Opfergang

Später Expressionismus

John Tomlinson Foto: Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Im Auditorium Parco della Musica in Rom wurde die Kantate "Opfergang" von Hans Werner Henze uraufgeführt

(Rom, 10. Januar 2010) Es war ein Event von nationaler Tragweite. Musikkritiker kamen aus ganz Italien angereist und als Hans Werner Henze den großen Konzertsaal des römischen Auditoriums betrat, brandete ihm langer Applaus entgegen. Der alte und körperlich angeschlagene Komponist verbeugte sich ein wenig und schien tief berührt zu sein.
Zum ersten Mal überhaupt war er von einer italienischen Musikinstitution damit beauftragt worden, eine Komposition zu verfassen. Bisher war Henze in Italien zwar hier und dort aufgeführt worden, aber Auftragswerke, nein, die gab es nicht für den wohl berühmtesten lebenden Komponisten Deutschlands, der nicht weit von Rom in den Albaner Bergen lebt. Und das nun schon seit 50 Jahren. Weshalb dem ersten italienischen Auftragswerk Henzes eine besondere Bedeutung beigemessen wurde.
Henze schrieb eine "Cantata" mit dem Titel "Operfgang". Ein Titel, der sich von dem gleichnamigen Gedicht Franz Werfels ableitet, dessen Text der Komponist seinem neuen Werk zugrunde legte. Aus dem Gedicht wurde eine Art Libretto, denn was Henze daraus machte, ist mehr als eine "Cantata", fast schon eine Kleinoper, die etwas mehr als eine Stunde dauert.
Protagonisten sind ein fliehender Mann, wahrscheinlich ein Krimineller oder ein sonst wie von der Polizei Gesuchter, und ein kleiner Hund, ein Schosshund, der seinem Frauchen entlaufen war. Neben diesen beiden Protagonisten, der kräftige aber stimmlich ein wenig in die Jahre gekommene Bass John Tomlinson sang den Fliehenden und der brillante Tenor Ian Bostridge das Hündchen, trat ein vierstimmiger Männerchor auf.
 
Eine Mini-Oper mit viel Handlung, die allerdings ohne Bühnenbilder geboten wurde. Antonio Pappano dirigierte das Orchester der Accademia di Santa Cecilia. Ein Werk, das durch seine zahlreichen und meisterhaft verwendeten musikalischen Anspielungen auf Komponisten zu Beginn des letzten Jahrhunderts besticht. Wahrscheinlich lehnte sich Henze damit an die Zeit an, in der Werfel sein Gedicht verfasste. "Opfergang" stammt aus dem Jahr 1919 und fasziniert durch einen fast schon expressionistischen Ansatz.
 
Henze greift diesen Ansatz auf. Seine Musik ist in weiten Teilen tonal und wirkt damit schon anachronistisch. Wer genau hinhörte begriff, wie sehr er sich von Mahler, von Strauss und anderen Komponisten des letzten Jahrhunderts beeinflussen liess. "Opfergang" ist kein musikalisches Patchwork eines alten Mannes, der nur noch sich selbst zelebriert, sondern eine ungemein interessante Auseinandersetzung mit Werfels Langgedicht.
 
Ein dramatisches Gedicht. Der Fliehende tötet den Hund und begreift durch diese Tat, wie verloren sein Leben ist. Henzes Musik rutscht nie ins Rührselige ab und erinnert in ihren expressionistischen Klängen immer wieder an Alban Bergs "Wozzeck". Henze gelingt es, das Irreale, das Expressionistische und schon Abstrakte in der Werfelschen Ausdrucksform in Noten umzusetzen. Das ist musikalisch nicht revolutionär, ergriff das Publikum aber durch eine musikalische Sprache, die sich, mit der gleichzeitigen Lektüre des Gedichts, Satz für Satz nach verfolgen lässt.
Ein Werk, das hoffentlich bald auch in Deutschland zu hören sein wird. Eine Komposition, die beweist, dass Henze noch immer – auch mit über 80 – ein Magier der Musik ist.
Thomas Migge
 

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