Opera incognita München

Foto: Misha Jackl

Die Macht des Handys

Die private Münchner Operntruppe Opera Incognita verknüpft brillant Menottis „The Telephone“ mit Puccinis „Gianni Schicchi“

Von Klaus Kalchschmid

(München, 19. 5. 2017) Giacomo Puccinis herrliche Erbschleicher-Komödie „Gianni Schicchi“ wird immer häufiger wie vom Komponisten vorgesehen innerhalb seines „Trittico“ zusammen mit den Einaktern „Il Tabarro“ und „Suor Angelica“ aufgeführt. Wer sie mit anderen Stücken kombiniert, muss genau darauf achten, dass pralle Komik nicht das Pendant erschlägt. Andreas Wiedermann hatte nicht nur die kluge Idee, Gian Carlo Menottis „The Telephone“ von 1947 vorausgehen zu lassen, sondern verschränkte beide Teile durch einen missing link. Da hat es Sinn, dass Ernst Bartmann am Klavier ein ganzes Orchester ersetzt, um zwischendurch auch raffiniert improvisieren zu können.

Menottis Zweipersonen-Oper „Das Telefon“ handelte vor 70 Jahren noch von etwas sehr Exotischem. Umso verrückter die Idee, dass der arme Ben seiner geliebten Lucy keinen Heiratsantrag machen kann, weil sie ständig an der Strippe hängt – und allen möglichen Freundinnen ihr Leben erzählen muss. Natürlich ist das Schnur-Telefon von damals heute ein eben gekauftes neuestes Smartphone. Wunderbar auf den Punkt gebracht, inszeniert Wiedermann die Verzweiflung des Mannes, der alles probiert – einschließlich eines bei Menotti nicht vorgesehenen Striptease –, um die Aufmerksamkeit der Frau zu erreichen. Schließlich schafft er es doch noch, mit ihr zu kommunizieren – per Mobilphone! Samantha Britt und der Litauer Mantas Gacevicius füllen – in der englischen Originalsprache mit Obertiteln – ihre Rollen perfekt und überaus witzig aus, singen dabei aber auch pointiert.

Im zweiten Teil zelebriert Wiedermann die Hochzeit in Seattle – mit der gesammelten Verwandtschaft aus Italien! Höhepunkt der Feier ist der berühmteste Schlagersänger aller Zeiten – oder dessen Double. Die weiblichen Mitglieder der Familie geraten darüber aus dem Häuschen, die Männer sind eher peinlich berührt ob dieses Verhaltens, oder erleiden gar einen Herzinfarkt – wie Buoso Donati; womit wir – wenig später – in Florenz landen und beim Testament des bigotten Alten aus Puccinis Oper angelangt sind, der alles der Kirche vermacht hat. Also engagiert die gierige Verwandtschaft auf Geheiß des jungen Rinucchio den gewieften Gianni Schicchi. Der diktiert, gut vermummt, dem Notar als todkranker Buoso ein neues Testament, in dem er der Verwandtschaft zwar ein paar Immobilien aus dem reichen Erbe schenkt, die Sahnestücke aber seinem „lieben Freund Gianni Schicchi“ vermacht. Wo sich bei Puccini dieser am Ende wünscht, der Applaus des Publikums möge ihn aus der Hölle holen, wohin ihn Dante verfrachtet hat, klingelt hier – ein Telefon!

Bei „Gianni Schicchi“ gibt Wiedermann dem Affen richtig Zucker und scheut sich vor keinem Slapstick. Aber dieser hat perfektes Timing, ist herzerfrischend und zündet zwischen Kühlschrank, eilig zusammengezimmertem Bett und ein paar Kissen wunderbar. Auch die Sängerinnen und Sänger beweisen allesamt hohes komisches Talent und viel Mut zur – auch musikalischen – Übertreibung. Der finnische Bariton Herfinnur Arnafjall dominiert als verschlagener, eher wenig sympathischer Gianni Schicchi. Auch Sopranistin Helena Goldt – szenisch wie musikalisch überaus originell in ihrem berühmten „Un mio babbino caro“, das hier nicht zur Wunschkonzertnummer verkommt – und Tenor Rodrigo Trosino als ihr Rinuccio geben ein schönes Liebespaar ab, mit dessen Musik Puccini sich fein selbst parodiert.

Weitere Aufführungen:
Fr., Sa., 26. und 27. Mai (jeweils 20 Uhr) im Hubertussaal von Schloß Nymphenburg.  Am 2. September hat „Carmen“ als Produktion der Opera Incognita Premiere im Mixed Munich Arts (MMM, Katharina-von-Bora-Str. 8a)

Foto: Misha Jackl

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Foto: Misha Jackl

 

 


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