Parsifal Nagano

„Erlösung dem Erlöser“

Foto: W. Hösl

Kent Nagano gibt mit „Parsifal“ sein Wagner-Debüt an der Bayerischen Staatsoper
(München, 1. April 2007) Ein wenig ist es wie die Quadratur des Kreises. Wie soll man mit Wagners eigentümlichem bis fragwürdigem Ideensammelsurium aus Christentum, männerbündlerischer Verschworenheit, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus „Parsifal“ kritisch umgehen ohne die positiven, humanistischen Inhalte zu unterschlagen? Peter Konwitschny ist dies in seiner Inszenierung von Wagners Alterswerk, die 1995 Premiere hatte, auf bewundernswerte Weise gelungen. Und auch das Bühnenbild von Johannes Leiacker stellt nach all den Jahren noch immer eine faszinierend vieldeutige abstrakte Spielfläche dar.
Zur Wiederaufnahme und zum Wagner-Einstand des Münchner Generalmusikdirektors Kent Nagano hat man Konwitschnys spannungsvolle Inszenierung noch mal auf Hochglanz poliert. Zahlreiche Debütanten waren dabei zu erleben, darunter auch die altgediente Wagner-Heroine Luana DeVol mit ihrer ersten Kundry, mit großer stimmlicher Geste in der Höhe, nach unten allerdings wenig tragfähig. Erstaunlich auch Martin Gantner als beinahe tenoraler Amfortas, dem der eindringliche Leidenston etwas abging. Mutig vor allem das Debüt des jungen Österreichers Nikolai Schukoff als jugendlicher Parsifal, der vor gar nicht langer Zeit noch als Mozart-Tenor reussierte. Schukoff verdeutlichte mit seiner Unbefangenheit den tumben Toren geradezu idealhaft. Seine Stimme klingt frisch und natürlich, manchmal noch etwas dünn. Er wird sicher noch an Routine und Ausdruck gewinnen. Hartmut Welker, ein über viele Jahre bewährter Wagner-Bariton, fehlt für den Klingsor etwas die Bissigkeit in der Stimme. Herausragend und gar nicht zu glauben, dass es ebenfalls ein Rollendebüt war: John Tomlinson als Gurnemanz. Stimmlich wie deklamatorisch blieben bei diesem Sänger keine Wünsche offen. Tomlinson ist die Positiv-Figur des Stücks, die über die Schwierigkeiten und Brüche hinweg vermittelt – ein väterlicher Freund aus dem Geist von Humanität und Menschenfreundlichkeit, ein Fels in der Brandung eines Meeres von Suchenden und Verzweifelten wie Klingsor und Amfortas und all die anderen armen vor sich hinleidenden Gralsritter.
Eine rundum sensationelle Leistung, die allenfalls noch von Kurt Molls Interpretation übertroffen wurde.
Gurnemanz und Parsifals sind denn auch die Vermittler zwischen den Ebenen dieser Inszenierung – anrührend die freundschaftliche Annäherung der beiden im dritten Akt.
Der Abend beeindruckte durch die Sorgfalt und das große Engagement aller Beteiligten (exzellent disponiert auch der Chor der Bayerischen Staatsoper, Leitung: Andrés Máspero). Allein sieben Proben hatte Nagano fürs Orchester angesetzt. Zwei bis maximal drei Proben sind bei einer Wiederaufnahme üblich. Vor allem in den Passagen, in denen das Orchester quasi solistisch in Erscheinung tritt, in der Ouvertüre, den Vewandlungsmusiken und im Karfeitagszauber des 3. Akts entfaltete das Staatsorchester einen sehr differenziert aufblühenden Klangreichtum. Allenfalls die verzweiflungsvollen Klang-Gesten etwa in der Verwandlungsmusik des ersten Akts hätten vielleicht noch drängender, noch zugespitzer gestaltet werden können. Die Drastik, die diese Musik eben auch kennt, schien bei Nagano (noch) etwas gebremst. Erfreulicherweise setzte er durchweg auf zügige Tempi und vorwärtsdrängenden Impetus und nicht auf eine in die Breite getretene Weihestimmung. Die würde zu Konwitschnys radikalem Abgesang auf Bigotterie und lebensfeindlicher Sektiererei auch nicht wirklich passen.
Naganos Wagner-Einstand ist also rundum gelungen und macht Lust auf mehr. Er hat gezeigt, dass er mit Wagner nicht minder souverän umzugehen versteht wie mit Britten oder Mussorgksy. Bemerkenswerterweise fühlte man sich manchmal sogar an die Energetik von Sawallischs Wagner-Dirigaten erinnert. Nagano soll ja einen guten Kontakt zum früheren Münchner Opernchef haben (am kommenden Samstag, 7. April wird er im Heimatort Sawallischs in Grassau mit Mitgliedern des Bayerischen Staatsorchesters ein Benefizkonzert für die Sawallisch-Stiftung geben).
Weitere Vorstellung von „Parsifal“ an der Bayerischen Staatsoper am 5. und 8. April, jeweils um 17 Uhr.
Robert Jungwirth

Gralsritter in der Unterwelt Foto: W. Hösl

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