Orest Trojahn

Opernkritik: Orest

Orest im Büßerhemd

Klemens Sander als Orest Foto: Theater

Orest auf der Suche nach einem Ausweg aus seiner schuldig-unschuldiger Verstrickung:
Manfred Trojahns "Orest"-Oper im Wiener Museumsquartier
Von Derek Weber
(Wien, 1.November 2014) Manfred Trojahn gehört zu jener raren Spezies von zeitgenössischen Komponisten, deren Opern mehr als nur einmal aufgeführt zu werden pflegen. Sein  2011 entstandener "Orest" wurde Ende 2011 an der Nederlandse Opera uraufgeführt; jetzt erlebte er im Wiener Museumsquartier bei der Neuen Oper Wien seine österreichische Erstaufführung.
"Orest" – das ist die Fortsetzung der Geschichte, mit der Richard Strauss seine "Elektra"-Oper enden läßt. Den roten Faden fand Trojahn, der das Libretto für seine Oper selbst geschrieben hat, bei Euripides: Der wahnsinnig gewordene Orest wird von Elektra dazu aufgestachelt, die schöne Helena und ihre Tochter Hermione zu ermorden. Die Geschichte selbst hat Trojahn für seine Zwecke adaptiert, die Gestalten des Dionysos und Apollon samt einer Puppe zusammengelegt und einen Schluß gefunden, der Orest die Chance gibt, seinen eigenen Weg der Bewältigung der Schuld zu gehen, die er durch die Ermordung Klytämnestras (und nun auch Elektras) auf sich geladen hat.
In der Wiener Inszenierung von Philipp M. Krenn turnt Orest (mit kernigem Bariton: Klemens Sander) schon am Anfang, getrieben von Selbstmordgedanken, an der Bahnsteigkante in einem herabgekommenen Bahnhof herum. Die (vom Band zugespielten) sechs Erynnien-Stimmen sorgen dafür, dass er nicht vergessen kann, was er getan hat. Dazu kommt Elektra, die ihn bestürmt, Helena zu töten. Auch Appolon, der Orest zum Muttermord angestiftet hat, läßt ihn mit seiner Schuld allein. Erst Hermione, die Tochter Helenas setzt den Läuterungsprozeß in Gang: Orest vermag sie nicht zu töten.
Die Handlung ist sehr komprimiert. 80 Minuten braucht der Komponist, um sie zu erzählen. Und da die Szenen rasch wechseln und nicht alle SängerInnen wortdeutlich artikulieren, ist gespannte Aufmerksamkeit erforderlich, um folgen zu können. Die Musik mißt alle Möglichkeiten aus. Sie ist so gesanglich wie eruptiv. Manche haben nach der Vorstellung gemeint, Trojahn sei eigentlich über Richard Strauss nicht wesentlich hinausgegangen. Ist er aber doch, auch wenn das Orchester (das "amadeus-ensemble wien") im Vergleich zur "Elektra"-Maschinerie klein ist. Mit Raffinesse, subtil und gebändigter Energie ist das gearbeitet, hat durchaus Melos, wenn auch natürlich keinen Fin-de-Siècle-Walzer-Wahnsinn. Oder war damit nur gemeint, dass Trojahn die Sänger nicht zu den heute üblichen Gewaltsprüngen antreibt?
Das Orchester war jedenfalls – konzis geleitet vom unverwüstlichen Walter Kobéra, der sich seit vielen Jahren für die zeitgenössische Musik in Wien einsetzt – mit großem Einsatz bei der Sache, ebenso der Wiener Kammerchor und vor allem die Solisten, nicht nur der schon erwähnte Klemens Sander in der Titelrolle. Dan Chamandy setzte sich als König Menelaus im Tenorduell gegen den Appolon/Dionysos Gernot Heinrichs nach Punkten durch (mit festgefügter Stimme auch in den Höhen), Jennifer Davison war eine lyrische Helena, Jolene McCleland eine hinreißend-harte Elektra und Avelyn Francis eine jugendlich-klare  Hermione.
Der Applaus war für eine zeitgenössische Oper mehr als nur freundlich.

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