Nagano Münchner Philharmoniker

Lebensfreude und tiefe Melancholie

Kent Nagano Foto: Felix Broede

Kent Nagano dirigiert Ives, Bernstein und George Benjamin bei den Münchner Philharmonikern
Von Klaus Kalchschmid
(München, 15. März 2017) – Schon deshalb fehlt Kent Nagano in München: Wer sonst vermag solche Programm nur mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zu entwerfen und durchzusetzen. Fast fühlte sich das an wie ein Sonderkonzert zur Münchner Biennale für neues Musiktheater. In seinem beziehungsreichen, amerikanisch-britischen Programm, das er vor einem Jahr zu Beginn des Wahlkampfs um die amerikanische Präsidentschaft entworfen hatte, wie er selbst zu Beginn sagte, erwies Nagano sich fast als Visionär: Es begann mit Charles Ives‘ ebenso berühmtem wie immer wieder aufregendem Stück „Unanswered Question“ samt sphärisch entrückt rästelhafter Ferntrompete, und endete mit der großartigen zweiten Symphonie von Leonard Bernstein aus den Jahren 1948/49. Sie ist eigentlich ein verkapptes Klavierkonzert und trägt den Titel „The Age of Anxiety – Das Zeitalter der Angst“!
Dazwischen gab es als Münchner Erstaufführung den Liederzyklus „Dream of the Song“ für Countertenor, Frauenchor und kleines Orchester nach Texten von Solomon Ibn Gabirol, Samuel Hanagid und Federico Garcia Lorca. Leider war Andrew Watts erkrankt und seinen Einspringer Christopher Robson – vielen aus zahlreichen Händel-Aufführungen in der Ära Jonas an der Staatsoper bekannt – konnte man teilweise kaum hören und was man zu hören bekam, war nicht unbedingt der Standard, den junge Countertenöre heute setzen. Das tat der Faszination dieser klanglich so abwechslungsreichen, melodisch dichten und doch durchsichtigen Musik dennoch keinen Abbruch, zumal immer wieder die Frauen des Philharmonischen Chors als prägnanter Hintergrund mit und ohne Robson sangen.
Leonard Bernsteins „Age of Anxiety“ nach dem gleichnamigen Versdialog von W. H. Auden, der von vier Menschen handelt, die sich zufällig in einer New Yorker Bar treffen, war das gut halbstündige Hauptwerk. Es bestach dank eines farbig ausdifferenzierten Orchesterklangs, aber auch durch Gilles Vonsattel, der im dritten Teil eine Party als Jazzpianist zum Glühen brachte – und dabei schon mal mit einem zweiten Klavier wie aus dem Nebenzimmer korrespondieren durfte. Das war eine musikalische Szene, wie sie nur Bernstein in eine Symphonie einbauen konnte, deren vielfältige Bezüge zur Musikgeschichte dennoch kein eklektizistisches Werk ergeben. Dabei endet das Ganze wie Mahlers Zweite, entwickelt aber auch im ersten Teil („The Seven Ages“ und „The Seven Stages“) konzise, fein ausgearbeitete, höchst originelle 14 Variationen (ohne Thema!), die in eine gewaltige dissonante Steigerung münden, während die folgende Taxifahrt als seltsamer „Grabgesang“ daherkommt. Lebensfreude und tiefe Melancholie, Schönheit und Schrecken liegen in dieser Symphonie ganz nah beieinander und Dirigent wie Orchester gaben dem Einen wie dem Anderen eine große, berührende Dringlichkeit.   



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