Norma" in Dortmund und Krefeld

Immerwährendes Menschenschicksal

Janet Bartolova als Norma in Krefeld Foto: Matthias Stutte

Bellinis "Norma" in Dortmund und Krefeld 
(Dortmund, 3. Dezember – Krefeld, 9. Dezember, 2011) Die Opern Vincenzo Bellinis werden in Italien naturgemäß heiß geliebt, nicht zuletzt wegen ihrer vokalen Prägung. Auf der Bühne mag das Dekor noch so fad, die Regie noch so flau sein: wenn es mit dem schönen Belcanto stimmt, ist die Welt (fast immer) in Ordnung. Auch im Lande des "Regietheaters" gibt es eingefleischte Melomanen, die mit Sicherheit im Januar nach Köln pilgern, wenn Edita Gruberova in zwei Konzertaufführungen die Norma gibt. Die Bühne bedarf freilich mehr als nur pompöser Sänger-Statuarik. Schon mehrfach hat Regisseur Christof Loy zusammen mit der Sopranistin einen Weg gefunden, Belcanto-Gesang mit bühnendramatischer Glaubwürdigkeit zu verbinden. Zwei "Normas" im Raume NRW regen zu neuer Diskussion um das "Problem" italienische Oper heute an.
Von der erstgesehenen Dortmunder Aufführung – die Premieren in Dortmund wie auch in Krefeld fanden am selben Abend statt – sei der Befund gleich vorweg genommen: musikalisch anregend, szenisch desaströs. Doch soll der allseits positive Eindruck der zweiten Krefelder Vorstellung  vorgezogen und auch ausführlicher dargestellt werden, da es dieser Produktion gelingt, ein Sujet mit wohl doch ferngerücktem historischen Ambiente sowohl emotional tief zu erschließen als auch einen wägenden Blick vom Heute aus zu gestatten.
Das Niederrheinische Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach (welches derzeit auch einen inszenatorisch nachgerade sensationellen Mozart-"Figaro" bietet – Regie: Kobie van Rensburg) hatte zwar vor einiger Zeit auch Donizettis" Lucia di Lammermoor" im Repertoire, aber Belcanto-Werke sind doch eher die Ausnahme. Nun also "Norma", nicht gänzlich home-made, da aus Kaiserslautern (2009) übernommen. Auf Youtube kann man sich von dieser Aufführung einen Eindruck verschaffen, was auch wegen der Titelrollensängerin Rosella Ragatzu lohnt. In Krefeld gab es am 9.12. gegenüber der Premiere einige Besetzungsvarianten, freiwillige wie unfreiwillige. Janet Bartolova, langjähriges Ensemblemitglied, wechselte jetzt von der Adalgisa zur Norma, ein Rollensprung wie schon in Verdis "Don Carlo" (Elisabetta, Eboli). Obwohl extreme Spitzentöne nicht ausgespart werden, deuten reduzierte Höhengänge und  vereinfachte Koloraturen in der "Casta Diva"-Kavatine an, dass der Stimme Mezzobereiche zeitweilig angenehmer sind. Spitzentöne kommen verlässlich, aber unterstützt von Ausdrucksexpressivität, die freilich zum Naturell der Künstlerin gehört. Den Wirkungsunterschied zu Barbara Dobrzanska (Premiere) werden Italianità-Freunde sicher erkunden wollen, sie kommentierten auch die besuchte Aufführung mit ungewöhnlich viel Begeisterung.
Die Adalgisa war jetzt Eva Maria Günschmann. Trotz witterungsbedingter Schwierigkeiten, die aber kaum ins Gewicht fielen, bot sie eine vollstimmige, körperhafte Leistung. Als Bühnenfigur ist Andrew Nolen ein ausgesprochen bewegender Oroveso. Sehr wirkungsvoll im "Figaro", fehlt ihm zur Autorität der Bellini-Figur aber doch Einiges an vokaler Ausladung. Lilia Tripodi wertet dafür die Nebenfigur der Clotilde schönstimmig  auf. Sie hat zudem in der Szene von Adalgisas Abschied das Vivaldi-Lamento "Mio sposo disprezzata" zu singen und übernimmt – wirkungsvolle Idee des Regisseurs – zum Schluss Amt, Würde und Insignien der sich zu ihrer