Parsifal Valencia

Parsifal aus dem Eis

Foto: Oper Valencia


Werner Herzog inszenierte in Valencia Wagners letzte Oper, Lorin Maazel dirigierte

(Valencia, 25. Oktober 2008) Lorin Maazel kann zufrieden sein. Maazel, der vor wenigen Wochen in Italien eine böse Polemik gegen das Regietheater losgetreten hatte, gegen Robert Carson und Co., umarmte Werner Herzog nach der umjubelten Premiere. Der deutsche Film- und Opernregisseur inszenierte den „Parsifal“, seine, so erklärte er, letzte Arbeit für das Musiktheater.
Herzog bietet keinen „Regietheater-Schnickschnack“, wie Maazel es nennt. Im Gegenteil. Der Gral, der frommen Legenden zufolge übrigens in der Kathedrale von Valencia aufbewahrt wird, ist ein echter Gral, eine goldfarbene Schale, die von unten beleuchtet wird und somit einen Lichtstrahl-Effekt erzeugt, der an Leni-Riefenstahl-Filme erinnert. Die Gralsritter sind in mönchskuttenähnliche graue Gewänder gekleidet und Kundry wirkt aggressiv verführerisch, jedenfalls bis zu ihrer Taufe. Herzog präsentiert eine Inszenierung, die sich darauf konzentriert, das Libretto in leicht verständliche Bilder umzusetzten – ohne allerdings einen interpretativen Tiefgang zu erzeugen. Er siedelt die Handlung irgendwo in der Antarktis an – ein deutlicher Bezug auf Herzogs jüngste Arbeiten an einer Antarktisreportage. Die Gralsritter sind für ihn, so erklärte er, eine in ewigem Eis, und damit statisch, lebende elitäre Gemeinschaft ohne Kontakte zur Aussenwelt. Amfortas, einst der Kundry erlegen und!
von Klingsor mit der heiligen Lanze verletzt, wird mit einem blutenden Gewand gezeigt: Blut im Bereich der Genitalien. Dies ist auch die einzige Anspielung Herzogs auf jenen sexualobsessionistischen Ansatz, der im „Parsifal“ den Versuch Wagners sieht, ein, so schrieb der Komponist ja selbst, „Reinigungs-Exerzitium“ zu erkennen, um Gattin Cosima gegenüber für späte Leidenschaften, vor allem zu Judith Gautier, Abbitte zu leisten. Der „Parsifal“ als zum Weltgeheimnis verklärte Aufarbeitung privater Vorkommnise hat bei Herzog kein Platz. Tiefepsychologe und machtananlytische Inszenierungsansätze – wie bei den epochemachenden Parsifal-Inszenierungen von Günter Uecker 1976 in Stuttgart oder von Harry Kupfer 1977 an der Staatsoper in Berlin – bietet der Münchner nicht. Er erzählt die Geschichte von Gralsrittern und einem jungen Erlöser, der Amfortas von seiner Sünde befreut und den Gral wieder enthüllt – und damit basta. Die von Wagner selbst genannten Bezüge auf einen Motivsynkretismus mit christlichen, buddhistischen und freimaurerischen Ansätzen finden sich bei ihm nicht. Bei dieser Regie kann niemand auf päderastische oder homoerotische Bezüge im Verhältnis zwischen Parsifal und den Gralsrittern kommen. Warum auch! Herzogs Parisfal bietet klare Handlungsstränge, ohne Exstravaganzen. Eine nette Inszenierung, aber ohne jedweden Tiefgang.

Tiefgang hingegen hat Maazels musikalische Interpretation.
Es ist immer ein Problem, gerade diese Oper Wagners, die für die einmaligen akustischen Gegebenheiten des Orchestergrabens auf dem Grünen Hügel konzipiert wurde, möglichst originalgetreu aufzuführen. In Valencia wie anderswo kann der typische Bayreuthklang, der das Ohr nur über Reflexionen, ohne jeden direkten Schallanteil, als kaum richtungsgebunden erreicht, nicht erzeugt werden. Das Orchester des Palau de les Arts, das seine außergewöhnlichen Fähigkeit schon bei dem von Zubin Metha dirigierten Ring bewiesen hat, bietet stattdessen einen kraftvollen Klang, der das Symphonische des Werks deutlich unterstreicht.
Der junge britische Tenor Christopher Ventris ist mit seiner robust-männlichen Präsenz und jugendlichen Heldentenorstimme der ideale Parsifal. Die Sopranistin Violeta Urmana ist ein vielleicht zu kleiner dramatischer Sopran, um stimmlich die Kundry abzugeben. Aber dieses Manko wird durch ihre ungemeine Bühnenpräsenz wettgemacht. Meisterhaft zeigt sie die beiden Seiten Kundrys: die ewig lustvolle Verführerin und die reuige Maria Magdalena. Grosses Lob für Stephen Miling als Gurnemanz und für Serguei Leiferkus als Klingsor. Der Chor hat eine so perfekte Diktion der deutschen Sprache, dass jedes einzelne Wort zu verstehen ist.
Maazel weiß wie man Wagner dirigiert, ohne ihn wie Daniele Gatti in Bayreuth über Gebühr in die Länge zu ziehen. Complimenti für diese musikalisch und stimmlich gelungene Inszenierung.
Thomas Migge

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.