Stefan Soltesz ja auch immer wieder unter großem Einsatz den musikalischen Faden aufgreifen. Der mit schwebenden, ebenso beunruhigenden wie bewegenden Klangfarben ausgestattete Orchesterpart, der nicht selten in feinen kammermusikalischen Besetzungen den Zuhörer bis in die kleinsten und verästelten Seelenabgründe hinein führt, liegt in Essen in den besten Händen.
Der Orchesterchef hat dieses Stück nicht umsonst zur Saisoneröffnung seiner letzten Spielzeit in Essen ausgewählt. Das Orchester scheint in dieser Oper stellenweise sogar wichtiger als die mehr oder wenig psalmodierenden, sich im Sprechgesang artikulierenden Protagonisten. Wobei die Rollen stimmlich und bildlich stark besetzt sind und von Altregiemeister Nikolaus Lehnhoff auch mit abstrahierender Gestik in Szene gesetzt werden. Die zum Ensemble gehörende Michaela Selinger ist eine optisch perfekte, zerbrechlich durchscheinende barfüßige Kindfrau Mélisande, trotz schlank- mädchenhaftem Tonfall mit einer gewissen (und nötigen) dramatischen Mezzo-Schwere. Zusammen mit dem überschwänglich agierenden Bariton Jacques Imbrailo im Lindgrünen Samtrock ein optisch wunderbares Paar! Vincent le Texier bringt die Verzweiflung eines gut meinenden, aber immer überreagierenden eifersüchtigen Liebhabers stimmlich mitreißend rüber, schon in seinem langen Anfangsmonolog, sodass man dem Mann in dunkelblau-lila schimmerndem Samtrock und schwarzen Handschuhen eine gewisse, verzweifelte Sympathie entgegen bringen muss. Den vom Schicksal vorbestimmten Täter lässt die Lichtregie einmal zum Monster werden, in dem sie Golaud, im Hintergrund erscheinend, riesenhaft wie Nosferatu auf eine Wand projiziert. Die Lichtregie setzt aber auch Farben ein, die durch ein Deckenfenster fallen und spielt mit Schattenwirkungen. Keine schlechte Idee ist es, die Kinderstimme von Dominik Eberle Martinez zu verstärken und der sonst immer so abfallende Yniold-Partie (der Sohn Golauds) mehr Präsenz zu geben. Wolfgang Schöne und Doris Soffel sind mit schwerem Samt drapiert natürlich auch stimmlich ein souveränes Paar, wenn auch stimmlich von einer gewissen Reife geprägt. Worauf dieses Märchen im düstern Niemandsort Allemond mit all seiner Symbolik anspielt? Eine Deutungshoheit weist Lehnhoff leider von sich. Debussy meinte jedenfalls, dass in der traumhaften Atmosphäre dieses Stücks mehr Menschlichkeit vorhanden sei als in all den sogenannten "lebensechten" Stücken. Auf jeden Fall hat sie den Meister der musikalischen Andeutungen zu einem Versuch getrieben, dem Schönheitsgesetz folgend, schöne Musik zu schreiben und zu beweisen, dass dramatische Musik auf der Bühne nicht deutsch klingen muss, jedenfalls nicht so, wie Wagner. Und es lohnt sich, diesen Versuch in Essen nach zu vollziehen! 
Sabine Weber
Weitere Vorstellungen: 13.10. 19.00 Uhr, 16./ 18.10. 19:30 Uhr, 21.10. 16.30 Uhr, 24./ 26.10. 19.00 Uhr 28.10. 19.00 Uhr, 1.11. 18.00 Uhr
Informationen: www.aalto-musiktheater.de

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