schuldhaften Liebe bekennenden Norma. Kairschan Scholdybajew, echtes Opfer des gegenwärtigen Wetters, konnte nur spielen, wurde durch den vokal ungemein potenten George Oniani von der Seite aus gedoubelt. In Kaiserslautern hatte der Einspringer diese Partie auch auf der Bühne verkörpert. Als Flavio macht Zheng Xu auf sich aufmerksam. Naturgemäß lassen die Niederrheinischen Sinfoniker bei einem Bellini Grenzen erkennen, doch wie der Dirigent Andreas Fellner die dramatisch belebenden Qualitäten der Musik herausarbeitet, fällt bei einer szenischen Produktion nicht wenig ins Gewicht.
Thomas Wünsch, welcher die dramaturgische Konstellation von "Norma" übrigens auf die Höhe eines Shakespeare und Schiller stellt, wählt für seine Inszenierung eine Ghetto-Situation, die beim Ausstatter Heiko Mönnich trotz atmosphärischer Tristesse recht malerisch ausfällt. An die Wirkung der durch das Libretto vorgegebenen Historie glaubt der Regisseur nicht, allerdings will er auch keine knallharte Realität abbilden. Freilich hat er das Zeitalter des Risorgimento vor Augen. Totalitäre Macht und Unterdrückung von Völkern – das wird in seiner Deutung als immerwährendes Menschenschicksal außerordentlich dringlich. Vor der Ouvertüre ertönt ein "Libertà"-Schrei, auch sonst hat der (hervorragende) Chor einige verbale Einwürfe zu absolvieren, die sich mitunter auch gegen Norma richten, deren Zögerlichkeit beim Aufrufen des Widerstandes gegen die Besatzer nicht verstanden wird. Dem Regisseur gelingt es, mit signifikanter Bewegungsführung und intensiven Handlungsepisoden (gleich zu Beginn eine Exekution) beklemmende Situationen entstehen und gleichzeitig Statik nicht als Verlegenheit wirken zu lassen. Günstig auch die Vorhangzäsuren zwischen den einzelnen Szenen (nicht nur wegen der Bühnenumbauten). Dass manchmal szenisch doch etwas durchhängt (Terzettfinale 1. Akt), kann man hinnehmen. An der heiklen Figur des Pollione wäre allerdings stärker zu feilen gewesen.
Überhaupt nicht gefeilt hat hingegen Operndebütant Enrico Lübbe in Dortmund. Es mutet nachgerade grotesk an, wie gelähmt ein im Sprechtheater versierter Regisseur (Schauspieldirektor in Chemnitz) vor den besonderen Anforderungen dieses Genres kapituliert. Sein einfallsloses Personengeschiebe wird durch Henrik Ahrs gesichtsloses Bühnenbild und  sinnlos modernisierende Kleidung nur noch betont. Bianca Deigner gehört im Übrigen dafür angeklagt, dass sie die nicht eben gertenschlanke Titelrollensängerin zeitweilig in Unterwäsche und Korsett auftreten lässt.  Unter Lancelot Fuhrys Stabführung blüht die Musik immerhin lyrisch auf und demonstriert auch – parallel zu Krefeld – ihre theatralischen Qualitäten. Miriam Clark als Norma bringt von sich aus einige darstellerische Impulse ein, singt entflammt, bei leichten Schwächen im Detail, so der Koloratur, die manchmal eher abgetastet denn klanggestisch ausgefüllt wirkt. Katharina Peetz gibt, da nicht herausgefordert, eine recht unscheinbare Adalgisa, sängerisch freilich solide. Nach seinem Erik (Wagners "Fliegender Holländer") prunkt Mikhail Vekua neuerlich mit höhenstrahlendem Tenor, mehr ist bei dem psychologisch verunglückten Pollione womöglich auch nicht zu leisten. Mit dem Flavio hat sich diesmal der virile  Lucian Krasznec zu begnügen, doch darf man sich in Bälde auf seinen Ferrando freuen, und Wen Wie Zhang ist als Oroveso wie schon beim Daland eine Bassautorität sondergleichen.
Christoph Zimmermann

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