Oper Der Prozess von Einem in Salzburg

Überwachen und Ausschalten

Gottfried von Einems Oper „Der Prozess“ zumindest konzertant bei den Salzburger Festspielen zum 100. Geburtstag des Komponisten

Von Derek Weber

(Salzburg, 14. August2018) Man könnte fast auf die Idee kommen, dass man in Salzburg beinahe den 100. Geburtstag jenes Mannes vergessen hätte, der bei der Wiederingangsetzung der Salzburger Festspiele nach 1945 eine wichtige Rolle spielte. Gottfried von Einems wurde in der Tat nur mit der konzertanten Aufführung seiner Kafka-Oper „Der Prozess“ gedacht. Das war´s.

Und obwohl der Dirigent dieses Ereignisses, der Komponist und Einem-Freund HK „Nali“ Gruber sich erfreut darüber zeigte, dass ihm auf diese Weise kein Regisseur mit schlechten Ideen ins Handwerk pfuschen könne, gibt es doch starke Indizien dafür, dass eine szenische Umsetzung ein Gewinn gewesen wäre. Denn die Musik erzählt von Dingen, die sich auf der Bühne abspielen und szenische Effekte hörbar verstärken.

Es geht ja in Kafkas Roman, der dem Libretto der Oper (von Boris Blacher und Heinz von Cramer) zugrunde liegt, um ziemlich düstere Ereignisse, um aggressive obrigkeitliche Übergriffe auf das Privatleben des „Herrn K.“, die mit dessen Vernichtung enden. Und irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass die Geschichte ziemlich viel mit dem zu tun hat, was heute generell (und in manchen Ländern ziemlich konkret) vor sich geht: Überwachung, Beschnüffelung, Bedrohung. Das Potenzial dafür ist heute wahrscheinlich größer und schlimmer als je zuvor unter demokratisch verfassten Bedingungen.

Bei Einems Werk, das kaum einer kennt, ist es schwer, über Mängel oder Schwächen zu sprechen. Doch kann nicht übersehen werden, dass die Oper im zweiten Teil Längen enthält, denen durch Kürzungen abgeholfen werden könnte bzw. denen der Komponist von vornherein durch Straffung begegnen hätte können.

Denn der ostinate Sog, den der Beginn der Oper musikalisch entwickelt, versiegt, im Lauf der Zeit, die Handlung verzettelt sich ab dem 6. Bild, in dem Josef K. mit seinem Onkel einen Advokaten aufsucht und sich im Nebenzimmer dem Mädchen Leni zuwendet. (Dieses Urteil würde sich in einer phantasievollen Bühnenaufführung höchstwahrscheinlich relativieren. Eine Oper ist eben darauf hin berechnet, szenisch umgesetzt zu werden.)
Konzertant bliebe nur die Möglichkeit, zu kürzen. Denn im zweiten Teil beginnt die Oper auf der Stelle zu treten. Was bleibt und was an der Musik fasziniert, ist ihre unbedingte Durchhörbarkeit.

Die Sänger und Sängerinnen – allen voran Michael Laurenz als Josef K. – sind bis in die Nebenrollen hinein gut besetzt. Und Nali Gruber dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit großer rhythmischer Klarheit. Die Wortdeutlichkeit wird durch Übertitel unterstützt, ohne die sich vieles in den Weiten der Felsenreitschule verlieren würde.

Als Resümee lässt sich festhalten, dass eine Oper von solcher Dichte und von solchem Gewicht wie „Der Prozess“ mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, als bloß eine konzertante Aufführung, zumal wenn dieses Stück von jemandem komponiert wurde, der in der Geschichte der Festspiele von Bedeutung war: Einem war 1948 ins Festspieldirektorium berufen worden, wurde jedoch auf Grund seines Einsatzes für Bert Brecht und seines – wie noch heute mancherorts erzählt wird – „undiplomatischen“, d.h. offenen Eintretens für eine grundlegende Neuorientierung des Festivals von der Politik gemaßregelt und ausgebootet. Mit dem Beginn der Ära Karajan war sein Stern endgültig im Sinken begriffen.
Davon abgesehen sollte man sich daran erinnern, dass der Josef K. der Uraufführung kein Geringerer als Max Lorenz war.

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