Raskatovs Oper nach Heiner Müllers Germania in Lyon uraufgeführt

Stalin grunzt

Alexander Raskatov hat aus Heiner Müllers „Germania“-Stücken ein furioses Alptraum-Opernspektakel gemacht – als Auftragswerk der Oper Lyon wurde es jetzt dort uraufgeführt

Von Robert Jungwirth

(Lyon, 19. Mai 2018) Heiner Müllers Stücke zählen derzeit nicht gerade zu den am häufigsten gespielten Dramen auf deutschsprachigen Bühnen. Das einstige Theater-enfant-terrible der DDR mit der überbordenden Lust am Untergang scheint mehr noch als der andere große „sozialistische“ Dichter und auch mehr als der Übervater Brecht aus der Zeit gefallen zu sein. Warum sich mit dem politischen Totalitarismus des 20. Jh. auseinandersetzen, nachdem der Kapitalismus so strahlend über den Kommunismus gesiegt hat und der Zweite Weltkrieg vor 70 Jahren zu Ende ging? Es wäre spannend zu erfahren, wie Müller den Totalitarismus der Globalisierung und des Turbokapitalismus heute kommentieren würde – ob er sich ihm mit dem dichterischen Flammenschwert entgegenwerfen würde? Doch der Schriftsteller, der bereits 1995 starb, fühlte sich bereits nach der deutschen Wende seltsam uninspiriert von der neuen Gegenwart und veröffentlichte kaum noch etwas. Zu seinen letzten Theater-Projekten gehört das Stück „Germania 3 – Gespenster am toten Mann“, in dem er unter anderem Hitler und Stalin auf die Bühne bringt, aber auch Ulbricht und Thälmann.

Umso erstaunlicher ist es, dass nun ein Musiktheater sich dieses Textes und seines Vorläufers, „Germania Tod in Berlin“, angenommen hat. Der russische Komponist Alexander Raskatov, der am Tag von Stalins Begräbnis geboren wurde, montierte 10 Szenen aus beiden Stücken zu einem gut zweistündigen musikalischen Höllenritt durch Stalinismus, Nationalsozialismus sowie deutsch-deutsches Nachkriegselend – und das Ergebnis mit dem Titel „GerMANIA“ überzeugt auch und gerade wegen Raskatovs intelligent karikierender, grotesk überzeichnender und hintersinnig kommentierender Musik.

Angeregt zu der Vertonung der Müllerschen Texte wurde Raskatov vom Intendanten der Oper Lyon, Serge Dorny, der die Oper bei ihm in Auftrag gegeben hat und nun in Lyon mit einem fantastischen Ensemble unter der nicht minder fantastischen Leitung von Alejo Perez zur Uraufführung brachte.

Ein spannendes und überaus gelungenes Projekt, das einmal mehr Dornys Gespür für theatrale Konzepte und Möglichkeiten zeigt. Denn im Vorfeld konnte man durchaus skeptisch sein, ob Müllers sperrige Untergangsrevue sich für eine Musikalisierung eignen würde. Doch Rakatovs Musik ist ebenso detailreich-gewitzt wie intensiv-affektreich in ihrer Mischung aus Karikatur und Horror, dass sie den Text mit einer Dringlichkeit und Spannung auflädt, die man beim Lesen so gar nicht empfindet. Das also kann Oper oder Musiktheater erreichen.

Müller und Raskatov spiegeln Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit deren Exponenten Hitler und Stalin in einer grotesken tour d’horreur. Da philosophiert Stalin über den „neuen Menschen“, während der „alte Mensch“ gerade in der Hölle von Stalingrad oder in den russischen Gulags zugrunde geht. Oder Hitler faselt vom Übermenschentum, während deutsche Soldaten ihren ermordeten Gegnern die Gedärme aus dem Leib reißen und Frauen vergewaltigt werden. Stalin spricht vom „Bruder Hitler“ und Hitler glaubt, dass sie beide noch nicht das Schlimmste gewesen sind in der Menschheitsgeschichte: „Sie werden wissen, was sie an uns hatten, wenn überall der Mensch den Menschen frißt!“.

