Neumeier Weihnachtsoratorium

Wie soll ich dich empfangen?

Johannes Prinz, Luba Orgonášová, Roberto Saccá, Riccardo Chailly, Gerhild Romberger, René Pape, Gewandhausorchester Leipzig, Wiener Singverein Foto: Gewandhausorchester Leipzig / Stev Wackerhagen

John Neumeier jüngste Ballett-Kreation „Weihnachtsoratorium I-VI“ hatte in Hamburg Premiere
Von Christian Gohlke

(Hamburg, 10. Dezember 2013) In der Mitte einer fast kahlen Bühne (Ferdinand Wögerbauer) drängen sich einige Menschen, die, in dunkle Wintermäntel gekleidet und schwere Koffer tragend, alle auf Reisen zu sein scheinen. Einer dieser Reisenden hat einen kleinen Christbaum bei sich. Er fällt zu Boden, eine Kugel zersplittert und wird sogleich weggefegt. Der Mann (Lloyd Riggins) hebt den Baum wieder auf und setzt sich auf eine der Bühne vorgelagerte Fläche über dem Orchestergraben. Dort befestigt er am putzigen Bäumchen eine Kerze. Und indem sie Feuer fängt und aufleuchtet, setzt die Musik ein: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage, / Rühmet, was heute der Höchste getan!“
Aber wie kann man sich der Weihnachtsgeschichte nähern, wenn ihre Botschaft mit unserem Alltag so gar nichts zu tun hat? „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir?“ Diese Frage aus Bachs Weihnachtsoratorium (BWV 248) verbindet die Zuschauer vielleicht mit dem, was John Neumeier in einer Art von Rahmenhandlung erzählt. Der Mann, der exponiert über dem Orchestergraben sitzt, findet zunächst keinen Zugang zu dem Geschehen, das sich vor seinen Augen auf der Bühne abspielt. Erst später, wenn Sopran und Bass davon singen, wie durch Mitleid und Erbarmen die „Vatertreue wieder neu“ wird (Nr. 29), öffnet sich dem Einsamen doch ein Weg zur Geschichte von Bethlehem. So tief der Gram war, den Lloyd Riggins anfangs zum Ausdruck brachte, so tief ist am Ende seine Freude, wenn er seine Ärmel hochkrempelt und nach einem lockeren Sich-Einschwingen mit Verve in den getanzten Jubel des Ensembles eintritt.

Die Weihnachtsgeschichte, deren Beobachter und schließlich Teilnehmer er geworden ist, wird bei Neumeier nicht einfach entlang der Bibeltexte tänzerisch nacherzählt. Sie ist vielmehr die Grundlage einer assoziativen Annäherung an das Weihnachtsgeschehen. Zwar gibt es auch hier einen Hirten (Carsten Jung), drei Weise (Marc Jubete, Sasha Riva, Thomas Stuhrmann) und Engel (Silvia Azzoni, Alexander Trusch), und auch hier stehen eine Mutter (Anna Laudere), ihr Mann (Edvin Revazov) und deren Kind im Zentrum. Aber Neumeier folgt mit seiner Choreographie weniger einer konkreten Handlung. Er entwickelt sein Ballett vielmehr aus Bachs Musik heraus, deren Stimmungen er nachspürt. Dabei gelingen seiner exzellenten Truppe immer wieder ausdrucksstarke, höchst virtuos getanzte Szenen, wie etwa zu Beginn des V. Teiles, wenn die weiß gekleideten Tänzer bezwingend die Freude anschaulich werden lassen, von der Bachs Musik erfüllt ist. (Coro Nr. 43: „Ehre sei dir, Gott, gesungen“) Es muss (und kann) an diesem Abend nicht jede Bewegung verstanden und gedeutet werden. Manchmal darf der Zuschauer auch einfach die Schönheit des Tanzes auf sich wirken lassen. Versteht sich, dass Neumeier nicht zu allen 63 Nummern des Oratoriums Einfälle gleichen Niveaus hatte. Es gibt auch Sequenzen, die über einen vagen Ausdruck sehr allgemeiner Stimmungen kaum hinauskommen und darum beliebig wirken.

Wenn man am Ende also nicht so ganz in den weihnachtlichen Jubel mit einstimmen kann, so liegt das nicht nur an ein paar weniger inspiriert anmutenden Passagen der Choreographie, sondern vor allem an den musikalischen Defiziten der Aufführung. Die Hamburger Philharmoniker spielen unter der Leitung von Alessandro De Marchi zwar zupackend und transparent. Vom Staatsopernchor hätte man sich indes einen ausgewogeneren Klang, mitunter auch ein prägnanteres, kraftvolleres Auftreten gewünscht. Die fünf Solisten (Christoph Genz, Mélissa Petit, Katja Pieweck, Benjamin Glaubitz und Wilhelm Schwinghammer) meisterten bei insgesamt zu gleichförmigem Ausdruck die technischen Schwierigkeiten ihrer Partien manchmal nur mit Mühe. In beidem unterschied sich Neumeiers Ensemble beglückend.

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