Musikfest Bremen

Licht und Klang

Teodor Currentzis, Ray Chenez, Paula Murihy Foto: Patric Leo

(Bremen, 8.-10. September 2016) Zum Abschluss des Musikfests Bremen bringen Teodor Currentzis und seine MusicAeterna in zwei Konzerten mit Ausschnitten aus Rameau-Opern und Purcells "Indian Queen" die Bremer aus dem Häuschen
Von Robert Jungwirth
(Bremen, 8.-10. September 2016) Es waren regelrechte Teodor-Currentzis-Festspiele, mit denen das Bremer Musikfest unter stürmischem Jubel eines restlos begeisterten Publikums nach drei Wochen endete. Einmal mit Szenen und Instrumentalstücke aus Rameau-Opern, das andere Mal mit Purcells Oper „The Indian Queen“ in der von Peter Sellars und der Schriftstellerin Rosario Aguilar erstellten Neufassung, bewiesen Currentzis und das von ihm gegründete Ensemble MusicAeterna – bestehend aus Chor und Orchester – einmal mehr ihre Sonderstellung im internationalen Musikbetrieb.
Zunächst einmal ist natürlich ganz allgemein die Leistung zu bewundern, mit zwei derart anspruchsvollen und langen Programmen auf Tournee zu gehen (nach Bremen sind sie damit noch in Dortmund und Wien zu hören). Und dann wird man des Staunens nicht müde, wie diese auf Currentzis eingeschworenen Musiker jede Phrase, jeden Akzent, jede Verzierung mit Intensität und Emotionalität versehen und – ja – zu einem Ereignis machen. Und das obgleich in historisch-informierter Manier ohne alle Alte-Musik-Verbissenheit oder Erbsenzählerei, sondern stets mit einer schier umwerfenden Musizierlust präsentiert.
„The Sound of Light“ nennt Currentzis sein Rameau-Programm und ergänzt im Programmheft die seiner Meinung nach herausragende Bedeutung des Lichts für die Musik des Franzosen. Wenn er einem Blinden erklären sollte, was Licht sei, würde er ihm Rameau vorspielen, sagt Currentzis. Dementsprechend dunkel ist es zu Beginn. Das Saallicht ist bis auf eine kleine Funzel am Dirigentenpult komplett erloschen, wenn ein Trio aus Violine, Flöte und Cembalo mit einer kleinen Kammermusik Rameaus beginnt. Wie aus dem Nichts steigt diese kleine Musik beinahe schüchtern aus dem Orchester empor, erst im Verlauf desselben erhellt sich der Saal allmählich, wird in wechselndes farbiges Licht getaucht. Inzwischen hat sich auch Currentzis in den Saal geschlichen – mit schwarzer Rüschenbluse, hautenger schwarzer Jeans und schwarzen Socken – ohne Schuhe! Currentzis pflegt bekanntlich auch äußerlich das Besondere. Mit seinem Outfit und den schwarzen, ins Gesicht fallenden Haaren könnte er problemlos auch bei einer Gothik-Band die E-Gitarre bedienen. Nicht minder unkonventionell ist seine Art zu Dirigieren: eine Art Ganzkörperausdruckstanz mit schlängelnden Bewegungen, unterbrochen von ruckartigen Schlägen der Hände. Keine Frage, Currentzis inszeniert sich, sein Orchester und die Musik, die er aufführt, zu einem Gesamtkunstwerk. Doch überdeckt die Show bei ihm nicht das klingende Ergebnis – im Gegenteil: Sie dient tatsächlich eher zur Wirkungsverstärkung der Musik. Eine solche Inszenierung würde man so manchem staubigen Symphonieorchesterauftritt anraten…(aber nicht jedes Orchester hat einen Currentzis und meistens noch nicht einmal jemanden, der mit Licht umgehen könnte…).
Quecksilbrig, funkensprühend klingen die die Ouvertüren zu „Les Boreades“ und „Zoroaste“. Die Beweglichkeit und Leichtigkeit der Streicher und Bläser, angeführt von einem nahezu schwerelos agierenden Konzertmeister Afanasii Chupin, sind phänomenal. So muss Rameau klingen! Gestisches Musizieren mit einem süffigen, farbigen Klang. Die tänzerischen Rondos und Contretänze haben galanten bis handfesten Charme, manchmal läßt Currentzis seine Musiker sogar rhythmisch mit den Füßen dazu stampfen. Wunderbar witzig gackern die Holzbläser in „La Poule“ aus der Suite G-Dur, und zum Schluss schnallt sich der Dirigent auch noch selbst eine Trommel um zum Kehraus mit „Orage“ aus „Les Indes galantes“.