Es wird geröchelt, gewürgt und gegrunzt (Stalin) in dieser eigenwilligen Oper und dazwischen oder auch gleichzeitig wird in vokalen Verrenkungen gesungen, die komisch und erschreckend gleichermaßen sind. Raskatov, dessen Oper „Hundeherz“ nach Bulgakow in Amsterdam und Lyon sensationelle Erfolge feierte,  gelingt es auf bestechende Weise, hochvirtuos zwischen Karikatur und Entsetzen hin und her zu pendeln – und damit auf geradezu ideale Weise mit dem Text zu korrespondieren.
Müller war der Theater-Chronist der europäischen Gewaltgeschichte und Raskatov hat 23 Jahre nach Müllers Tod dafür die passende Musik gefunden. Natürlich gibt es manchmal auch Wagner-Anklänge etwa zu Hitlers Untergang im Doppelselbstmord mit Eva Braun, oder die „Internationale“ erklingt, wenn Stalin über Leichenberge stolpert, aber auch das ist subtil und artifiziell verwoben.

Kongenial umgesetzt wird das in Lyon auch szenisch von Regisseur John Fulljames und seiner Bühnenbildnerin Magda Willi. Im Grunde gibt es nur ein beherrschendes Bühnenelement: ein diffuser Haufen aus Kleidern und Menschenleibern. Aus ihm stehen menschliche Gliedmaßen heraus, manchmal steigt aus irgendwelchen Öffnungen auch Rauch auf. Was da kokelt bleibt unklar und man riecht es glücklicherweise auch nicht. Hitler und die deutschen Soldaten kommen mit einem verzottelten Schäferhund auf die Bühne, der so abgerissen aussieht, als hätte er mehrere Jahre Fronterfahrung hinter sich. Allein der Hund ist schon sehenswert in seiner jämmerlichen Kreatürlichkeit (er muss übrigens auch in die Maske, bevor er die Bühne betritt).

Phänomenal sind auch die sängerischen Leistungen. Viele Partien, wie die von Hitler oder Stalin führen die Sänger in extreme vokale Randbereiche. Hitler, staunenswert von James Kryshak gesungen, ist von Raskatov als „buffonesker hysterischer Tenor“ gekennzeichnet, der sich zu absurden Höhen aufzuschwingen hat. Ein wenig erinnert das an den Hauptmann in Bergs Wozzeck, der als Vorbild gedient haben mag. Und der Bass von Stalin (Gennadii Bezzubenkov) muss außer singen auch noch grunzen und über fachfremde Höhe verfügen. Seltsame Töne entlockt Raskatov auch dem Orchester, wobei besonders häufig das Kontafagott zum Einsatz kommt.

Und das vielleicht Erstaunlichste dieser Aufführung: Müllers ach so angestaubte Monsterrevue erscheint plötzlich aktuell, wie sie das noch vor 10-15 Jahren nicht gewesen ist. In vielen Ländern – auch in Europa – feiern heute totalitäre Herrscherfiguren fröhliche Urständ, inszenieren sich zu kleinen Pseudo-Diktatoren, werden Freiheitsrechte auf unterschiedlichsten Feldern und Ebenen eingeschränkt und beschnitten. Und der „neue Mensch“ scheint heute das besinnungslos konsumierende Manipulations- und Überwachungsobjekt von (Internet-)Wirtschaft und Politik – der perfide Totalitarismus des 21. Jahrhunderts. Gleichzeitig wird in unserer Gegenwart das Erinnern an die Katastrophen von Hitler und Stalin immer weniger, weil Zeitzeugen sterben und das Vergessen und Verdrängen wieder stärker wird. Schon heute wissen viele Schüler in Deutschland nicht mehr, wer Herr Stalin war.
Es gibt also viele Anknüpfungspunkte und Aktualitäten in diesem grandiosen Stück Musiktheater über den politischen und menschlichen Horror in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Bleibt zu hoffen, dass „Germania“ bald auch auf deutschen Bühnen zu sehen sein wird.

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