Musiktage Donaueschingen

Festivalkritik: Donaueschinger Musiktage

Beim Neuen bleibt vieles beim Alten

Foto: SWR/Jan Timme/Wolfgang Bosse

Donaueschinger Musiktage 2015: Die Komponisten sollen hier nichts müssen und deshalb arbeiten sie weiter wie gewohnt.
Von Laszlo Molnar

(Donaueschingen, Mitte Oktober 2015) 2015 war für die Donaueschinger Musiktage ein Jahr der Abschiede.  Abschied von Armin Köhler, der das 1921 gegründete Festival für zeitgenössische Musik von 1992 bis 2014, dem Jahr seines Todes, leitete. Und Abschied vom SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, das mit diesem Jahr von seinem Arbeitgeber aufgelöst und in ein neues gemeinsames Sinfonieorchester mit Standort Stuttgart überführt werden wird. Abschiede sind auch Aufbrüche. Auf den vom Krebs mitten aus seiner Arbeit herausgerissenen Köhler folgt nun, früher als geplant, Björn Gottstein. Der 47-jährige Musikwissenschaftler, Journalist und Musikveranstalter – seit 2013 Redakteur für Neue Musik beim SWR – hätte 2017 die Leitung der Musiktage übernehmen sollen. Köhler hatte seine Wahl begrüßt. Dagegen hat das „neue Orchester“, wie es am Musiktage-Wochenende ständig genannt wurde, außer den SWR-Entscheidern so keiner gewollt. Während mit Gottstein positive Perspektiven verbunden werden, hieß es zum „neuen Orchester“ nur: „Wir sind gespannt, wie es klingen wird.“ Im Gedenken an Köhler, der auch wesentlicher Motor des Um- und Ausbaus der Donauhallen zu einem modernen und attraktiven Veranstaltungszentrum mit einem neuen Saal, dem Strawinsky-Saal, war, wurde der Platz davor nach ihm benannt. Dies auch als Signal, dass die Zukunft der Musiktage in Donaueschingen fest auf dem Fundament der Kontinuität ruht.
Neunzig Prozent des Programms 2015 waren noch von Köhler geplant und fixiert worden, berichtete Gottstein auf der Pressekonferenz am Sonntag. Die traditionell als Festival der Uraufführungen konzipierten Musiktage Donauseschingen präsentierten ihren Besuchern in diesem Jahr derer 18, dazu vier Klanginstallationen. Dafür wurde es von 10.000 Neue-Musik-Begeisterten aufgesucht, die durchweg ausverkaufte Säle bescherten. Tatsächlich erforderte es vom Spät-Kommenden bei freier Platzwahl schon einige Mühe, noch ein freies Plätzchen zu finden. Man suchte zumindest mit dem guten Gefühl, in der richtigen, weil begehrten Veranstaltung zu sein.
Gottstein sagte auch, er werde hier, wie gewohnt, keine thematischen Vorgaben machen. Donaueschingen sei ein offenes Festival. Man wolle „niemanden zwingen, etwas bestimmtes zu tun.“ Es gab Uraufführungen von so etablierten Größen wie Olga Neuwirth, Marc André und Francesco Filidei ebenso wie von Komponisten, die noch ihre Kräfte erproben. Übrigens: immer noch sind die Männer in der Überzahl. Auf die Frage, wo denn die Komponistinnen blieben, antwortete Gottstein, dass man an deren vermehrter Präsenz arbeite. Immerhin leistete Olga Neuwirth mit ihrem 70-minütigen neuen Opus „Le Encantadas o le avventure nel mare delle meraviglie“ ein gesamtes Konzert für sich alleine.
Ja, die Länge. Da haben sich die Komponisten gegenüber früheren Zeiten mächtig verändert. Konnte es früher nicht kurz genug sein mit all den „Fragmenten“, „Chiffren“, „Strukturen“ und „Spuren“, muss es heute wenigstens eine halbe Stunde „Material“ sein. Das fiel besonders beim Abschlusskonzert mit dem Sinfonieorchesters des SWR Freiburg und Baden-Baden auf – wir wollen es weiter das „neue Orchester“ nennen -, das mit vier Stücken von Yves Chauris, Alvin Curran, Francesco Filidei und Marc André drei Stunden lang dauerte. Und man darf sagen: keines der Stücke für jeweils sehr großes Orchester konnte stichhaltige Argumente dafür liefern, warum es so lang gewesen sein musste. Einzig „über“ von Marc André, mit Jörg Widmann als Klarinetten-Solisten, konnte inhaltlich überzeugen. Der versonnene, sehr bescheiden auftretende André liefert Werke, die seinem Charakter entsprechen. Introvertiert, tiefgründig, aus dem Klangfundus des Orchesters schöpfend, oberflächliches Beifallheischen vermeidend. Einzig das Klarinettensolo brilliert und war damit bei Widmann, dem Virtuosen sowohl auf seinem Instrument als auch beim zeitgemäßen Komponieren, in den richtigen Händen. Aber auch „über“ war mit fast 40 Minuten zu lang; zumindest aber nicht so offenkundig nach Zuspruch suchend wie das kitschige, sich mit Zitat-Witzchen anbiedernde „killing Bach“ von Francesco Filidei oder das „Book of Beginnings“ von Alvin Curran, das ein ganzes Jugendorchester beschäftigt, um auf sich aufmerksam zu machen. Immerhin haben so auch junge Menschen die Gelegenheit, mit den „großen“ Kollegen zusammen zu spielen und die Techniken der Moderne kennen zu lernen. Alles in allem war das Abschlusskonzert nochmals ein Statement dafür, dass Donaueschingen immer noch eine Welt für sich ist, in der man nach der Art der Alten – Boulez, Stockhausen, Nono, Lachenmann – vor sich hinkomponiert und die Sorgen des Alltags und der Welt draußen lässt.
