Neue CDs: Mussorgsky auf dem Klavier und dem Akkordeon

Neue Einspielungen der „Bilder einer Ausstellung“ des Pianisten Benjamin Moser sowie des Akkordeonisten Nikola Djoric

Von Klaus Kalchschmid

Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ (1874) sind weltberühmt geworden in der Orchesterfassung von Maurice Ravel (1922), die keineswegs die einzige, aber die meistaufgeführte und eingespielte Version für Orchester geblieben ist. Die originale Version für Klavier ist nicht nur für Pianisten reizvoll (weshalb es jede Menge Aufnahmen gibt), sondern hat zahlreiche weitere Bearbeitungen inspiriert, so für Orgel, zwei Gitarren, Glasharfe, Klaviertrio, Blechbläser, Klarinetten-Ensemble oder gar 44 Pianisten an 44 Flügeln – und andere Besetzungen. Auch mehrere Versionen für Akkordeon gibt es, aber die von Nikola Djoric ist die erste, die auf CD erschien, und sie lässt uns die zehn so plastischen musikalischen Bildbetrachtungen, unterbrochen vom mehrfachen Flanieren zwischen den Gemälden, genannt „Promenade“, so schillernd erleben, als hörten wir ein ganzes Orchester.

Seit Einführung der CD müssen die gut 40 Minuten der „Bilder“ mit mindesten 30 Minuten anderer Musik ergänzt werden, wie auch bei einem abendfüllenden Klavierabend, seien es die „Lieder und Tänze des Todes“ von Mussorgsky, die 2013 Andrej Hoteev zusammen mit Elena Pankratova präsentierte, oder Scriabin (Antonii Baryshevskyi, 2015). Benjamin Moser geht, aufgenommen 2018, einen ungewöhnlichen Weg und lässt dem gewaltig auftrumpfenden „Großen Tor von Kiew“ Gershwin folgen. Zunächst sind das die „Three Preludes“ von 1926 und dann Bearbeitungen Earl Wilds (1915-2010) von berühmten Songs wie „The man I love“, „Embraceable You oder „Fascinatin‘ Rhythm. Dann kehrt er mit Transkriptionen Wilds von elegischen Rachmaninow-Lieder in die russische Sphäre zurück und lässt das Klavier wahrlich singen, aber auch immer wieder brillant aufrauschen. Dazu passt, dass Moser die „Bilder einer Ausstellung“ ganz vom Klavier-Klang her denkt und auf eine sensible, überzeugend monochrome Farbigkeit setzt, gewissermaßen auf eine feine Palette von Grau-Stufen wie im s/w-Film. Dagegen trumpft Antonii Baryshevskyi mit überbordender Farbigkeit und ausgesuchter Detailarbeit auf, die ihren eigenen Reiz hat.

Irgendwo zwischen Ravel und der originalen Klavier-Fassung bewegt sich Nikola Djoric mit seinem Akkordeon: Das klingt mal geheimnisvoll wie eine Drehleier, etwa in den Archaismen des „Alten Schlosses“, und besitzt ein großes Spektrum, was Dynamik, das differenzierte An- und Abschwellen des Tons und den daraus erwachsenden Klang angeht, aber auch feine Facetten des Ausdrucks möglich macht. Fast lautmalerisch klingt das Spiel der Kinder in den „Tuilleries“ oder das dumpf stampfende Vieh („Bydło“), plastisch auch das Geschehen um „Samuel“ Goldenberg und „Schmuÿle“ oder das Scherzando des Markttreibens in Limoges und die unheimlichen Echos in den römischen „Katakomben“. Perfekt passen dazu die 14 kurzen, fein schillernden (Klavier-)Stücke von Peter Tschaikowskys „Kinderalbum“, russische „Kinderszenen“, die denen Robert Schumanns in nichts nachstehen und mit Akkordeon eine wunderbar naive Volkstümlichkeit erlangen.

 


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