Nagano auf der Suche nach dem originalen Wagner

Spurensuche

Concerto Köln unter Kent Nagano nähert sich dem “originalen” Wagner an

Von Christoph Zimmermann

(Köln, 20. Januar 2019) Es gibt einen aufregenden Plan: die Realisierung von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ in möglichst optimaler Annäherung an das ursprüngliche Klangkonzept des Komponisten. Der Boom im Bereich historisch informierter Aufführungspraxis zeigt ja, wie sehr sich interpretatorischer Geschmack im Laufe von Jahrzehnten verändert hat. Diese Entwicklung muß man durchaus nicht in Bausch und Bogen verurteilen, aber der Wunsch nach Korrektur ist nachvollziehbar. Freilich ist in diesem Zusammenhang zu bedenken, daß nicht nur nachprüfbares Notenmaterial, sondern auch interpretatorische Individualität eine gewichtige Rolle spielt, damals wie heute.

Kent Nagano begibt sich mit dem Concerto Köln nun also auf Spurensuche in Sachen Wagner. Aber Nagano beherrscht als erfahrener Operndirigent auch den „Ring“ (zuletzt Aufführungen in Hamburg Ende 2018), Concerto Köln hat sich hingegen in den dreißig Jahren seines Betstehens auf barocke und klassische Werke konzentriert. Die „Ring“-Idee dürfte also letztlich von dem kalifornischen Maestro gekommen sein. Aber natürlich sind auch Wünsche des Orchesters nach Repertoireerweiterung vorstellbar.

Bis zu den geplanten Aufführungen in den Jahren 2021 bis 2024 bleibt noch Zeit für Forschungen, welche zusammen mit Musik- und Sprachwissenschaftlern durchgeführt werden sollen. Die Libretti Wagners sind nun freilich unumstößlich, aber seine Musik ist ein durchaus noch näher zu erforschender Kosmos. Der Komponist selber mußte bei der „Ring“-Uraufführung Kompromisse schließen, weil er nur teilweise die von ihm gewünschten Musiker zur Verfügung gestellt bekam. So mußte er auf Gast-Instrumentalisten ausweichen, welche z.T. andere Instrumente spielten als die von ihm für ideal erachteten. Er hatte beispielsweise die konische Ringklappenflöte im Sinn, welche inzwischen längst von der Bildfläche verschwunden ist. Concerto Köln benutzt sie allerdings, greift auch sonst auf historisches Instrumentarium zurück. Ein anderes Moment ist der Stimmton. Im Laufe der Zeit ist er bis 440 bis 443 Hertz angestiegen, wäre also historischen Gegebenheiten anzunähern. Concerto Köln ist mit seinen 435 Hertz den einstigen Gepflogenheiten bereits ganz nahe.

Concerto Köln wird sich in (zunächst) drei Konzerten unter dem Motto „Wagner-Lesarten“ dem Komponisten anzunähern versuchen. Das Siegfried-Idyll im aktuellen Programm hängt bereits motivisch mit der Bühnen-Tetralogie zusammen, ist aber – ähnlich wie das Waldweben in „Siegfried“ – primär kammermusikalisch angelegt. Die Wesendonck-Lieder entstanden sogar mit bloßer Klavierbegleitung, erhielten erst durch die Orchestrierung des Dirigenten Felix Mottl ihre heutige Gestalt (sie erklingen am 16.5. zusammen mit Anton Bruckners dritter Sinfonie). Mit sieben Kontrabässen war das Siegfried-Idyll großvolumig besetzt, was seiner ursprünglichen Funktion (Geburtstagsständchen für Cosima Wagner) eigentlich widersprach. Das weich flutende Spiel von Concerto Köln mit seinen subtilen Schattierungen überzeugte gleichwohl.

Der aktuelle Abend wurde ergänzt durch das vierte Violinkonzert von Niccolò Paganini sowie „Harold in Italien“ von Hector Berlioz. Von dem Orchesterrevolutionär Berlioz lassen sich Verbindungslinien zu Wagner unschwer ziehen. Bei Paganini fällt dies aber schwer. Kent Nagano weist darauf hin, daß „Harold“ von diesem als kapriolenreiches Bratschenkonzert in Auftrag gegeben wurde, welches Berlioz dann aber nicht schrieb, sondern vielmehr zu einer alternativen „Symphonie fantastique“ ausarbeitete. Der Solopart für eine Viola war damals fraglos ein interessantes Novum, aber letztlich eine Äußerlichkeit. Das Paganini-Konzert besitzt wie seine Schwesternwerke einen primär virtuosen Anstrich, ungeachtet einiger orchestraler Pikanterien. Nagano beharrt jedoch: „Wir wollen nicht nur den künstlerischen, sondern auch den sozialen und anthropologischen Kontext rekonstruieren, aus dem heraus Wagners Ideen entstanden“, so seine Worte in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger.

Shunske Sato, Konzertmeister bei Concerto Köln und anderswo, spielte das Paganini-Konzert quasi „mit links“. Keine noch so ausgepichte Finger- und Bogenakrobatik schien ihm Mühe zu machen, und sein Ton behielt selbst in extremer Lage betörende Leuchtkraft. Über die Behauptung im Programmheft, das Orchester sei „nicht zur Begleitung degradiert, sondern ebenbürtiger Partner“, kann man geteilter Meinung sein. Alleine der rhythmisierende Dauereinsatz des Beckens wirkt leicht militärhaft. Schöne Details wurden freilich bereits oben nicht abgestritten. Die Aufgabe Naganos, welcher das Orchester feurig aufspielen ließ, bestand vor allem darin, die sich oft recht frei entfaltende Agogik des Solisten mit der Begleitung sicher zu koordinieren, nicht zuletzt die vielen Tuttischläge des Orchesters präzise zu plazieren.

Die Sinfonie „Harold in Italien“ – wie schon angemerkt: kein Virtuosenkonzert, wie von Paganini erhofft – weist der obligaten Bratsche eine Erzählerrolle zu. Der aus Lord Byrons „Childe Harold’s Pilgrimage“ entlehnte Titelheld ist ein Alter Ego von Berlioz, ein Träumer, welcher sich seine Idealwelten erschafft. Zu dieser meditativen Figur paßt der sonore, mittellagige Ton der Bratsche bestens, und Nils Mönkemeyer spielte seinen Part nobel und mit Inbrunst. Nagano brachte das Orchester zum Schwelgen, sorgte bei Bedarf aber auch für immensen Klangaufruhr. Alleine durch den Einsatz von neun (!) Kontrabässen mußte der Besetzungsstamm von Concerto Köln mächtig aufgestockt werden. Woher die zusätzlichen Musiker im Einzelnen kamen, wurde nicht angegeben. In der Harfenistin konnte man allerdings ein Mitglied des Gürzenich-Orchesters ausmachen. Effektvolle Schlußzugabe: der Ungarische Marsch aus „Damnation de Faust“ von Berlioz. Stürmisch wie diese Musik auch der Publikumsbeifall.

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