Nagano dirigiert Zimmermann und Beethoven

Abschied und Verheißung

Kent Nagano Foto: Bayer. Staatsoper

Kent Nagano und das Bayerische Staatsorchester mit Zimmermann und Beethoven
(München 25. September 2007) Beethovens "Eroica" und zuvor "Ich wandte mich und sah alles Unrecht, das geschah unter der Sonne", das erschütternde letzte Werk von Bernd Alois Zimmermann aus dem Jahr 1970, vollendet fünf Tage vor dem Freitod des 52-jährigen Komponisten! Kent Nagano hat es sich mit seinem ersten Akademiekonzert im Nationaltheater nach der Sommerpause wahrlich nicht leicht gemacht. Aber warum ließ er die beiden Werke nicht in umgekehrter Reihenfolge spielen? Aus Angst, das Publikum könnte vor dem zeitgenössischen Werk fliehen? Oder weil er seine Zuhörer nicht entlassen wollte mit der zutiefst berührenden, ja aufwühlenden Blechbläser-Fassung des ersten Verses des Bach-Chorals "Es ist genug", den schon Alban Berg am Ende seines letzten Werks, des Violinkonzerts in ganz zarter Instrumentierung mit Holzbläsern zitierte?
Zimmermanns "Ekklesiastische Aktion für zwei Sprecher, Bass-Solo und Orchester" konfrontiert Verse aus dem Buch Salomon mit der frösteln machenden Szene aus dem zweiten Teil von Dostojewskijs "Brüder Karamasov", in der ein greiser Großinquisitor den wiedergeborenen und als Aufrührer ins Gefängnis geworfenen Christus mit den Folgen seiner Lehre konfrontiert. Dietrich Fischer Dieskau spricht diese Inkarnation kirchlicher Macht mit einer ganzen Palette an höhnischen, ironischen und gefährlichen Zwischentönen, während Gerd Böckmann in einer zweiten Sprechrolle nüchtern, kühl, objektiv bleibt. Der Bariton Michael Volle dagegen – hinter dem Orchester, aber erhaben postiert – lädt dessen Texte singenderweise mit brennender Emotion auf.
Zimmermanns instrumentale Einwürfe sind trotz eines riesigen Orchesterapparats vergleichsweise sparsam, manchmal fast wie in einem gesteigerten Rezitativ. Und doch gehen die aus dem Raum tönenden Posaunen (des Jüngsten Gerichts), die abrupten Zwischenrufe vielfältigen Schlagwerks oder die plötzlichen Eruptionen der Streicher unter die Haut, zumal das Staatsorchester unter Nagano hochkonzentriert und mit nicht nachlassender Intensität spielte.
Nach dieser halben Stunde hätte man aufgewühlt nach Hause gehen können und sollen. Dennoch war Beethovens dritte Symphonie keine ganz unangemessene Fortsetzung, denn Nagano nahm dem Werk alles vordergründig Heroische, bevorzugte flüssige Tempi, achtete – ohne Stab dirigierend – auf weiches Strömen, auf trockene Akzente, auf Durchsichtigkeit und risikierte lieber immer wieder ein Verdämmern im Pianissimo als ein satt auftrumpfendes Fortissimo, das er vielmehr sofort wieder dämpfte oder zurücknahm. So kamen die vielen tänzerischen Momente der Symphonie mit einer selten zu hörenden Eleganz zum Tragen. Zimmermanns Aufschrei noch im Ohr, hörte sich das an wie die Verheißung einer besseren Welt.
Klaus Kalchschmid

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