Offenbachs Orphée bei den Salzburger Festspielen

Schlürf, plopp, peng

Barrie Kosky inszeniert in Salzburg Offenbachs „Orphée aux enfers“ virtuos mit schriller Komik

Von Christian Gohlke

(Salzburg, 14. August 2019) Die großen Mythen der Antike sind das Thema der diesjährigen Salzburger Festspiele. Originell ist das nicht, aber ergiebig und dankbar, basieren doch unzählige Opernstoffe auf mythologischen Motiven. Bedauerlich nur, dass dieser rote Faden nicht auch vom Schauspielprogramm aufgegriffen und fortgesponnen wird. Gerade zu diesem Thema gäbe es doch jede Menge interessanter Dramen.

Die vierte große Opernpremiere dieses Sommers ist der Orpheus-Sage gewidmet, und weil in diesem Jahr Jacques Offenbachs 200. Geburtstag gefeiert wird, werden in Salzburg nicht die Opern von Monteverdi oder Gluck gespielt, sondern eben Offenbachs 1858 in Paris uraufgeführte parodistische Variante von Orpheus in der Unterwelt, „Orphée aux enfers“. Der Komponist aus jüdischem Hause, der in Köln geboren und in Paris ausgebildet wurde, begründete damit gewissermaßen die Gattung der Operette, und darum war es genau richtig, Barrie Kosky, der Erfahrung mit diesem ausgesprochen heiklen Genre hat, mit der Inszenierung zu betrauen. Kosky widersteht der Versuchung, das Stück gesellschaftspolitisch oder sozialkritisch zu lesen. Er nimmt es vielmehr als das, was es ist: virtuos gemachte Unterhaltung, in der Klamauk, Frivolität und Zoten ihren Platz haben. So setzt dieser „Orphée“ einen schrillen Kontrast zum übrigen Opernprogramm und nimmt sich aus wie ein Satyrspiel zu den tragischen Geschichten um „Idomeneo“, „Médée“ und „Œdipe“.

Dass die Inszenierung gelingt, verdankt sie nicht zuletzt dem geschickten, originellen Umgang des Regisseurs mit den Dialogen des Stückes. Anders nämlich als zum Beispiel Simon Stone, der sie in Cherubinis „Médée“ schlankerhand gestrichen hat, lässt Kosky sie sprechen – aber nicht von den jeweiligen Sängern der Rollen (die natürlich vielen unterschiedlichen Nationen angehören), sondern von einem Synchronsprecher, der nicht nur alle Stimmen imitiert, sondern auch mit komikartigen Geräuschen (wopp, plopp, bling, klack, flutsch) die Aktionen auf der Bühne untermalt. Max Hopp, der auch die Rolle des John Styx spielt, verleiht den Sängern zwar individuelle, aber insgesamt wiederum komikartig überzeichnete Charaktere, wodurch von Anfang an ein komischer, parodistischer Grundton gesetzt ist. Der wird verstärkt durch die großen, mitunter exaltierten Gesten der Sänger, die offensichtlich mit Spaß bei der Sache sind und es schaffen, ihre Spiellust ans Publikum zu vermitteln.

Foto: SF/Monika Rittershaus

Besonders Kathryn Lewek glänzt als gelangweilte, frivole, ziemlich derbe Eurydike, der sie mit ihrer vielleicht nicht allzu farbenreichen, aber höhensicheren und geläufigen Stimme perlende Koloraturen und gleißende Spitzentöne verleiht. Joel Prieto spielt mit etwas flachem Tenor ihren überdrehten Künstlergatten Orpheus, der noch in den unmöglichsten Körperhaltungen sein Geigenspiel fortsetzt. Beide haben einander herzlich satt, und so folgt Eurydike leichten Herzens Pluto (Marcel Beekman) in die Unterwelt. Nur weil die Öffentliche Meinung (personifiziert von Anne Sofie von Otter im strengen schwarzen Kleid) es verlangt, folgt Orpheus ihr schließlich.

Das erhoffte Amusement hat seine Gattin dort unten freilich nicht gefunden: John Styx, Plutos Kammerdiener, bewacht sie in einem stilisierten grau getäftelten barocken Raum mit weißen Stuckelementen (Bühne: Rufus Didwiszus), der gar nicht so anders aussieht als das heimatliche Schlafzimmer, dem sie ja eigentlich entkommen wollte. Erst als die Götter, die sich auf dem Olymp ihrerseits sträflich gelangweilt haben, in der Unterwelt eintreffen, wird das Leben für die vergnügungssüchtige Eurydike spannender. In eine Fliege verwandelt, dringt Gott Jupiter (von Martin Winkler mit sattem Bariton gesungen) zu ihr und feiert, lustvoll summend und brummend, erotische Trimphe. Er ist entschlossen, die neu Eroberung mit in den Olymp zu nehmen – doch leider stellt sich, von der Öffentlichen Meinung dazu gedrängt, Orpheus auf Plutos schrill buntem Ball dazwischen: Er fordert, nolens volens, sein Eheweib zurück. Jupiter stimmt zu, aber nur unter der Bedinung, dass Orpheus sich nicht zu ihr umwenden darf auf dem Weg zurück in die Oberwelt. Er versagt, weil Eurydike ihm seine geliebte Geige entreißt, und so darf sie bei Offenbach und Kosky als Bacchantin weiterhin dionysische Feste feiern und in der Kostümpracht schwelgen, die Victoria Behr für Salzburg kreiert hat. Phantastische Hüte, bunt schillernde Umgänge, gefiederte Blusen und rüschengezierte Röcke in allen nur denkbaren Formen und Farben zeugen von der hemmungslosen Feierlust der Unterweltsbewohner, die in verrückten Choreographien (Otto Pichler hat sie erdacht) miteinander tanzen, so dass auch der präzise Wiener Staatsopernchor nie einfach nur auf der Bühne herumsteht, sondern munter am quirligen, aber genau inszenierten Geschehen beteiligt ist.

Etwas mehr hätte Enrique Mazzola am Pult der detailreich, klangschön und geschmeidig musizierenden Wiener Philharmoniker das bunte Treiben auf der Bühen vom Graben aus wohl befeuern können, aber dieser Eindruck mag einem Sitzplatz unter der Empore geschuldet sein, wo das Orchester immer etwas gedämpft klingt. Ein lustiger Abend bei den Salzburger Festspielen. Das gibt es selten. Und wird vom Premierenpublikum dankbar gefeiert.

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