Neue Musik beim Berliner Musikfest

Clash of Centuries

Modernes beim Musikfest Berlin: Konzerte mit Werken von Birtwistle, Saunders, Andre, und Nono

Von Bernd Feuchtner

(Berlin, 11. September 2017) Organisiert man in der Musik Begegnungen verschiedener Epochen, kann es passieren, dass plötzlich noch ein Dritter an Bord springt. Im gut besuchten Kammermusiksaal der Philharmonie sollte die Uraufführung einer Raumklang-Performance von Rebecca Saunders den „Orpheus-Elegien“ (2004) des modernen Altmeisters Harrison Birtwistle gegenübergestellt werden. Doch Birtwistle riet, seine 26 Miniaturen durch die sieben „Lacrimae“ (1604) von John Dowland aufzubrechen. So nahm vorn auf dem Podium der Countertenor Andrew Watts zwischen Oboe und Harfe Aufstellung, während im Hintergrund neun Instrumentalisten Birtwistles zarte Arrangements der frühbarocken Lamenti spielten, von dem inzwischen 83-jährigen Sir Harrison dezent dirigiert.

Nur sechs der Orpheus-Elegien sind auf Sonette von Rainer Maria Rilke komponiert, die anderen Stücke sind instrumental. Der Klanggestus erinnert manchmal an Henze; die Trauer ist meist streng stilisiert, nur einige Stücke gestatten sich heftigeren Ausbruch, ihre atemlose Klangrede bleibt dabei aber archaisch. Bei zwei Stücken stellen die beiden Solisten Metronome an, um die unterschiedlichen Tempi wahren zu können. Jedes Stück hat seinen eigenen Charakter, und doch rundet sich der Kreis, indem der klagende Orpheus einerseits von den Bestien zerrissen, dadurch aber wieder „ein Mund der Natur“ wird, also der geschundenen Kreatur eine Stimme gibt. Zusammen mit den leisen Dowland-Tränen ergab das ein intensives Klage-Exerzitium von erheblicher Dauer.

Davor hatten die Instrumentalisten des Ensembles Musikfabrik Birtwistles rituelles Ensemblestück „Cortege“ (2007) zelebriert, eine hoch rhetorische Musik mit eingestreuten pathetischen Soli, die sozusagen Rede und Gegenrede praktizieren. Auch dieses Werk eine gebändigte Trauerrede, die sich in der perfekten Interpretation der Düsseldorfer Musiker aber auch witzige Seitenblicke erlaubt. Und all dies spielt sich nur in der Musik ab, ohne sinnstiftende Zutaten von außen.

Dies geschah nach der Pause des über dreistündigen Konzerts. Davor hatte die Uraufführung von „Yes“ stattgefunden, einer 75-minütigen räumlichen Performance für Sopran, 19 Instrumentalisten und Dirigent. Und die außermusikalische Zutat ist der Monolog der Molly Bloom aus dem letzten Kapitel von James Joyces „Ulysses“. James Joyce war selbst eher von der rhythmisch-rhetorischen Musik von Othmar Schoeck begeistert, etwa dessen Gottfried-Keller-Zyklus „Lebendig begraben“. Die Musik von Saunders ist all das nicht, und will auch nicht, was Birtwistle eignet: sie ist nicht pathetisch, nicht rhetorisch, nicht theatralisch. Auch der Joyce-Text wird nicht verständlich rezitiert, sondern in Vokalklänge zersplittert. Klar ist nur, dass Molly am Ende Ja gesagt hat.

Alles fließt, die Klänge gleiten ineinander und aneinander vorbei, die Musiker schleichen von einer Ebene zur anderen, treffen bisweilen auf dem Podium zu einer größeren Einheit zusammen, die dann Enno Poppes als Koordinator bedarf. „Normalklänge“ gibt es nicht, die Musiker praktizieren alle nur denkbare Spielweisen und bringen einen faszinierenden Klangkosmos ins Schwingen. Es degeneriert aber nie zum Geräusch, sondern bleibt immer Klang, auch wenn die Klaviere als Schlaginstrumente gebraucht werden. „Ich experimentiere viel mit verschiedenen Spielweisen,“ sagte Saunders, „Zum Beispiel frage ich mich, was das Einatmen und Ausatmen wirklich ausmacht? Was passiert, wenn man den Atem anhält? Welche Spannung entsteht durch die Körpersprache? Ich möchte diesen Text, vielmehr die verschiedenen Farben und Themen, die durch diesen komplexen Monolog strömen, benutzen. Mollys Monolog ist für mich ein wahnsinnig inspirierender Energiestrom.“

