Oper als Sozialprojekt in Rom

Carmen zum Mittanzen

„Carmen“ als Integrationsprojekt Foto: Orchestra di Piazza Vittorio

In Rom präsentierte das Orchestra di Piazza Vittorio eine rhythmisch aufgeheizte Version von Bizets Opernklassiker – als soziales Integrationsprojekt in einem Problemviertel der Stadt
Von Thomas Migge
(Rom, im November 2015) Carmen tanzt und singt. Und auch Don José und selbst Escamillo kommt hüftenschwingend und mit flotten Tönen daher. Einzig Micaela wirkt traurig und bemitleidenswert. Bizets Partitur für „Carmen“ wurde vom Orchestra di Piazza Vittorio auf seine rhythmischen Seiten hin abgeklopft. Diese Seiten aneinandergereiht und vermischt mit Latino- und Arab-Pop-Sound ergab eine ganz neue Partitur, die aber in Sachen Handlung und auch Musik noch unverkennbar „Carmen“ war. Nur eben musikalisch flotter. So flott, dass das Publikum am liebsten aufgesprungen wäre, um mitzutanzen und zu singen. Das neue „spettacolo“ des Orchestra di Piazza Vittorio begeisterte das römische Publikum. Und weil bisher sämtliche Veranstaltungen dieses Orchesters so gut ankamen, gab es im römischen Teatro Olimpico, 16 Abende lang Vorstellungen. Fast immer ausverkauft.
Das Orchestra di Piazza Vittorio ist ein echt römisches Phänomen. Die Piazza Vittorio mit ihrem leicht herunter gekommenen Park im zentralen Esquilinoviertel ist zu einem sozialen Brennpunkt geworden. Vor allem Chinesen aber auch Einwanderer aus Lateinamerika und Afrika haben sich im Viertel niedergelassen. Oftmals zum großen Ärger der römischen Einwohner, die sich in so manchen Straßen in der Minderheit fühlen.Die Tatsache, dass sich vor allem die Chinesen von der übrigen Bevölkerung abschotten, mit ausschließlich chinesischen Schriftzügen in den Schaufenstern ihrer Geschäfte, sorgt ebenfalls für Unmut. Immer wieder kommt es zu Übergriffen von Neofaschisten, die im Esquilino ein Haus besetzt haben, auf Einwanderer.
In diesem Umfeld taten sich 2002 italienischsprechende und neue Bewohner des Esquilino zusammen. Menschen, die an und bei der Piazza Vittorio, dem größten Platz des Viertels, leben. Künstler und Schriftsteller, Musiker und Sänger. Jeder mit seinem eigenen individuellen, kulturellen und musikalischen Hintergrund. Die Idee zu einem multikulturellen Orchester hatten Mitglieder der Vereinigung Associazione Apollo 11, eine Kulturvereinigung im Esquilinoviertel, die sich seit Jahren darum bemüht, ein vielfältiges Kulturangebot zu bieten.
Mario Tronco, künstlerischer Direktor des Orchesters und Mitglied von Apollo 11, führte bei der „Carmen“ Regie. Zusammen mit Agostino Ferrente erarbeitete er die einzelnen Aufführungen. Tronco und den übrigen Beteiligten geht es darum, mit Hilfe von Musiktheater die soziale Integration voranzutreiben. So organisiert das Orchester auch Workshops mit Kindern und Jugendlichen im Viertel, in der Hoffnung, dass man sich qua Musik näher kommt, zumindest miteinander in Kommunikation tritt. Dieses musikalische Sozialprojekt wird seit seiner Gründung auch von der Stadt Rom und, ganz wichtig, von zahlreichen römischen Bürgern mitunterstützt.
Was 2002 zunächst wie eine kulturpolische Initiative sozialdemokratischer Gutmenschen aussah, um den, so schrieb damals eine Tageszeitung, „armen Ausländern zu helfen“, entwickelte sich zu einer wichtigen römischen Kulturrealität. Die „Zauberflöte im Stil des Orchestra di Piazza Vittorio“, eine Koproduktion mit Les Nuits de Fourvière und dem Festival Romaeuropa, war nicht nur in Rom und Italien ein großer Erfolg. Die im musikalischen Multikultistil modifizierte und ungemein witzig-spritzige Aufführung sorgte auch in verschiedenen europäischen Staaten und bei Festivals für Applaus. Inzwischen treten die Künstler des Orchestra auch in den USA und Lateinamerika auf.

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