Onegin in Stuttgart

Den Pianisten dirigieren

Foto: Staatsoper stuttgart/Martin Sigmund

Weil das Orchester streikte, gab man in Stuttgart die Premiere von Tschaikowskys „Eugen Onegin“ nur mit Klavierbegleitung
(Stuttgart, 30. November) Es war, wie in der Pause zu hören, „der Alptraum, aus dem man nicht mehr aufwacht“, oder, wie Intendant Albrecht Puhlmann vor der Premiere mit bewundernswerter Zurückhaltung sagte, „ein Sündenfall, der, und da möchte ich jetzt das übrige Orchester sogar in Schutz nehmen, der Willkür einiger Musiker zu verdanken ist.“ Als Warnstreik vor den Tarifverhandlungen am 4. Dezember gedacht, war diese Aktion eine rigide, rücksichtslose Blockade auf Kosten der Kollegen und des Publikums. Wenn statt einer „richtigen“ Aufführung eine Art Klavierhauptprobe stattfinden muss – wie es im übrigen gleichzeitig in Frankfurt mit der dort bestreikten „I Masnadieri“-Premiere und auch andernorts geschah – dann ist das vor allem ein Affront gegen die Sänger auf der Bühne und gegen das Regie- und Ausstattungsteam, deren Leistung kaum zu bewerten ist; einmal ganz davon abgesehen, welche Spannungen innerhalb des Orchesters entstehen, das zur Hälfte in pro und contra gespaltet ist.
Der Sache, einer besseren Besoldung der Orchestermusiker, dient eine derart spektakuläre Aktion, von der die Theaterleitung anderthalb Stunden vor Beginn der Vorstellung erfuhr, jedenfalls nicht. Stattdessen wenden sich Menschen, die vielleicht Verständnis für die Forderungen aufbringen würden, gegen die unverschämte Verweigerung, zumal keinerlei Information in Form von Flugblättern, Ansagen oder dergleichen stattfand. Streitpunkt ist die mögliche Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst für die Orchester, die die Arbeitnehmerseite, die Deutsche Orchestervereinigung, einklagt.
Immerhin hielten zwei Drittel der Besucher der Versuchung stand, sich den Preis der Karte erstatten zu lassen oder gegen eine spätere Vorstellung einzutauschen. Mehr noch als bei jeder anderen „Onegin“-Aufführung gab es Szenenapplaus nach jeder Arie, jedem Duett, jeder abgeschlossenen Szene – und das führte zu einem selten intensiven Band zwischen Publikum und Ausführenden. Die Sänger bedankten sich am Ende heftig klatschend für das Entgegenkommen, und auch der Pianist des Abends, Thilo Lange, der die Produktion als Korrepetitor begleitet hatte, ernetete für seine Leistung ungeheueren Applaus.
Leider kann man nicht sagen: Ende gut, alles gut! Denn Waltraud Lehners Konzept, das eine russische Nachwende-Gesellschaft im Umbruch zeigt, mit Bauzäunen vor einer abstrakten Eis-Landschaft zu Beginn (Bühne: Kazuko Watanabe), in der auf einer großen Reklametafel eine Plattenbausiedlung zu sehen ist, deren Bewohner entmietet werden; die schließlich in eine tropische Feriensiedlung mit Swimmingpool überführt, bzw. überklebt wird, bevor Fürst und Fürstin Gremina – alias Tatjana – mit ihrem Hofstaat am Ende in einem Luxus-Skiressort im Schneesturm vereisen (grandios vielfältig die Kostüme von Werner Pick) – dieses mutige, kluge, auf das Wesentliche reduzierte, die Musik nie verdoppelnde Konzept hätte der Reibungsfläche, des Gegenpols in Form eines ebenso leidenschaftlichen wie intimen Tschaikowsky-Orchesters bedurft. Dessen spezifische Qualitäten erläuterte Dirigent Marc Soustrout im Programmheft bestechend – und durfe dann doch nur einen einsamen Pianisten dirigieren. So sah und hörte man an diesem schrecklich denkwürdigen Abend eine mehrstimmige, großartig erdachte Fuge, in der die Hälfte der Stimmen fehlte und sich die Polyphonie nur noch mit viel Phantasie erahnen ließ.
Die Sänger stürzten sich todesmutig, ohne Netz und doppelten Boden in das Abenteuer, mühten sich nach Kräften und gaben ihr Letztes, was dennoch nicht ohne Irritationen und Gehemmtheiten im Singen und Spielen bleiben konnte. Einer jedoch ließ sich durch nichts und niemanden beirren und feierte ein sensationelles Stuttgart-Debüt: Roman Shulakoff. Die Ausdruckskraft, wie der der junge Russe die maßlos überbordende Eifersucht Lenskis, dessen große, todessehnsüchtige Arie vor dem Duell spielte und sang, so dass man kein Orchester mehr vermisste und einem das Herz stehenblieb und die Augen übergingen – das lag nicht nur an seinem wunderbar reichen lyrischen Tenor, der viele Farben besaß, sondern an den unbegrenzten Möglichkeiten seiner Gestaltung, die ganz tief auf den Grund dieser einsamen Figur blicken ließen, die er verkörperte.
Großartig die Idee der Regisseurin, das nun folgende „Duell“ als eine Art „Russisches Roulette“ ablaufen zu lassen – mit nur einer Pistole und einer einzigen Kugel, die Lenski in der Trommel belassen hatte. Der setzt sie sich an die Schläfe – klick – dann Onegin – klick – und wieder Lenski – der nicht aufhört abzudrücken, bis es ihn erwischt und er auf der schiefen Ebene mit einem irren Stunt nach hinten in den Abgrund kippt. Genau an dieser Stelle wird nach der Pause Onegin (zunehmend freier singend und spielend: Shigeo Ishino) kauern, in wattierter Jacke, irgendwo im Hochgebirge frierend, und noch einmal den schlimmsten Augenblick seines Lebens erlebend, bevor er wie in einem Alptraum die Polonaise in seinem Kopf hallen hört, ohne dass irgendjemand sich dazu bewegt.
Einmal nur wird bei Waltraud Lehner getanzt – und das geschieht, wenn der Outcast Triquet, ein alter Franzose, als ungebetener Gast auf der Einweihungsfeier der neuen Ferienanlage Tatjana (eher kühl, aber stimmlich souverän: Karine Babajanyan) ein schräges Geburtstagsständchen singt und sich mit ihr ausgelassen im Kreis dreht, als wären sie beide Kinder. Es ist der schönste und zugleich der gefährdetste Moment dieses Abends, der wie in einem Brennspiegel Glück und Unglück zusammenband.
Klaus Kalchschmid

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