New Yorker Philharmoniker Wien

Wo das Laute Pause macht

Alan Gilbert Foto: Chris Lee

Gastkonzert der New Yorker Philharmoniker unter Alan Gilbert mit Werken von Mahler und Bartok im Wiener Konzerthaus
Von Derek Weber
(Wien, 29. März 2017) Es war Leonard Bernstein, der 1948 die ersten New Yorker Kontakte zum Wiener Konzerthaus knüpfte. Und seit seinem Gastspiel mit den New Yorker Philharmonikern in den 1960er-Jahren hat sich – eine veritable, wenn auch lose Freundschaft herausgebildet. Wenn das Orchester nach Wien kommt, gastiert es – unabhängig davon, wer dirigiert – eher im Konzerthaus, nicht im "nobleren" Musikverein. Nun waren die New Yorker wieder in Wien, mit ihrem (scheidenden) Music Director Alan Gilbert, der seine Position 2009 als Nachfolger von Lorin Maazel angetreten hatte und in diesem Jahr auf eigenen Wunsch von seinem Posten zurücktreten wird.
Die New Yorker Philharmoniker sind mit ihren 175 Jahren nicht nur eines der ältesten amerikanischen Orchester, übrigens gleich alt wie die Wiener Philharmoniker, sie sind auch eines der besten und "europäischesten". Gustav Mahler war dort dereinst – vor mehr als hundert Jahren – Musikdirektor.
Heute ist es ja geradezu ein Gemeinplatz geworden, zu sagen, dass ein Orchester einen ausbalancierten Klang habe. Das internationale Niveau ist einfach sehr hoch. Bei den New York Philharmonics stimmt das Werturteil aber sicher in einem besonderen Maß. Die Streicher klingen europäisch, die Holzbläser haben einen warmen Klang, der dem des Amsterdamer Concertgebouw Orchesters in nichts nachsteht, die Blechbläser zeichnen sich bei aller Brillanz durch eine Weichheit aus, die man glatt vorbildlich nennen könnte. 
Und mit welchem Werk könnte man dies besser vorführen als mit Gustav Mahlers angeblich so harmloser Vierter, die (vielleicht) mit dem Klang der Narrenschelle beginnt? Wahrscheinlich in keiner anderen Mahler-Symphonie werden die einzelnen Instrumente und Instrumentengruppen so "solistisch"und durchsichtig vorgeführt wie in dieser. Die Symphonie hat man im Kopf, in vielen Varianten gehört, hat über Tempi und jede Menge unterschiedliche Akzente nachgedacht. Leicht kommt sie daher, nur wenige dramatische Einbrüche trüben das helle Bild. Ein bisschen kann man sie mit Beethovens Achter Symphonie vergleichen. Eingezwängt zwischen der ausladenden Dritten und der tragischen Fünften wirkt sie wie aus einer anderen Zeit übriggeblieben. Was sie mit ihrer Vorgängerin verbindet, ist das liedhafte Finale, das letzte seiner Art.
In Wien wurde dieser Satz von der mädchenhaft frisch wirkenden und in München ausgebildeten Christine Landshamer gesungen. Auch diese Wahl zeugt vom rechten Geschmack des Dirigenten und stellte eine schöne Ârücke zum zweiten Werk es Abends her. Doch davon später.     
Bei Mahlers Vierter gilt mehr noch als für andere Werke: Man muss offen sein für verschiedene  Möglichkeiten innerhalb eines Rahmens, der durch etwas abgedeckt ist, das man "Wahrhaftigkeit" nennen könnte. Und für die steht Alan Gilbert mit Sicherheit ein. Er repräsentiert den Typus des kontrollierten, schnörkellosen, exakt und unaufdringlich arbeitenden Dirigenten.
Das zeigte sich – vielleicht mehr noch als bei Mahler – in einem der ganz außergewöhnlichen Werke des 20. Jahrhunderts, Béla Bartóks 1936 entstandener "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta". Hier ist die Kunst der subtilen Klangbalance und Farbabmischung ebenso gefordert wie das Finden einer fast mystischen nachtdunklen Naturstimmung und im Adagio und – in den zwei schnellen Sätzen – die rhythmische Präzision. Vom Dirigenten fordert das Werk zudem ein fast magisches Gespür für die formalen Geheimnisse des Werks, das – vor dem Hintergrund der politischen Gefahren in Europa – die dunklen Vorahnungen des Komponisten in eine komplizierte, aber dennoch kompakte Form zu bringen versuchte.
Gilberts Lösung machte in ihrem direkten Zugang nachgerade sprachlos. Kein Werk für enthusiastische Ovationen, sondern eines, das nachdenklich stimmt und lange nachwirkt. Oder anders ausgedrückt: Das auch heute noch betroffen macht.


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