Nikolai Tokarev

In den Flügel kriechen

Nikolai Tokarev Foto: Sony/BMG

Der junge russische Pianist Nikolai Tokarev begeisterte erneut das Münchner Publikum
(München, 4. Dezember 2008) München schwelgt derzeit mal wieder im Klavier-Glück. Mit dem 25jährigen Nikolai Tokarev setzte sich nun die Linie Kissin, Berezowsky (der vor vier Tagen im Herkulessaal gastierte) fort. Auch Tokarev ist einer, der technisch alles kann und diese Basis für seine Musikalität, Sensibilität und sein Stilgefühl nutzt. Dass der schmale, beinahe schlaksige, sympathische junge Mann am Donnerstag mit Mütze auftrat, war kein Modegag. Sie verhüllte vielmehr die Folgen eines Autounfalls, dessen Spuren auf seiner rechten Hand zu sehen waren.
Den Pianisten focht das nicht an. Er musizierte mit einer so natürlichen, ernsten Versenkung in die Musik, genauen Klangvorstellung, stupiden Virtuosität, plastischen, ja geradezu szenischen Imagination und dramatischen Gipfelstürmung (vor allem bei Liszts Schubert-Lieder-Bearbeitungen und Pletnevs Klavierversion von Tschaikowskys „Nussknacker“), dass sich jeder Mitgefühls-Bonus erübrigte.
Hier agierte ein junger Meister seines Fachs, der schon die sechs Doubles von Rameaus Gavotte mit äußerster Leichtigkeit, Klarheit und Eleganz im kontrapunktischen Gewebe ausstattete. Quasi von innen her leuchtend entstand auch César Francks Prelude, fugue et variation op. 18 vor dem Ohr des Zuhörers. Mit Ravels „Gaspard de la nuit“ entführte Tokarev, der beim „carbo“ beinahe selbst wie ein Gnom in den Flügel kroch, in jene unwirkliche, bizarre Märchenwelt, in der das Wasserspiel der „Ondine“ mit jeder Anschlagsnuance neu changierte, das Totenglöckchen in „La Gibet“ unablässig mahnte. – Jubel, Zugaben und ein großes Strahlen – nicht nur auf dem Gesicht des smarten Moskauers.
Gabriele Luster
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