Besonders herausstechend das aggressive Solo des Akkordeons, das förmlich vor Wut und Sprachlosigkeit bebt. Auch Molly bleibt in ihrem inneren Monolog letzten Endes sprachlos. Sie erreicht nicht die Freiheit des Handelns, sie bleibt weiblich passiv. „Molly in Wonderland“. – Räume und Sphären sind es, durch die die Musik staunend gleitet, aber sie lässt es geschehen, sie gestaltet nicht. Ach, wäre Molly doch nur einmal aus sich herausgegangen, hätte sie einmal in das Klanggespinst um sich herum eingegriffen! Aber das wäre ein anderes Stück gewesen.
Der Sopranistin Donatienne Michel-Dansac steht eine ähnlich bestechende Virtuosität zur Verfügung wie seinerzeit Cathy Berberian, alleine das lädt zum Staunen ein. Und die geschmeidige Gestaltungskraft der Musiker ist hinreißend, lässt die Zeit zum Erlebnis werden, auch wenn man – im Gegensatz zu Molly, die ja am Ende doch „Yes“ gesagt hat – völlig die Orientierung verloren hat.

Zwei Tage später stand in der schütter besuchten Philharmonie mit Mark Andres „über“ (2015) ein ähnlich statisches Klangwerk auf dem Programm des SWR Symphonieorchesters mit Peter Rundel am Pult, und dieses Programm „Schwebender Gesang“ nahm ausdrücklich auf den ominösen 11. September Bezug. Auch hier ist alles ein Fließen und Atmen, ein Auftauchen und Verschwinden. Das Stück basiert auf Forschungen des Komponisten (breiter bekannt wurde er durch seine Oper „Wunderzaichen“ in Stuttgart) mit dem Klarinettisten Jörg Widmann über die „feinsten, zerbrechlichsten, fragilsten Klangsituationen, die er mir anbieten konnte“.

Auf wie viele Arten Jörg Widmann sein Instrument anhaucht, bevor er (behutsam) mit dem Blasen loslegt, ist alleine schon stupend – und dass das alles hörbar zum Klingen kommt, ein Wunder. Langsam, sehr langsam und sehr, sehr leise, geht das Atmen über ins groß besetzte Orchester, bis auch die vier Wagnertuben mitatmen. Und dann entstehen auch Töne, bilden sich kurze Klangformen, wird es kurz auch laut. Einige Instrumente werden akustisch abgenommen vom SWR Experimentalstudio elektronisch verarbeitet zurückgespiegelt, so dass auch hier ein atmender Organismus im Raum zu stehen scheint. Während bei Rebecca Saunders dies allerdings ein sinnlicher, farbenreicher Vorgang war, scheint hier allerdings die Angst des Luftschutzkellers zu herrschen: Man hört die Klänge wie von draußen, sie kommen näher und man zieht den Kopf ein bis sie wieder verklungen sind – ein kaltes Grundrauschen bleibt immer gegenwärtig und in ihm versinken auch am Ende Jörg Widmanns atemberaubende Beatmungsvariationen seiner Klarinette.

Vor Luigi Nonos „Canto sospeso“ – jenes „Schwebenden Gesangs“ – sang das SWR Vokalensemble zwei Renaissance-Madrigale auf Petrarca-Sonette, in denen auch von der Luft die Rede ist, von der geliebte Dinge berührt werden. Brieffragmente von Opfern der Nazis und der Faschisten wehen durch den Raum, von Laura Aikin, Jenny Carlstedt und Robin Tritschler mit den Chor vorgetragen, vom Orchester mit Peter Rundel souverän aufgewirbelt: die Technik des Serialismus sollte damals der Musik neuen Halt im Raum verschaffen.

Das Dessert wurde am Anfang des Konzerts gereicht: Peter Rundel dirigierte Schumanns Manfred-Ouvertüre mit der Hochspannung des romantisch zerrissenen Künstlers, der tragisch endet – Luigi Nono schätzte diese Musik, die bis in seinen „Prometeo“ hineinwirkte, dem er den Untertitel gab „Tragödie des Hörens“. Diese fand in beiden Konzerten ihre Fortführung.

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