Nurejew-Gala in Wien

Schönheit, Grazie und Leichtigkeit

Bei der Nurejew-Gala an der der Wiener Staatsoper zeigen sich Ensemble und Gäste in großer Form

Von Christian Gohlke

(Wien, am 30. Juni 2019) Seit dem 28. Juni ist es offiziell: Dominique Meyer wird Alexander Pereira als Intendant der Mailänder Scala ablösen. Seit 2010 ist Meyer in Wien, wo sein Vertrag übers Jahr 2020 hinaus nicht verlängert wurde. Beim Rückblick auf die Zeit seiner Intendanz hebt der gebürtige Franzose zwei Punkte als besonders geglückt hervor. Zum einen die Ausweitung des Repertoires im Opernhaus vor allem durch Werke des 20. Jahrhunderts (Janacek, Hindemith, Weill, Eötvös, Adès, Trojahn usw.). Und zum anderen die Förderung des Balletts, die ihm vor allem dank Manuel Legris, den Meyer von Paris nach Wien geholt hat, gelungen sei. Zusammen mit dem neuen Ballett-Chef wurden die Positionen der Ersten Solisten an der Staatsoper eingeführt, so dass den Tänzern am Haus eine Entwicklung bis an die Weltspitze möglich geworden sei. Ganz behutsam habe man dann, wie Meyer erzählt, das Niveau von Jahr zu Jahr angehoben, und Legris‘ besondere Leistung bestehe nicht zuletzt darin, die Tänzer, die aus vielen unterschiedlichen Schulen kämen, in einem gemeinsamen Stil zu vereinen.

Seitdem Manuel Legris die Leitung des Wiener Staatsballettes inne hat, wird das Ende der Spielzeit in jedem Jahr mit einer großen Gala begangen. Sie ist Rudolf Nurejew gewidmet, unter dessen Direktion Legris 1986 zum Danseur Etoile am Ballett der Pariser Oper ernannt wurde. Wie vorzüglich sich unter seiner Leitung die Wiener Compagnie in den vergangenen Jahren entwickelt hat, wird bei der Gala zum Saisonende immer wieder besonders augenfällig.
Das Programm war abwechslungsreich und klug zusammengestellt, aber, wie immer bei einer Gala, etwas zu lang. Der letzte Teil (der Abend wurde mit einem großen Ausschnitt aus dem 3. Akt von „Sylvia“ in der Choreographie des Hausherrn beschlossen) wäre verzichtbar gewesen, so hübsch die Szenerie von Luisa Spinatelli auch ist und so beeindruckend die flinke Beinarbeit von Nikisha Fago und die enorme Sprungkraft von Denys Cherevychko auch waren. Trotzdem: Der Abend war prachtvoll in der Breite der dargebotenen choreographischen Sprachen und in der technischen Präzision ihrer Darbietung, die nur gelegentlich von kleinen Wacklern und Unsauberkeiten getrübt wurde. Sicher war das auch der enormen Hitze geschuldet, die seit Tagen über der Stadt lag und deretwegen selbst die Philharmoniker nur im offenen Hemd im Orchestergraben saßen. Kevin Rhodes führte umsichtig und temperamentvoll wie immer durch den gut vierstündigen Abend.

Insgesamt sechzehn (zum Teil durchaus umfangreiche) Programmpunkte gab es zu sehen, wobei mit Ausschnitten aus „Romeo und Julia“, „Dornröschen“ (mit einem wunderbar lyrisch getanzten Solo von Navrin Turnbull als Prinz Florimund) und „Schwanensee“ (in innigem Austausch: Leonardo Basílio und Kiyoka Hashimoto) der Schwerpunkt auf den Choreographien Nurejews lag, die alle höchst anspruchsvoll zu tanzen sind, ohne dabei Effekthascherei zu betreiben.
Zu diesen klassischen Ballett-Ausschnitten passten die Beitäge der Gast-Solisten. Anastasia Niukina und Kimin Kim (beide vom Mariinski-Theater) debütierten mit dem von Pjotr Gussew choreographierten „Talisman-Pas-de-Deux“ in Wien und demonstrierten dabei Spitzentanz auf höchstem Niveau, wobei besonders die Sprünge von Kimin Kim faszinierten, weil der Tänzer im Fluge für kurze Momente in der Luft zu stehen schien. Von ähnlicher Brillanz war der „Esmeralda-Pas-de-Deux“, frei nach Petipa, getanzt von Liudmila Konovalova (Wien) und Young Gyu Choi (Dutch National Ballet).

Einen schönen Kontrapunkt zu diesen rein circensischen Nummern klassischen Tanzes boten zeitgenössische Arbeiten, zum Beispiel „Luminous“ von András Lukás, das im Mai in Lubljana uraufgeführt worden war und nun zum ersten Mal an der Staatsoper gezeigt wurde. Jakob Feyferlik und Nina Tonoli spürten dabei zu Musik von Max Richter in zarten, weich fließenden Bewegungen anrührend der Zerbrechlichkeit menschlicher Liebe nach. Ein Thema, das auch „Ochiba“ von Patrick de Bana (uraufgeführt im März in Tokio) prägt. So zurückhaltend die Musik von Philip Glass ist, die der Choreograph einsetzt, so sparsam, aber gerade darum intensiv waren dabei die Bewegungen von Nina Poláková und Manuel Legris.

Roman Lazik und Olga Esina Foto: Wiener Staatsoper

So stand neben der Ballett-Klassik mit Werken von Nurejew die Moderne mit Arbeiten, die erst einige Monate alt waren. Hans van Manen („Trois Gnossiennes“, ausdrucksstark von Roman Lazik und Olga Esina dargeboten) und William Forsythe, sozusgen die klassische Moderne des Balletts, bildeten die Brücke zwischen Gestern und Heute. Die „Artifact Suite“ zur d-Moll Chaconne von Bach ist eines der großen Meisterwerke des Künstlers. Der Kontrast zwischen strenger Symmetrie und rascher Bewegung, das Seitenlicht, das die Tänzer in einem Chiaroscuro erscheinen lässt, das an Caravaggio erinnert, all das erzeugt eine ungeheure Intensität, dann zumal, wenn Solisten wie Davide Dato und Natascha Mair, Madison Young und James Stephens auf der Bühne stehen.

Eine Nurejew-Gala wird es noch geben, im Juni 2020. Danach wird mit Dominique Meyer auch Manuel Legris die Wiener Oper verlassen. Sein Nachfolger Martin Schläpfer, der sich tanzhistorisch bisher vor allem um die Moderne bemüht hat, wird sicher andere Akzente setzen. Ob sie zum Ensemble des Wiener Staatsballettes passen, bleibt abzuwarten. Sehr wahrscheinlich ist es nicht.

 

 

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