Norma in Köln

Jeder Ton ein Gefühl

Foto: Paul Leclaire

Die Kölner Oper präsentierte eine fantastische konzertante "Norma" mit Edita Gruberova

(Köln, 18. Januar 2012) "Norma" ist ein Schwergewicht im Opernrepertoire – aber auch ein Publikumsschlager. Drei "Norma"-Premieren in nur zwei Monaten in NRW, das ist Bellini-Luxus pur. Die Inszenierungen an den Theatern in Krefeld Mönchengladbach und in Dortmund feierten Anfang Dezember Premiere (KlassikInfo hat berichtet). Die Aufführung gestern in Köln fand auch in der Oper statt, aber ohne Bühnenbild und ohne Regie. Sie hat mit einer Starbesetzung in der Titelrolle gelockt. Das Publikum in der ausverkauften Kölner Oper hat auf einer Woge des Glücks geschwelgt. Verneigte sich – natürlich – vor Vincenzo Bellinis Musik mit ihren Melodie lunghe, lunghe, lunghe, wie Giuseppe Verdi über die unendliche Melodienseeligkeit bei Bellini geschwärmt hat. Die Melodien schweben in "Norma" über einem dramatisch durchkomponierten Seelengemälde, so Richard Wagner, der ein glühender Bellini-Verehrer war. Aber vor allem verneigte sich das Publikum vor der Grand Dame des Koloraturgesangs Edita Gruberova, die mit ihren 65 Jahren Spitzentöne herausschmettert aber auch leise ansetzt, anschwellen lässt und wieder zurücknimmt, dass es einem schier den Atem nimmt. Wie kaum eine andere Sängerin beherrscht sie das Messa di voce – ein Relikt aus der barocken Kastratenzeit und ein Stilmittel im Belcanto. Ihre Stimme hat vielleicht ein wenig mehr Schärfe als früher. In den Koloraturen demonstriert sie aber bis auf den heutigen Tag ihre stupende Technik. Alles hat Färbung, hat Ausdruck. Jede Kaskade, jeden Ton, jedes gesungene Wort verbindet sich mit einem Gefühlszustand. Ob die Gruberova voller Wut mit einem dreigestrichenen c das erste Finale übertönt oder im extremen pianissimo als zweifelnde und hin- und her gerissene Mutter zweier Bastardkinder den zweiten Akt beginnt. Immer ist sie eine "Diva assoluta" umringt von hervorragenden Mitstreitern.

Die Überraschung des Abends ist die seconda donna. Regina Richter aus dem Ensemble der Oper Köln. Sie gibt eine hinreißende und liebenswerte Adalgisa mit rundem Timbre. Die beiden großen Damen-Duette im ersten und im zweiten Akt sind ein Hochgenuss. Die Stimmen der Hohepriesterin und ihrer Novizin verschmelzen perfekt. Die Koloraturen kitzeln das Ohr. Ob des Wohllauts vergisst man in diesem Moment sogar das Fehlen einer Bühne, einer dramatischen Handlung, die gerade in dieser Oper doch so geboten scheint. Denn in einem rasanten Tempo lassen Felice Romano und Vincenzo Bellini eine in die nächste Szene stürzen. Librettist und Komponist sind im Hinblick auf ihre dramatische Zusammenarbeit ein perfektes Gespann gewesen. Wenigstens den Text sollte man mitverfolgen können, um die musikalischen Nuancen der kleinsten Gefühlsregungen auch wirklich auskosten zu können. Im Programmheft wurde die deutsche Übersetzung auch geliefert. Aber der abgedunkelte Zuschauerraum ermöglichte es kaum, den Text zu verfolgen. Schade, dass auf Übertitel verzichtet wurde. Das Gürzenichorchester spielte auf der Bühne sitzend unter Andriy Yurkevych auf. Hinter dem Orchester stand der Chor – das Volk der Gallier. Auch wenn die Solisten an der Rampe ihre Rollen auswendig drauf hatten, mit einander spielten, auch schon einmal die Seiten zu einander hin oder von einander weg wechselten. Der politische Hintergrund des Stücks konnte sich so nicht erschließen.

Die Musik verrät natürlich schon, dass das von den österreichischen Habsburgern und den französischen Bourbonen besetzte Italien für den Freiheitskämpfer Bellini ein Thema ist. Widerstand wird in einigen Marschrhythmen und kriegsrasselnden Chören schon am Anfang laut, alles freilich mit Italianitá, einer gewissen Leichtigkeit durchsetzt. Dass die Norma in Mailand nicht der Zensur Metternichs zum Opfer fiel, ist bis heute ein Rätsel. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass in dieser Oper die Italiener, beziehungsweise die Römer die Besatzungsmacht sind. Bellini hat mit dem einen oder anderen Chorstück dem Verdischen Gefangenenchor jedenfalls eine Vorlage geliefert. Und es ist ja nicht ohne Brisanz, dass Norma ihr kriegslüsternes Galliervolk nur zurückhält, weil sie den Chef der römischen Besatzer liebt. Ein klarer Fall von Amtsmissbrauch, den Norma im Finale zugibt. Mit dem berühmten "Son io" nimmt sie alle Fehler auf sich. An dieser großen Frau könnte sich so mancher Amtsträger ein Vorbild nehmen. Selbst Pollione empfindet im Finale Respekt, vielleicht sogar Lieber für die große, mutige Heroine und begleitet sie in den Tod. Also auch den Liebestod hat Bellini bühnenreif gemacht.

Zwischen Edita Gruberova und Zoran Todorovich, dem Kölner Pollione, gibt es aber eine alte Partnerschaft. Todorovichs Karriere ist unter anderem durch Edita Gruberova angestoßen worden. Sie hat Todorovich als er noch am Beginn seiner Karriere stand, als ihren Wunschpartner neben sich empfohlen und sicherlich dafür gesorgt, dass er auch in Köln neben ihr stand und noch einmal stehen wird. Denn am Montag, dem 23. Januar, gibt es eine zweite Aufführung. Der in Belgrad geborene und heute bei Detmold lebende Tenor ist jedenfalls von der ersten bis zur letzten Note hin ein bemerkenswerter Pollione und– gar keine Frage – den beiden Frauen ein ebenbürtiger Partner. Der 50jährige packt seine Stentorstimme auch über weite Strecken ein und bewegt seine Stimme belcantistisch sul fiato durch die oberen Register. Da kann man die Bühnenfrauen schon verstehen in ihrem (inneren) Kampf um diesen Mann bis zur letzten Sekunde!

Sabine Weber

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