Auch Neuwirths neues Stück kümmert sich nicht darum, was gerade in der Welt so vor sich geht. Sie orientierte sich für das lange Stück mit dem langen Namen an der Geschichte des Autors von „Moby Dick“, Herman Melville und reiste dafür auf seinen Spuren in durch die USA. Mit brachte sie Tonaufnahmen von Meereswellen und Geräuschen der Seefahrt, die sie in vielfältig grummelnde Instrumental- und Elektronik-Klänge einbettete. Vorgeführt wurde das ganze vom Pariser Ensemble Intercontemporain unter der Leitung seines Chefs Matthias Pintscher. Da sitzt man dann auf seinem kleinen Stühlchen in engsten vollbesetzten Reihen im Bartók-Saal der Donauhallen – der einstigen Viehversteigerungshalle des Orts – und fragt sich, was denn nun der geistige Ertrag sei von seiner physischen Qual. Siebzig Minuten Beschallung und der Anblick des sehr präzise dirigierenden Matthias Pintscher. Nein, Neuwirth hat hier nichts weiter zur Erkenntnis der Welt beigetragen. Stattdessen postuliert auch sie, dass in der Neuen Musik am besten alles so bleiben soll, wie es schon immer war.
Aufbruchsstimmung verbreiteten immerhin die Komponisten des Konzertes des „Ensemble Mosaik“ im sehr attraktiven Strawinsky-Saal. Mark Barden, Carlos Sandoval, Luis Antunes Pena, Stephan Winkler und Orm Finnendahl experimentieren mit der Kombination von Video mit Klang, mit selbstspielenden Klang-Körpern, in buntem Mix von Zitaten und bizarren Sounds. Aber auch sie kommen nicht hinaus über die Selbstbespiegelung, über die Beschäftigung mit der Frage, was der Künstler denn so macht als Künstler. Die Bilder zeigten meist die Musiker bei ihrer Arbeit.
Einzig der in Brasilien geborene Schweizer Patrick Frank bot mit seiner Musik-Performance „Freiheit – die eutopische Gesellschaft“ ein politisches Statement zur aktuellen Lage. In seiner vierstündigen Aktions-Collage in Form einer „Oper“ in drei Akten beschäftigt er sich mit der Frage nach der Freiheit des Menschen im Kapitalismus. Dazu gehörte auch ein Symposium, bei dem unter anderen auch der Tübinger Philosoph Ottfried Höffe teilnahm und das rege Diskussion auch im Publikum auslöste.
Wirklich irritierend war ein Beitrag von Mario de Vega. Der Aktionskünstler hatte vor dem Konzert am Samstag Morgen im Foyer der Donauhalle eine Sicherheitsschleuse wie auf einem Flughafen aufgestellt. Die Besucher mussten ähnliche Prozeduren wie vor dem Flug über sich ergehen lassen, permanente Überwachung war zudem angekündigt. Hier kam echter Ärger auf über Schikanen, die man sonst schon als ganz selbstverständlich hinnimmt – und damit die Überlegung darüber, wie weit es schon gekommen ist mit dem, was wir immer noch als „Freiheit“ bezeichnen.
Der künstlerisch bezwingendste Beitrag aber kam in diesem Jahr von der Jazz-Fraktion. Beim „Jazz-Now“-Konzert des SWR in den Gewerblichen Schulen trat die Saxophonistin Lotte Anker – diesen Namen unbedingt merken!! – mit Freunden und ihren Projekten „Acoustic Habitat“ und „Electric Habitat“ auf. Fern von allen Zwängen, Problemen und Vorgaben begaben sich hier drei bis sechs Musiker auf die Erkundung der Klänge, wie es sich seit jeher die Neue Musik auf die Fahnen geschrieben hat. Aber die Freiheit zur Improvisation im Jazz, die Ungebundenheit von Noten führt wirklich zu ungeahnten Kombinationen, deren Spontaneität den Hörer ebenso überrascht wie fesselt. Wie bei einer indischen Raga entfalteten die Musiker ihre Ideen und Konzepte über einen längeren Zeitraum; die Faszination lag darin, dass das präsentierte Material im Spiel immer wieder neu formuliert und gestaltet wurde, der Fluss der Improvisation der Musik immer wieder neuen Atem verlieh. Nicht ein einzelner Komponist musste hier ein Stück alleine im Kämmerlein basteln, sondern deren drei beziehungsweise sechs leisteten ihren Beitrag. Das war wahrlich „Neue Musik“, wie man sie sich an diesem Ort erhofft; eine, die ihre Zuhörer mit der ganzen Wucht der Kreativität und Musikalität trifft.

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