Ja, und dann gilt es natürlich auch noch die amerikanische Sopranistin Robin Johannsen zu würdigen, die in ihren Arien aus Dardanus, Castor und Pollux, Platée oder Hippolyte et Aricie einen nicht minder leichtfüßigem Charme demonstriert wie die Musiker und mit anmutigem Stimmklang umwerfend anrührend ist. Bei den Arien und dann natürlich noch mehr bei der gesamten Oper von Purcell am übernächsten Tag mit einem 7-köpfigen Solistenensemble erlebt man auch die Qualität des Sängerdirigenten Currentzis, der nicht nur jeden Text mitspricht, sondern sich den Sängerinnen und Sängern mit einer Hingabe widmet, die man heute kaum bei einem Dirigenten so erlebt. Jede Wendung in den Gesangspartien, jede Ausschmückung vollzieht Currentzis „händisch“ mit bzw. nimmt sie vorweg. Auch für das Publikum ist das interessant, denn die gestische Prägnanz seiner Zeichengebung ist auch eine Art „Verständnishilfe“ für die Musik und das, was in ihr „transportiert wird“. Ein nicht zu unterschätzender Wert für all jene Zuhörer, die keine Rameau-Experten sind.
Entsprechend verhielt es sich auch bei Purcells „Indian Queen“, jenem von Peter Sellars runderneuertem Opernfragment über einen Krieg zwischen den Inkas und Mayas in Mexiko bzw. Peru und eine darin verwobene Liebesgeschichte. Nur dass Sellars den verschrobenen Inhalt der Oper unter Zuhilfenahme des Romans „The lost chronicles of terra firma“ der Schriftstellerin Rosario Aguilar beinahe komplett umgestaltet und mit neuen Zwischentexten versehen hat (fantastisch live gelesen von Maritcell Carrrero). Die Indian Queen ist nun eine Indigene, die von ihrem Stamm dazu auserwählt wurde, sich dem Anführer der spanischen Conquistadores hinzugeben, um ihn und sein Gefolge so in eine tödliche Falle locken zu können. Doch die Liebe vereitelt den Plan – jedoch ohne happy end. Da treffen sich Aguilar und Purcell, denn auch in der ursprünglichen Oper gibt es kein positives Ende.
Beeindruckend auch hier wiederum die gestische Kraft der Musik in der Interpretation durch das MusiAeterna und des dazugehörigen Chors. Auch die Sängerbesetzung, allen voran die beiden Sopranistinnen Johanna Winckel und Paula Murrihy leisten Außerordentliches. Und wieder wurde die Bühne in wechselndes buntes Licht getaucht, um wenigsten ein bisschen Inszenierung zu dieser konzertanten Oper zu liefern.
Auch wenn sich das vorhersehbare schlechte Ende der Oper in Sellars‘ Fassung ein wenig zu sehr in die Länge zieht – auch weil zusätzlich Instrumental- und Chormusik aus anderen Werken Purcells hinzugefügt wurde – ist die Begeisterung des Publikums am Ende enorm. Und Sellars und Currentzis haben eindrucksvoll gezeigt, wie man mit unkonventionellen Ideen selbst ehrwürdigen Klassikern neues Leben einhauchen kann. Freilich bedarf es dazu großer Opern-Erfahrung und eines treffsicheren Stilgefühls. Sonst wäre die Gefahr des peinlichen Missbrauchs doch groß.
Zum Schlussfeuerwerk des Musikfests Bremen gehörte zwischen diesen beiden Currentzis-Auftritten auch noch ein Gastspiel des belgischen Alte-Musik-Altmeisters Philippe Herreweghe und des Collegium Vocale Gent. Mit den Bach-Kantaten BWV 130, 149 und der Trauerkantate 198 stellten der Dirigent und das von ihm gegründete Ensemble einmal mehr ihre hohe Qualität in Sachen Bach-Interpretation unter Beweis – wenngleich die akustischen Herausforderung im recht halligen Dom zu Verden (ca. 30 km von Bremen entfernt) keine geringen waren.
Welch ein Unterschied zu Currentzis bei Herreweghes Dirigat. Dort der Heißsporn, hier der ruhige, ja beinahe abgeklärte Altmeister. Nun sind die Bach-Kantaten natürlich auch von anderem Charakter als die Opern Rameaus oder Purcells – insofern verbieten sich direkte Vergleiche. Dennoch wirkt Herreweghes Herangehensweise an die Musik grundsätzlich gebremster als bei Currentzis, Zuspitzungen hört man hier kaum. Chor und Orchester zeichnen sich mehr durch ebenmäßige Transparenz und Sonorität aus. Unter den Solisten fiel vor allem der Tenor Thomas Hobbs besonders positiv auf, während der Bass Peter Kooij (an diesem Abend) nicht ganz auf der Höhe des sonstigen Niveaus war.



Münchner Philharmoniker


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