Nikolai Tokarev

Hexentreiben auf dem Kahlen Berg

Nikolai Tokarev. Bild: SonyBMG

Der junge Pianist Nikolai Tokarev wird im Münchner Prinzregententheater bejubelt
(München, 25. Januar 2008) „Mein persönliches Highlight des Konzertprogramms ist Mussorgsky“, verrät Nikolai Tokarev am Nachmittag vor seinem Klavierabend im Prinzregenten-Theater. Mussorgsky entspräche seinem eigenen Charakter am meisten, „crazy and wild!“. Unkonventionell ist manches an dem 24 Jahre jungen russischen Pianisten: Auf dem Cover seiner ersten CD wirkt er ziemlich cool und trendy in seinen Jeans und Turnschuhen. Privat hört er gerne ZZ Top und andere Rockbands.
Sportlich ist er auch noch und spielt leidenschaftlich gerne Fußball. Nikolai Tokarev ist derzeit einer der größten Jungstars der Klassik-Szene. Er stammt aus einer russischen Musikerfamilie debütierte mit sechs Jahren mit einem Soloabend in Moskau. Mit 14 begann er in Europa und Japan zu konzertieren. Er ist Preisträger mehrerer Wettbewerbe. Als letztes erhielt Tokarev 2006 den „Orpheum Pubilc Award“ beim Internationalen Orpheum Musik Festival in Zürich und im gleichen Jahr beim renommierten „Géza-Anda“- Wettbewerb in Zürich den 2. Preis und den Publikumspreis. Zurzeit lebt er in Manchester.
Neugierig und gespannt war man also auf den Abend im Münchner Prinzregententheater. Dass er eine Sensation werden würde, konnte man aber nicht ahnen. Völlig in sich gekehrt, ja meditativ eröffnete Tokarev das Konzert mit Schuberts „Moments Musicaux“. Anstelle des schelmischen jungen Mannes vom Nachmittag sah man einen ernsthaften, hochkonzentrierten und bescheidenen Künstler. Schon in den ersten Takten entlockte er dem Flügel so sanfte, fein nuancierte und schwebende Klänge, dass man die Luft anhalten wollte. Tokarev spielte Schubert sehnsuchtsvoll und entrückt, als töne er aus einer anderen Welt. Es schien, als spielte der Pianist nur für sich alleine, gedankenvoll und zärtlich. Ganz anders als bei so manch anderen Jungstars gab es hier nichts Affektiertes und Showhaftes. Im Gegenteil: Tokarev überzeugte mit seiner zurückhaltenden und zerbrechlichen Ausstrahlung. Es war zu spüren, dass er von ganzem Herzen spielte. Und Tokarev bestach durch ungeheure Eleganz, sowohl im Klang als auch in der Schlichtheit seiner Gestik.
Auf Schubert folgte die späte F-Dur-Sonate KV 533/494, eines der nachdenklichsten Werke Mozarts. Tokarev blickt romantisch auf diese klassische Sonate, verwendet viel Pedal, nicht unbedingt eine stilechte Interpretation. Dennoch kann er mit Sensibilität und Poesie überzeugen. Technisch sind die schnellen transparenten Passagen ohnehin von selbstverständlicher Leichtigkeit.
Nach der Pause dann Tokarevs angekündigter Favorit: Modest Mussorgskys dämonische Orchesterdichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berg“ in einer Klavierfassung von Igor Khudoley, einem Freund der Familie Tokarev. Dieses Werk handelt vom grauenerregenden Hexentreiben in der Johannisnacht auf dem Kahlen Berg in der Nähe von Kiew. Man spürte sofort, dass Tokarev hier in seinem Element war. Er agierte als wilder, aber stets eleganter Hexenmeister am Klavier. Mit atemberaubender Virtuosität und vollendeter Klangschönheit versetzte er die staunenden Zuhörer mitten ins phantastisch-nächtliche Treiben der Schreckensgestalten, um dann mit ansteigender Wildheit zum Höhepunkt des Hexensabbats zu führen.
Letzter Programmpunkt war Liszts h-Moll-Sonate. Sie gilt als ein Höhepunkt der romantischen Klavierliteratur und eines der anspruchsvollsten Klavierwerke überhaupt. Tokarev spielte dieses monumentale, schweißtreibende Werk mit einer so technischen Mühelosigkeit und sportlichen Eleganz, wie man es wohl noch nie erlebt hat. Seine edle Anschlagskultur faszinierte auch hier: Einerseits kraftstrotzend in der Dramatik des Werks, aber immer nobel, andererseits hochempfindsam in den melodischen Teilen.
Das Publikum im ausverkauften Prinzregenten tobte, trampelte mit den Füßen und war nicht mehr zu bändigen. Endlich lächelte auch Tokarev glücklich und entspannt, der bis dahin sehr konzentriert, nach innen gewandt und bescheiden wirkte.
Tokarev setzte noch eins drauf, indem er tatsächlich noch vier Zugaben gab, die alleine schon abendfüllend wären. Seine Kondition war schier unerschöpflich: Frisch wie zu Beginn des Konzerts spielte Tokarev die hochvirtuose „La Campanella“-Etüde von Liszt, das melancholische h-Moll-Präludium von Bach/Siloti und die d-Moll-Toccata von Prokofiev. Die letzte Zugabe war eine wunderbare Überraschung: Die Paganini-Variationen vom 1956 geborenen Alexander Rosenblatt, der das berühmte Thema der 24. Paganini-Caprice in diesem Werk verjazzt hat. Tokarev swingte und groovte sich augenzwinkernd durch diese halsbrecherisch-virtuosen Variationen, als ob das Stück eigens auf ihn zugeschnitten sei.
Das Publikum war nicht mehr zu halten und bejubelte den jungen Pianisten mit Standing-Ovations – eher eine Seltenheit beim verwöhnten Münchner Publikum.
Maria Nguyen-Nhu

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