Nézet-Séguin in Berlin

Aufgehender Stern am Dirigentenhimmel

Yannick Nézet-Séguin debütierte sehr erfolgreich bei den Berliner Philharmonikern

(Berlin, 21. Oktober 2010) Ausnahmezustand in der Berliner Philharmonie: Einen solchen Medienauftrieb wie beim Debüt des 35-jährigen Kanadiers Yannick Nézet-Séguin am Pult der Philharmoniker erlebt man auch hier nicht alle Tage. Radio Canada hat sich häuslich eingerichtet und informiert sein Publikum in einem täglichen Internet-Blog über die Befindlichkeit des "héros" (http://ynsberlin.radio-canada.ca/en/); auch Zeitungsjournalisten sind von jenseits des Atlantiks angereist.

Nun gehören Dirigenten nicht zu den Export-Schlagern des kanadischen Musikbusiness, was dem Ereignis zweifellos besondere Aufmerksamkeit einbrachte. Aber auch wer keinerlei emotionale Bindung an die Heimat des Dirigenten hat, erlebte bei Yannick Nézet-Séguins erstem Auftritt mit den Berliner Philharmonikern einen denkwürdigen Abend.

Ein bisschen Anlauf brauchte es dazu freilich: Im ersten Satz von Olivier Messiaens Les Offrandes oubliées ("Die vergessenen Opfergaben") wollte sich die mystische Stimmung des Werkes, der Eindruck von Transzendenz, nicht einstellen; allerdings dürfte dieser sphärische Beginn selbst für den erfahrensten Dirigenten als Einstieg in einen Konzertabend eine Herausforderung sein. Mit dem frenetischen zweiten Satz war der Bann jedenfalls gebrochen, der klangliche Zauber begann sich zu entfalten. Yannick Nézet-Séguin atmet die Musik, lebt sie mit jeder Faser seines Körpers – und zieht das Orchester damit in seinen Bann: Dass die Philharmoniker gewissermaßen auf der Stuhlkante sitzen, ist gerade bei einem jungen Dirigenten mitnichten selbstverständlich. Der abschließende dritte Satz der Offrandes oubliées verströmte eine wunderbare Ruhe. Und Nézet-Séguin mit seinem tadellosen Handwerk und den energiegeladenen, aber nie effekthascherischen Bewegungen zuzuschauen, erwies sich als beinah ebenso beglückend wie der akustische Genuss.

In Sergej Prokofjews 2. Klavierkonzert g-Moll, op. 16, hielt sich Nézet-Séguin ganz zurück und überließ die Führung über weite Strecken dem grandiosen Pianisten Yefim Bronfman – diesem Werk durchaus angemessen, von dem der Komponist selbst sagte, dass der Solopart "exzellent" sei, das Orchester allerdings bloße Begleitfunktion habe.

Bronfman, unbestritten einer der besten Prokofjew-Interpreten der Gegenwart, bot dieses funkelnde Virtuosenstück mit der beiläufigen Eleganz, die viele seiner Interpretationen auszeichnet. Faszinierend der Gegensatz zwischen der kolossalen Gestalt und den flinken Fingern, die selbst in halsbrecherischen Passagen die Tasten zärtlich zu streicheln scheinen. Man kann Prokofjews 2. Klavierkonzert vielleicht sprühender spielen, man kann den für den Komponisten typischen Sarkasmus stärker herausstellen, aber Bronfmans unaufdringlicher Zugang hat einen ganz eigenen Reiz. Für den stürmischen Applaus in der vollbesetzten Philharmonie bedankte sich der Pianist mit einer Zugabe, wie sie schlichter und eindringlicher nicht hätte ausfallen können: einer zart hingetüpfelten Sonate von Domenico Scarlatti.

Nach der Pause dann kam das Orchester wieder zu seinem Recht: mit Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique. Eher spielerisch-verträumt als dämonisch legte Yannick Nézet-Séguin die Interpretation an. Aber er entzündete dabei ein Feuerwerk unzähliger Farben – auswendig dirigierend übrigens, und das mit unglaublicher Präzision. Natürlich kann er hier auch auf ganz besondere Musiker zurückgreifen: Besondere Erwähnung gebührt Dominik Wollenweber, kaum jemand dürfte das Englischhorn-Solo im 3. Satz so schön spielen. Und grandios der Effekt der gewaltigen Kirchenglocken, Unikate mit einem Gewicht von mehreren hundert Kilogramm, die ein mittlerweile pensionierter Schlagzeuger der Philharmoniker einst eigens für das "Dies irae" der Symphonie fantastique hat anfertigen lassen.
"Vom Himmel durch die Welt zur Hölle", könnte man das Programm dieses Abends zusammenfassen – zum Glück ist nicht zu erwarten, dass Yannick Nézet-Séguins Reise über die Konzertpodien damit zu Ende geht. Ganz im Gegenteil.

Eva Blaskewitz

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