Neuwirths Lost Highway in Frankfurt

Zerlegte Wirklichkeit

Yuval Sharon inszeniert Olga Neuwirths „Lost Highway“ in Frankfurt

Von Bernd Feuchtner

(Frankfurt am Main, 12. September 2018) Der Jazztrompeter Fred hat Prinzipien: Er hasst Kameras, weil er Herr über seine Erinnerungen bleiben will, selbst wenn sie vielleicht nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Das hilft ihm aber alles nichts, denn bald hat er das Gefühl, er sei im falschen Film. Man schickt ihm Videokassetten, auf denen er mit seiner Frau im Bett zu sehen ist. Und dann eine, in der er Renee ermordet hat – die Polizei verhaftet ihn, er wird zum Tode verurteilt und in eine Zelle gesteckt.

Im Bockenheimer Depot steckt Regisseur Yuval Sharon Fred tatsächlich in den „falschen“ Film: Fred agiert vor einem grünen Schirm, „unsichtbare“ grüne Männer reichen ihm Requisiten oder stellen ihm einen grünen Würfel hin, während er eine Ebene höher in einen Film hineinmontiert wird, in dem er auf einem Stuhl sitzt und mit Renee Kaffee trinkt und einsilbige Dialoge austauscht. Oder er hält unten ein Lenkrad in der Hand, womit er oben das Auto lenkt, mit dem er auf dem Highway unterwegs ist. „Dick Laurent is dead,“ hat am Anfang jemand in seine Türsprechanlage gesagt. Aber auch auf der Party, auf der sich seine Frau so merkwürdig benimmt und ein „Mystery Man“ ihm erklärt, er befinde sich gerade in Freds Wohnung und filme ihn, gibt es keinen Dick Laurent. Der kommt erst im zweiten Teil vor, nachdem in Freds Zelle plötzlich ein anderer sitzt, nämlich der Automechaniker Pete, der mit der ganzen Sache gar nichts zu tun zu haben scheint.

Olga Neuwirth hat sich zu ihrem Musiktheater von dem Film „Lost Highway“ von David Lynch anregen lassen und dessen Dialoge gemeinsam mit Elfriede Jelinek weitgehend in das Libretto übernommen – bis auf eine wichtige Ausnahme, die nur im Film funktioniert, aber nicht auf dem Theater. Das Video ist ein integraler Bestandteil ihrer Komposition, genauso wie die vom Ensemble Modern gespielte Instrumentalmusik und die von Norbert Ommer kontrollierten Tonbandklänge, die mal von der Bühne, mal im Raum erscheinen. Und alles vermischt sich miteinander. Aber nichts verdoppelt sich – die Musik kommentiert weder die Film- noch die Theateraktionen, fungiert nicht wie üblich als Geschmacksverstärker, sondern beherrscht vielmehr das Ganze.

Das fabelhafte Ensemble Modern darf so ziemlich alles spielen, was es je gespielt hat – die Palette von Olga Neuwirth ist reich. Sie ist die Herrin der bunten Farben ebenso wie des Grau der Geräusche. Ihre Musik entwickelt einen Sog, der den Zuschauer magisch hineinzieht in das Bühnengeschehen und ihn dann erbarmungslos im Griff hält. Bald mischt sie atmosphärische Alltagsmusik hinzu, bald strickt sie feinstes Gewebe – es gibt viel zu entdecken für die Ohren. Und so sehr die Musik den Zuschauer generell anspringt, so oft ist doch auch etwas Ironie dabei. Karsten Januschke peitscht die Musiker durch die Partitur und koordiniert die Sänger – bei der großen Liebensszene hätte er die Zügel etwas lockerer lassen können, damit die Musik ihre Schönheit ganz entfaltet.

Dass die Oper Frankfurt erst fünfzehn Jahre nach der Grazer Uraufführung die deutsche Erstaufführung wagt, hat zwei Gründe: Zum einen stand dem Uraufführungsregisseur Joachim Schlömer noch nicht die Technik von heute zur Verfügung, so dass er mehr auf surrealistische Bühneneffekte setzte statt die Videos nach Plan einzusetzen. Zum andern scheint das Stück generell seiner Zeit voraus gewesen zu sein: Es ist heute aktueller denn je. In Mr. Eddy gestaltet der zungengewaltige David Moss eine wütende Trump-Karikatur, bevor dieser Typus überhaupt an die Macht kam – auch das konnte man bei der Uraufführung noch nicht erkennen. Wir sehen heute die Gefahren eines neuen Faschismus deutlicher, die Neuwirth/Jelinek schon damals gespürt haben. Und wir sehen heute, wie die Zeitgenossen nebeneinander in ganz verschiedenen Welten leben können und die Wahrheit in unterschiedliche Wahrnehmungen zerfallen kann, die einander nicht mehr berühren.

