Olga Scheps, Valery Poliansky

Der Teppichleger

Überdeckt von Klangkatarakten: Olga Scheps war mit der Moskauer Staatskapelle in Köln zu hören © Uwe Arens/Sony Classical

Olga Scheps und die Staatskapelle Moskau unter Valery Poliansky zu Gast in Köln 
(Köln, 18. Oktober 2012) Die Russische Staatskapelle Moskau trägt ihren Namen erst seit zwei Jahrzehnten, früher hieß sie – wohl aus politischen Gegebenheiten – Sinfonieorchester des Staatlichen Rundfunks der UdSSR. Nach 1989 war das natürlich nicht mehr haltbar. Künstlerisch wurde die Vergangenheit allerdings nicht ausgeblendet, der Name des langjährigen Orchesterleiters Gennady Roshdestvensky besitzt noch heute Ausstrahlung. Der heutige Chefdirigent Valery Poliansky stieg unter ihm auf. Früher Leiter des Staatlichen Kammerchores, verfügt er jetzt über diesen und die Staatskapelle als organisatorische Einheit. Das ermöglicht so manche Repertoireerweiterung.
Das Kölner Gastspiel war aber rein sinfonisch konzipiert: Es gab gleich zwei ausgesprochen populäre Werke zu hören, "Schlachtrösser" könnte man sagen: das 2. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow (c-Moll, opus 18) sowie die Scheherazade-Suite von Nikolai Rimski-Korsakow. In beiden Fällen handelt es sich um Werke mit über weite Strecken großer, fast plakativer und gelegentlich sogar pathetischer Gebärde.
So wie Olga Scheps bei Rachmaninow einstieg, war das freilich noch nicht so ganz gewiss. Die Pianistin begann zurückhaltend, bedachtsam in der Schichtung der Akkorde, mit langsamen Crescendo geschickt auf den Orchestereinsatz hinsteuernd. Dann aber änderte sich das musikalische Bild. Fraglos ist das Werk sehr großzügig instrumentiert, immer wieder wölben sich satte Melodiebögen, lodern Forte-Klänge. Doch gerade dieses Übermaß wäre zu steuern gewesen. In einem Aufnahmestudio mag das durch gute Platzierung von Mikrophonen leichter zu erreichen sein, aber auch live gibt es Steuerungsmöglichkeiten. Solche hatte Valery Poliansky aber nur sehr bedingt im Auge. Er ließ breitflächig musizieren, erzeugte eine muskulöse Tonproduktion und legte üppige Klangteppiche aus, welche die körperzarte, aber bei Bedarf sehr kraftvoll spielende Olga Scheps mitunter unter sich begruben.
Wenn sich die Solistin aus solchen Katarakten wieder emporgearbeitet hatte, hörte man ein hochmusikalisches Spiel, durchaus mit Laune am Theatralischen, aber doch weiblich zart getönt. Die dynamische Faszination des Beginns – man glaubte Claude Debussys Glocken aus der "cathédrale engloutie" läuten zu hören – ließ an den Soloabend von Olga Scheps vor längerer Zeit zurückdenken (Kritik auf KlassikInfo), welcher die Künstlerin als Meisterin der musikalischen Feinzeichnung ausgewiesen hatte. Im Zusammenspiel mit der Moskauer Staatskapelle ging diese Qualität zwangsläufig etwas unter, wurde erst wieder durch die beiden Zugaben (Tschaikowsky, Brahms) bestätigt.
Bei Rimski-Korsakows "Scheherazade" war das Orchester immerhin mit sich allein. Dennoch machte die elementare Wucht des Beginns einigermaßen beklommen, die "Posaune von Jericho" im zweiten Satz wirkte aufgrund der nachfolgenden, raschen Tonrepetitionen der Trompete im Nachhinein immerhin legitim. Gleichwohl geriet die Interpretation insgesamt schwerblütig, es mangelte an Raffinesse, welche die klangsüffige Orientgeschichte unbedingt braucht. Dazu passte, dass die Soli des Konzertmeisters allenfalls akkurat, aber ohne agogischen Charme absolviert wurden.
Der letzte Satz, welcher in einem dramatischen Gongschlag ("Das Schiff treibt gegen den Magnetberg und zerschellt") seinen Höhepunkt findet, wurde freilich – auch und gerade von der Schlagzeugergruppe – virtuos musiziert. Doch eine wirklich in allen Belangen sinnfällige Klangdramaturgie fehlte auch hier. Selbst die erste Zugabe, der Walzer aus Tschaikowskys "Dornröschen", war kaum ein Soundtrack für Spitzentanz. Wirkungsvoll jedoch geriet der Ausschnitt aus dem Ballett "Der Bolzen" von Dmitri Schostakowitsch. Der ironisch lärmenden Musik wurde allseits Zunder gegeben: ein effektvoller und effektvoll gestalteter Kehraus.
Christoph Zimmermann 

 

 



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