Notizen von Harnoncourt

Leidenschaftlich und humorvoll

Das von Alice Harnoncourt herausgegebene Buch mit Aufsätzen und Notizen ihres Ehemanns unter dem Titel „Wir sind eine Entdeckergemeinschaft“ ist eine wahre Fundgrube für alle Fans des großen Musikers und Musikforschers

Von Robert Jungwirth

Zur Durchsetzung seiner Ziele müsse ein Dirigent auch schon mal mit dem Notenpult werfen. Dieser Satz stammt zwar nicht von Nikolaus Harnoncourt, aber er hat ihn beherzigt, als er bei den Proben zu Monteverdis „Ulisse“ in Mailand jedes Mal einen anderen Solocellisten vor sich hatte und dagegen protestieren wollte. Da helfe nur eines, meinte der Orchesterwart, er müsse mit einem Notenpult werfen. Und es hat funktioniert. Sonst erreichte Harnoncourt seine Ziele meist auf friedlicherem Wege. Obwohl es mehr als genug Widerstände zu überwinden gab auf dem langen und steinigen Weg zur Etablierung der historischen Aufführungspraxis im Konzertbetrieb.

In den von Harnoncourts Ehefrau unter dem Titel „Wir sind eine Entdeckergemeinschaft“ zusammengetragenen Notizen und Aufzeichnungen des Dirigenten wird die Entstehung des von Harnoncourt gegründeten Ensembles concentus musicus noch einmal lebendig: die mühevolle Suche nach alten Instrumenten, die Schwierigkeiten ihre adäquate Spielweisen zu erlernen, das Forschen nach Noten in Bibliotheken, aber auch die Entdeckerfreuden, die die Musiker des Ensembles bei der Wiederbelebung vergessener Werke machten oder beim Neu-Hören bekannter, wie der h-Moll-Messe von Bach, die Harnoncourt mit dem concentus 1968 erstmals mit Originalinstrumenten auf Platte einspielte:

„Die Originalinstrumente, die originale Besetzungsstärke des Chores und des Orchesters ergaben aber auch einen erstaunlichen Effekt: Es gibt keine Probleme mit der Balance, in nie gehörter Transparenz treten nun wichtige instrumentale Figuren wie von selbst in den Vordergrund, die bisher immer im Chorklang ertrinken…“

Ausführlich wird das prägende Erlebnis der Entdeckung der Klangwelt Monteverdis geschildert, der für Harnoncourt der genuine Opernkomponist neben Mozart und Verdi ist. Viel erfährt man natürlich auch über die Bauarten der historischen Instrumente und ihre klanglichen Besonderheiten.

Nikolaus Harnoncourt erweist sich in seinen Aufzeichnungen als ebenso offenherziger wie humorvoller Chronist sowohl des Concentus wie seines eigenen Lebens mit seinen Höhen und Tiefen – und auch Eigenartigkeiten. Zu Letzeren zählt für ihn auch der von ihm sehr geschätzte Herbert von Karajan, der in den 50er Jahren Chefdirigent der Wiener Symphoniker war und der Harnoncourt als Cellisten engagiert hatte.

„Schon das Probenritual war besonders. Karajan federt herein – seine Kleidung mitleiderregend: ungebügelte, zu enge Hosen, ungepflegter, oft ausgefranster, manchmal löchriger Pullover. Aber andererseits: die Haare! Jeden September mit Spannung erwartet: Wie ist es heuer?? Glatt nach hinten mit Pomade, senkrecht nach oben und leicht gebogen, jedes Haar wusste, wo es hingehört.“

Harnoncourt macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung des Musikbetriebs der 60er und 70er Jahre, der ihn schließlich auch dazu veranlasste, seine Stellung bei den Wiener Symphonikern aufzugeben. Ein besonders gravierendes Erlebnis, eine Bach-Matthäuspassion mit dem Dirigenten und Organisten Karl Richter in Wien, die er als Zuhörer erlebte, beschreibt er auf fast 10 Seiten mit geradezu boshafter Lust am Verriss.

„Inzwischen hat sich die Aufführung weitergeschleppt, die Altistin zelebriert „Buß und Reu“ in einem derart schleppenden Tempo, dass die Tropfen der Zähren wie ein dicker Brei sich herabwälzen, dicke Glyzerintränen. Dann tritt Judas auf, ein geeichter Wagner-Sänger, der den Hohepriestern sein Angebot entgegendonnert, das Publikum beginnt sich zu fürchten. (…) Und noch und noch diese um das Drei- und Vierfache zerdehnten Rezitative, und keiner schreit: „Aufhören“, oder geht hinaus – vielleicht weil jeder seine Apathie und totale Lähmung für Ergriffenheit hält?“

Auch mit arroganten Musikwissenschaftlern und ignoranten Kritikern hatte Harnoncourt Zeit seines Lebens so manches Hühnchen zu rupfen – auch davon finden sich lustvoll formulierte Beispiele in dem Buch. Hier und an vielen anderen Stellen wird nicht nur Harnoncourts Leidenschaft, ja Hitzigkeit erfahrbar, wenn es um grundsätzliche Dinge in der Musik geht, sondern auch ein bislang weniger bekanntes Talent des Musikers: das Schreiben. Die Erinnerungen und Aufzeichnungen aus dem Nachlass sind hinreißend formuliert, voller Witz und Treffsicherheit und wenn es sein muss eben auch Boshaftigkeit – in bester Wiener Tradition also.

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