Olga Scheps Vocalise

Singendes Klavier

Olga Scheps‘ neues Album „Vocalise“ überzeugt konzeptionell und musikalisch
Von Henriette Schwarz
(August 2015) „Vocalise“ heißt das neue Album der jungen deutsch-russischen Pianistin Olga Scheps – dabei ist eine Vokalise ja eigentlich ein Stück für die menschliche Stimme, das, wie die Bezeichnung schon verrät, nur auf Vokalen gesungen wird. Ein origineller, wenn auch im ersten Moment etwas in die Irre führender Titel für die Zusammenstellung der elf romantischen Klavierstücke verschiedener Komponisten von Chopin bist Liszt also, der sich bei näherem Hinhören aber als überaus passend entpuppt.
Die Pianistin über ihr Album in einem Interview mit WDR 3: „Ich finde, dass die gesangliche Komponente beim Klavierspielen eine sehr große Rolle spielt; ich habe das immer als eine große Herausforderung gesehen, das Gesangliche aus dem Klavier – was ja eigentlich von der Physik her ein Schlaginstrument ist – rauszuholen.“
Dass dies eine gute und noch dazu in Stückauswahl und musikalischer Umsetzung gelungene Idee ist, zeigt sich von der ersten Nummer der CD an, Frédéric Chopins schwermütiges Nocturne in c-Moll, op. 48 Nr. 1. Bestimmt und mit klarem Anschlag, dabei aber nie statisch, sondern mehr als flexibel in Dynamik und Tempo, stellt Olga Scheps hier die Melodie des Nocturne ins Zentrum des Geschehens und nimmt sich die Zeit, mit jedem einzelnen Ton die düsteren Tiefen so sensibel zu ergründen, dass das „Schlaginstrument“ ganz schnell vergessen ist.
Olga Scheps spielt die romantischen Melodien – ob in Franz Liszts Klavierfassung des Schumann-Liedes „Widmung“ aus dem Zyklus „Myrthen“ op. 25 oder Johannes Brahms‘ melancholisches Intermezzo in Es-Dur op. 117 No. 1 – mit sanfter Feinfühligkeit und viel Liebe zum Detail, ohne sie dabei mit Gefühlsüberschwang zu überladen. Im Gegenteil: ihre Interpretationen wirken trotz tiefer Emotion und Präzision leicht und unprätentiös, niemals kitschig. Ein bisschen Virtuosität darf auch nicht fehlen: Das umfangreichste Werk der CD, Schuberts „Wanderer-Fantasie“, ist – vor allem im rasanten Allegro – technisch höchst anspruchsvoll, was man Olga Scheps‘ Spiel aber überhaupt nicht anhört. Nach Gesanglichem klingt das nicht, vielmehr nach großem technischen Klavier-Können.
Namensgeber und eines der Herzstücke der CD (und übrigens erst an neunter Stelle zu hören) ist die „Vocalise“ von Sergej Rachmaninow, das Lied ohne Worte aus dem 1912 komponierten Liederzyklus op. 34 in einer Transkription für Klavier von Alan Richardson. Es bedarf bei Olga Scheps‘ Spiel nicht viel Fantasie, um sich die eingängige Melodie der „Vocalise“ mit Ohrwurmcharakter, die gelegentlich zum Mitsummen einlädt, statt vom Klavier gespielt von einer menschlichen Stimme gesungen vorzustellen. So einfühlsam und nuanciert – mal als kraftvolles Vorwärtsdrängen, mal als zerbrechlich-zartes Flimmern – spielt sie, dass sie das Klavier wahrlich singen lässt. Das Album hält, was sein Titel verspricht. 
 
Komplettes Interview mit Olga Scheps (WDR 3): http://www.wdr3.de/musik/olga-scheps-100.html

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