Paquita

Tanzkritik: Paquita

Tanz um des Tanzes Willen

Tanzmuseum: Daria Sukhorukova (Paquita), Cyril Pierre (Inigo) Foto: W. Hösl

Alexei Ratmansky rekonstruiert Marius Petipas „Paquita“ in München
Von Christian Gohlke
(München, 13.12. 2014) Es ist wie ein Besuch in einer versunkenen (Theater-)Welt. Und das nicht, weil die Geschichte vom Zigeunermädchen Paquita, das sich als Grafentochter entpuppt und schließlich standesgemäß heiraten darf, im Jahr 1810 spielt, sondern weil Ausstatter Jérôme Kaplan die Orts- und Zeitangaben des Librettos von Joseph Mazilier wirklich befolgt und darum historisierende Kostüme und Bühnenbilder geschaffen hat. Eine schroffe Felsenlandschaft, eine düstere Räuberhöhle und einen prächtigen Ballsaal stellt Kaplan auf die Bühne, die von Tänzern in eleganten Empire-Kleidern oder in buntscheckigen Zigeuner-Gewändern bevölkert wird. Dem „Geist des Originals“, heißt es ausdrücklich auf der Homepage des Bayerischen Staatsballetts, soll mit dieser Inszenierung „Gerechtigkeit widerfahren“. Rekonstruktion, nicht Interpretation, Wiederherstellung, nicht Neudeutung ist also das Anliegen dieser Produktion.
„Paquita“ wurde 1846 in Paris uraufgeführt und ein Jahr später von Marius Petipa nach St. Petersburg übernommen. 1881 hat Petipa die alte Produktion überarbeitet, wofür sein Hauskomponist Ludwig Minkus der Musik von Deldevez, die bisher gespielt worden war, einige wichtige neue Nummern hinzufügte. Nur diese späten Ergänzungen haben sich als Glanzstücke klassischer Tanzkunst im Repertoire einiger Kompanien bis heute erhalten. Das abendfüllende Handlungsballett selbst war zwar bis 1926 im Mariinsky Theater zu sehen, verschwand dann aber vom Spielplan. Doch Petipas Choreographie wurde vermutlich im Jahr 1902 in der sogenannten Stepanov-Methode notiert. Auf der Grundlage dieser Notation, die heute als Teil der Sergeyev-Sammlung in Harvard liegt, haben Doug Fullington und Alexei Ratmansky versucht, Petipas Ballett „Paquita“ gerade so, wie es um 1900 in St. Petersburg getanzt wurde, am Münchner Nationaltheater wiederauferstehen zu lassen.
Das Ergebnis dieser akribischen Arbeit zeigt vor allem eines, nämlich wie viel John Cranko und John Neumeier für die Entwicklung des Handlungsballetts in den letzten fünfzig Jahren geleistet haben. Wird im „Onegin“, im „Sommernachtstraum“, in der „Kameliendame“ Handlung in Tanz aufgelöst, so stehen sich bei Petipa beide Komponeten meistens noch ordentlich getrennt gegenüber. Ein wenig erinnert das an die barocke Oper, in der die Handlung durch Rezitative vorangetrieben wird, wohingegen die Affekte der Figuren durch Arien vermittelt werden. Petipa erzählt die Geschichte von Paquita in Sequenzen, die eher an Pantomime als an klassischen Tanz denken lassen. Der setzt immer erst dann ein, wenn die Handlung ihn dramaturgisch schlüssig zulässt. Was bei diesen Gelegenheiten tänzerisch dargeboten wird, ist allerdings mehr virtuoser Selbstzweck als Ausdruck bestimmter Emotionen oder Befindlichkeiten.
Manchmal wird der Tanz allerdings auch schon bei Petipa zum Medium der Handlung. Wenn Paquita im zweiten Bild einen Mordanschlag auf ihren Geliebten Lucien vereitelt, indem sie flugs den mit Schlafmittel gemischten Wein dem Ganoven Inigo unterschiebt, dann wird die zunehmende Benommenheit des hereingelegten Schurken (Cyril Pierre) charmant in den Tanz von Lucien und Paquita integriert. Daria Sukhorukova und Tigran Mikayelyan brillieren als Liebespaar nicht nur in dieser Szene. Beide sind technisch versiert und beherrschen die rhythmisch oft vertrackten Partien mit großer Sicherheit. Das lebhafte Zigeunermädchen glaubt man der filigranen Daria Sukhorukova zwar nicht unbedingt, aber es stellt sich am Ende dann ja auch heraus, dass Paquita in Wirklichkeit die Tochter eines Grafen ist, so dass der Hochzeit mit Lucien nichts mehr im Wege steht. Ein großer Ball beschließt die Handlung, und nun werden die tänzerischen Bravourstücke wieder wie die Perlen an einer Kette aneinandergereiht. Die Compagnie des Staatsballetts präsentiert sich dabei in beachtlicher Form. Man erlebt technisch anspruchsvollen Tanz um des Tanzes willen – und ermüdet darum nach einiger Zeit doch ein wenig. „Hier sieht man“, heißt es einmal boshaft in einer Bildergeschichte von Wilhelm Busch, „zierliche Bewegung / doch ohne tiefre Herzensregung.“ Zu diesem Eindruck trägt die Musik der Herren Deldevez und Minkus entschieden bei. Myron Romanul leitet das Staatsorchester umsichtig, das all diese hübschen, wohl gar nicht leicht zu spielenden Belanglosigkeiten mit sattem, dunklem Klang musiziert.
Farbenfrohe Kostüme, virtuoser Tanz, eingängige Musik – und doch: so recht begeistern wird diese Rekonstruktion nur kompromisslose Anhänger des klassischen Spitzentanzes. Was Alexei Ratmansky mit seinem Team mühevoll erarbeitet hat, gewährt einen interessanten historischen Einblick in die Entwicklung des Handlungsballetts. Dem „Geist des Originals“ widerfährt damit sicher Gerechtigkeit. Ob außerdem aber auch ein Theaterabend geglückt ist, der, wie es weiter auf der Internetseite des Staatsballetts heißt, dem „Unterhaltungsbedürfnis und den Rezeptionsmöglichkeiten eines Publikums von heute gerecht wird“?

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