Nagano und Aimard zelebrieren Messiaen in München

Nagano-Aimard©Meisel(BR)

Musikalisches Gotteslob

Kent Nagano, Pierre-Laurent Aimard und das Symphonieorchester des BR mit Messiaens Oratorium „La transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ“ in der Münchner Philharmonie mit Andacht und Hingabe

Von Robert Jungwirth

(München, 23. Juni 2017) Es muss ein beeindruckendes Konzerterlebnis gewesen sein bei der Uraufführung von Olivier Messiaens annähernd zweistündigem Oratorium „La transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ“ vor 9000 Zuhörern im Juni 1969 im Coliseu von Lissabon. Messiaens von 1965 bis 1969 entstandene Komposition ist ein klingendes Glaubensbekenntnis des tief religiösen Komponisten auf der Grundlage der biblischen Erzählung aus dem NT über die Verwandlung Jesu auf dem Berg Tabor (Matthäus 17/1-9). Der Evangelist beschreibt darin, wie Jesus plötzlich in gleißendem Licht stand, während über ihm eine helle Wolke schwebte, aus der die Stimme Gottes sprach. Berühmt ist Raffaels bildliche Umsetzung der Episode – in den Vatikanischen Museen zu besichtigen.

Messiaen knüpft an diese biblische Geschichte, die einmal als „Verklärung“ und einmal als „Verwandlung“ bezeichnet wird, einen ganzen Glaubenskosmos, der vom allgemeinen Gotteslob, Bibelexegese, Zahlensymbolik, Kirchenlehren des Thomas von Aquin und, und, und reicht. Das alles ist natürlich viel zu komplex, um es in einer Konzertkritik abzuhandeln, aber glücklicherweise nicht zu komplex, um es hörend und den Text mitlesend im Konzert in seiner grundsätzlichen Bedeutung nachvollziehen zu können. Alles andere wäre auch nicht im Sinn Messiaens, dem es auch um eine erfahrbare musikalische Aussage ging, für die man nicht erst theologische Studien betreiben muss. So kreisen die 14 Abschnitte des Werks für großes Orchester, gemischten Chor und sieben Instrumentalsolisten neben der „Verklärungserzählung“ thematisch um verschiedene Aspekte des Lebens und Wirkens Jesu, vor allem aber um seine Bedeutung für die Menschen als Heils- und Erlösungsbringer.

In „La transfiguration de Notre-Seigneur Jésus-Christ“ sind neben Bezügen zu gregorianischen Chorälen natürlich auch – wie in den meisten von Messiaens Werken – Vogelstimmen von Bedeutung. Die Vögel sah Messiaen als Mittler zwischen Himmel und Erde. Deshalb studierte er ihren Gesang und übertrug ihn in seine Musik. Dabei wechselt das Werk dezidiert zwischen geradezu düsteren Chorälen (vor allem, wenn die tiefen Männerstimmen singen) und einem überbordend orchestrierten Gotteslob und –jubel mit einem spektral aufgefächerten Orchesterklang, bei dem einem manchmal fast die Sinne schwinden. Hier erreicht das Werk zweifellos seinen Höhepunkt – im letzten, „Die Dreifaltigkeit erschien in ihrer Gesamtheit“ überschriebenen Abschnitt.

Wie anders als überwältigend sollte das gelingen, wenn gewissermaßen die beiden Stellvertreter Messiaens auf Erden, Kent Nagano am Pult und der Pianist Pierre-Laurent Aimard, am Werke sind. Beide Musiker haben bei und mit Messiaen dessen Werke eingehend studiert, sind von ihm zutiefst in ihrem Musikertum geprägt worden. Und beiden ist ein heiliger Ernst zu eigen, wenn sie gerade Musik von Messiaen aufführen. Das überträgt sich natürlich auch auf die Musiker und Sänger. Das Symphonieorchester des BR mit vielen solistisch agierenden Instrumentalisten und der Chor des BR in der Einstudierung von Howard Arman brachten dem Werk einen nicht minder großen Respekt entgegen wie Nagano und Aimard, widmeten sich den reduktionistischen (mitunter auch etwas langatmigen) Passagen mit ebenso viel Konzentration und Hingabe wie den orchestral überschäumenden Klangballungen. Eine Art musikalischer Ökumene konnte man an diesem Abend in der Münchner Philharmonie erleben – zu der auch ein gespannt und andächtig lauschendes Publikum das Seine beitrug.

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