Unsere normale Vorstellungswelt ist von Hollywood geprägt, wo alles in stimmigen Geschichten abläuft und am Ende Sinn ergibt. So ist das Leben aber nicht, und das hat David Lynch in seinen Filmen immer wieder durchexerziert. Er zeigt Rätsel, die im Zuschauer Fragen entstehen lassen, auf die er dann keine Antworten bekommt. Im zweiten, wesentlich längeren Teil von „Lost Highway“ ist plötzlich Pete die Hauptfigur. Dieser beginnt ein Techtelmechtel mit Alice, die doch eigentlich das Flittchen von Mr. Eddy ist. Erst ganz zum Schluss verstehen wir, dass die Sopranistin Elizabeth Reiter die Renee so glaubwürdig gespielt und geflüstert hat, wie sie nun die Alice beeindruckend singt – waren Renee und Alice dann auch ein und dieselbe Person und damit die Klammer zwischen dem ersten und zweiten Teil? Reiters stimmliche Virtuosität ist ein Genuss, und mit ihrer wandelbaren Farbigkeit wickelt sie Pete derart um den Finger, dass dieser am Ende Andy tötet. Doch der großartige Bariton John Brancy hat seinerseits den Zuschauer eingewickelt, indem er Pete erst als Dumpfbacke spielt und die Figur dann allmählich mit seiner schönen, virilen und warmen Stimme auflädt und zu einer immer faszinierenderen Charakterstudie macht.

Und dann ist auf einmal wieder Fred im Spiel, der wirklich Dick Laurent die Kehle durchschneidet, einem Pornoproduzenten, der sich hinter der Figur des Mr. Eddy versteckt und wohl auch Renee beschäftigt hatte. Dick Laurents Sterben liefert David Moss einen zweiten Anlass zu einer röchelnden Stimmkunstattacke. Auch der Counter Rupert Enticknap als Mystery Man und der Tenor Samuel Levine als Andy sind großartige Darsteller und Sänger, ebenso die übrige Besetzung, unter der man vor allem Jeff Hallman bedauert, der von Mr. Eddy so gnadenlos zusammengeschissen wird.

Dass die Darsteller den Zuschauer derart beeindrucken, liegt auch an den charakteristisch-fantasievollen Kostümen, die Doey Lüthi ihnen hat schneidern lassen. Vor allem aber an Yuval Sharon, der mit ihnen so genau gearbeitet hat. Und an dessen Video-Partnern Jason H. Thompson und Kaitlyn Pietras, die mit Sharon das raffinierte Bühnenkonzept ausgetüftelt und so brillant realisiert haben. Sobald Fred in der Zelle sitzt, verschwindet die grüne Wand und hinter Gittern sitzt nun auf der oberen Ebene Pete – es dauert einige Zeit, bis der Zuschauer begreift, dass da oben zwischen und hinter Videoprojektionen nun reale Darsteller handeln. Und es dämmert ihm, dass das Video im ersten Teil ebenfalls live, nur eben versteckt, aufgenommen war. Auch die Musiker des Ensemble Modern tauchen immer mal wieder auf der Gaze auf, dazwischen die typischen Schlieren vom Vor- und Rückspulen oder Farbverläufe wie einst in Kubricks „2001“, dem das Frankfurter Filmmuseum gerade eine Rückschau widmet.

Jene „Odyssee im Weltraum“ hatte ja auch dadurch eine so große Wirkungsmacht, weil sie realistisch tat, aber ganz unwahrscheinliche Vorgänge zeigte – dies war der erste große Science-fiction- und Fantasyfilm. Und wie „2001“ vor 50 Jahren etwas zeigte, das absolut auf der Höhe der Zeit war, so vermittelte auch der Frankfurter Abend mit „Lost Highway“ den Eindruck, hier seien Musik und Theater absolut im Hier und Jetzt und auf der Höhe der Kunst angelangt. Das kann man von Opernproduktionen nicht häufig sagen. Der Zuschauer war einerseits enthusiasmiert von einem außergewöhnlichen Kunstereignis, andererseits ging er aber auch beunruhigt nach Hause, weil die Bedrohung der Gesellschaft durch die Spaltung der Wahrnehmung ihn spätestens bei der nächsten Nachrichtensendung wieder einholen würde.

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