Orlando Haydn Berlin

Raserei im Märchenwald

Orlando im Märchenwald Foto: Ruth Walz

Haydns „Orlando Paladino“ an der Berliner Staatsoper
(Berlin, 8. Mai 2008) Im Hintergrund ragt ein lilafarbenes Schloss auf, per Drehbühnenaktivität auch von innen zu sehen, mit einem Rittersaal voller Wappen und Hirschgeweihe; davor ein Tannenwald, niedrig genug, damit der rasende Orlando Bäume ausreißen kann, und hoch genug, um Komparsen in Gestalt von allerlei zottigen Fabelwesen unvermutet zwischen den Zweigen auftauchen und verschwinden zu lassen.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich Haydns „heroisch-komische“ Oper „Orlando Paladino“: Der Ritter Orlando verfällt dem Wahnsinn, weil sich seine Angebetete, Angelica, dem Schönling Medoro hingegeben hat; er will die beiden töten. Da aber sind der kampfeslustige Rodomonte, „König der Berberei“, und die Zauberin Alcina vor, die den tobsüchtigen Orlando in einen Käfig sperrt, zu Stein erstarren lässt und ihn schließlich mit Wasser aus dem Totenfluss Lethe von seinen Erinnerungen und damit auch vom Wahnsinn befreit.
Jede Menge Stoff für Bühnenzauberei also; das trug seinerzeit sicher nicht unwesentlich zum Erfolg der Oper bei, die in den beiden Jahren nach ihrer Uraufführung allein in Esterháza 30 Mal gespielt wurde und wenig später einen wahren Siegeszug über die Bühnen des deutschsprachigen Raums bis hin nach Breslau und Petersburg antrat. Und es trägt neben der ausgesprochen einfallsreichen und wirkungsvollen, an den frühen Mozart erinnernden Musik sicherlich auch dazu bei, dass „Orlando Paladino“ zu den Leuchttürmen der kleinen Haydn-Opern-Renaissance gehört, die nicht erst seit diesem Jubiläumsjahr zu beobachten ist.
Die Regisseure Nigel Lowery (Bühnenbild, Kostüme) und Amir Hosseinpour (Choreographie), bekannt für turbulent-bilderreiche Inszenierungen, greifen entsprechend tief in die Trickkiste, lassen Bühnennebel wabern und Theaterdonner krachen, projizieren bei der Verwandlung des Bühnenbildes in die Höhle der Alcina im 2. Akt ein riesiges blinzelndes Auge auf den Eisernen Vorhang und später die wirbelnde Gestalt der Zauberin selbst – ein reizvolles Spiel mit den Mitteln des Theaters. Der „komische“ überwiegt dabei erheblich den „heroischen“ Anteil, allein schon wegen der zahlreichen Slapstick-Einlagen: wenn etwa der Berber-Krieger Rodomonte (Pietro Spagnoli), der als Seeräuber samt Augenklappe auftritt, immer wieder seinen Krückstock mit dem Schwert verwechselt; wenn Orlandos Knappe Pasquale (Victor Torres), ein ständig von Hunger geplagter Vorläufer des Leporello aus „Don Giovanni“, einen wackelnden Stoff-Esel an einer Schnur hinter sich her zieht oder wenn eigene und fremde Hände im Eifer des Gefechts versehentlich abgehauen und flugs wieder festgebunden werden. Auch das Auftreten Orlandos (Tom Randle) als zotteliger Knüppelknilch, der brüllend über die Bühne tobt, unterstreicht den komischen Aspekt der Figur auf Kosten ihres tieferen Gehaltes, der sich in der Musik manifestiert, hat Orlando doch gleich drei ernste Arien zu singen.
Der seriöse Anteil, den Dirigent René Jacobs im Programmbuch mit Verweis auf die inhaltliche Korrespondenz mit Mozarts „Zauberflöte“ darlegt, kommt in dieser Inszenierung insgesamt ein bisschen kurz, und so gerät auch der vergleichsweise handlungsarme 3. Akt ziemlich langatmig.
An den Sänger liegt das nicht; sie entstammen zum größten Teil der bewährten Riege von René Jacobs (der seit nunmehr 13 Jahren an der Berliner Staatsoper alljährlich ein bis zwei Produktionen aus dem Bereich der Alten Musik leitet) und sorgen für ein durchgehend exzellentes musikalisches Niveau, zusammen mit dem ausgesprochen nuanciert und farbenreich spielenden Freiburger Barockorchester, dem man einige daneben geratene Einsätze gern verzeiht. Besonders herausragend: Marlis Petersen als Angelica mit sinnlich-warmer Sopranstimme und Sunhae Im in der Rolle der kecken Schäferin Eurilla, mit koboldhaftem Humor und spielerischer Koloratursicherheit.
Alles in allem ein musikalisch sehr anregender und szenisch unterhaltsamer Abend, von dem man nicht zuviel Tiefgang, dafür aber mehr als einen Überraschungs- und Lacheffekt erwarten darf.
Eva Blaskewitz

Die Schöne und das Biest Foto: Ruth Walz

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