Musik aus Dänemark beim Usedomer Musikfestival

Sanfte Wikinger

Das Usedomer Musikfestival begeistert mit Musik und Musikern aus Dänemark

Von Robert Jungwirth

(Usedom, 23.-25. September 2017) Usedomer Musikfestival ist, wenn die Gemeindemitglieder von Krummin, Liepe oder Morgenitz Kuchen backen, dass sich die Tische biegen. Vor den Konzerten in den herrlichen alten kleinen Dorfkirchen und während der Pausen können sich die Besucher so für den Kunstgenuss stärken. Da steht man dann auf der grünen Wiese des Pfarrhofs von Liepe neben frühherbstlich blühenden Gärten, blickt auf die herrliche Backsteinarchitektur der Kirche, die einen ebenso stimmungsvollen wie klangvollen Rahmen für die Kammerkonzerte des Festivals bietet und isst Kuchen für einen guten Zweck. Die Einnahmen und erhofften Spenden kommen der Finanzierung der neuen Kirchenglocke zu Gute.

Dieses idyllisch-beschauliche Ambiente macht einen Gutteil des Charmes des Usedomer Musikfestivals an der östlichen deutschen Ostseeküste rund um die berühmten Seebäder Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck aus, das heuer bereits zum 24. mal stattfindet. Und wie jedes Jahr ist auch diesmal wieder ein Ostseeland mit seiner Musiktradition und seinem aktuellen Musikleben im Zentrum des Programms: Dänemark.

Garten der Kirche von Liepe mit Kuchenstation Fotos: Maciejewski

Auch wenn die vier Musiker des Danish String Quartet mit ihren kunstvoll zerzausten Blondschöpfen wie veritable Wikinger aussehen, sind sie doch auch zu zarten Tönen fähig. Zum Beispiel in ihren eigenen Bearbeitungen dänischer Volkslieder – beim Eröffnungskonzert – offerieren sie die ganze Ausdruckspalette, zu der ein Streichquartett so fähig ist, von traumverloren zärtlich bis hin zu mitreißend tänzerisch, ja einpeitschend. Diese hochoriginellen und sehr differenzierten Volksmusikbearbeitungen sind ganz besonders gelungen in ihrer kreativen Anverwandlung unterschiedlichster Musikstile von traditioneller Musik über Klassik bis Jazz oder sogar Popmusik. Gleichzeitig sind sie getragen von der instrumentalen Perfektion der vier Musiker und einer schier grenzenlosen Musikalität und Vitalität.

Danish String Quartet

Ergänzt wurde das Programm des Eröffnungskonzerts im Kaiserbädersaal von Heringsdorf durch Chorwerke der dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade, Carl Nielsen, Per Norgard und Bent Sorensen sowie von Mendelssohn-Bartholdy – gesungen vom NDR-Chor unter Philipp Ahmann. Am interessantesten wirkten dabei die drei Motetten von Nielsen nach Psalm-Texten, harmonisch und stilistisch ganz eigen und faszinierend in ihrer expressiven Klangsprache. Gades frühe Lieder nach Naturgedichten blieben dagegen vergleichsweise blass. Der NDR-Chor beeindruckte mit hervorragender Technik und viel Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Klangwelten – auch und ganz besonders dann natürlich bei Mendelssohns sechs „Liedern im Freien zu singen“.

Wie stark die Beziehungen zwischen der deutschen und der dänischen klassischen Musiktradition sind, machte der Leiter des dänischen Kulturinstituts in Brüssel Per Erik Veng bei einer Gesprächsveranstaltung im Rahmen des Festivals deutlich. Gade, der als Begründer der dänischen klassischen Musikkultur gilt, war sogar Leipziger Gewandhauskapellmeister und hatte enge, ja freundschaftliche Verbindungen zu Felix Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann. Was man in seiner Kammermusik auch deutlich hören kann, wie etwa in den Fantasiestücken für Klarinette und Klavier op. 43 oder den Noveletten für Klaviertrio op. 29, die schon im Titel die Nähe zu Schumann ahnen lassen und die das dänische Ensemble MidtVest zwei Tage darauf in der Dorfkirche von Morgenitz mit romantischem Melos stilsicher interpretierte. Und dazu auch Schumanns Klavierquartett Es-Dur – nicht minder dynamisch und klangschön gespielt. (In Morgenitz gab es außer Kuchen auch noch köstliches Schmalzbrot für die Konzertbesucher.)

Ensemble MidtVest

Die Stars der ersten Festivaltage aber waren eindeutig die Musiker des Danish String Quartetts, die am zweiten Abend nicht dänische Musik, sondern Bach, Beethoven und Bartok offerierten. Das seit 2002 bestehende Ensemble zählt zurecht zu den international gefeierten Ensembles und zeichnet sich durch eine fein durchgehörte und klangsinnliche Spielweise aus. Mehr noch als mit Beethovens sperrigem späten cis-Moll-Quartett op. 131 begeisterten die vier an dem Abend mit einer kraftvoll impulsiven, aber auch tiefgründigen Wiedergabe von Bartoks erstem Quartett a-Moll. Kaum zu glauben, dass einer der beiden Geiger, Rune Tonsgaard Sorensen, (sie wechseln bei der Position des Primarius ab) am Nachmittag bereits in einem wiederum der dänischen traditionellen Musik verpflichteten Konzert zu hören war.

Sorensen, der Akkordeonist und Pianist Nikolai Busk und der Gitarrist Ale Carr haben sich 2009 beim Folkfestival in Kopenhagen kennengelernt und – weil sie sich sympathisch fanden – begonnen, über dänische Volkslieder und Tänze zu improvisieren. Daraus entstand das Konzertprojekt Dreamer’s Circus, mit dem sie – neben Sorensens Quartettverpflichtungen – seitdem weltweit auftreten und ihre Zuhörer mit einer der irischen Volksmusiktradition ähnelnden Musik und einer Fülle an unterschiedlichsten Instrumenten verblüffen. So schrieb die dänische Zeitung Politiken über sie: „Dreamer’s Circus hat für die nordische Folkmusik geschafft, was Astor Piazzolla und der Tango Nuevo für die argentinische Folkmusik geschafft haben.“

Dreamer’s Circus

Die Einfälle sprudeln nur so aus den drei Musikern heraus, und so ist es ein wahres Vergnügen, ihren dabei zuzuhören. Simples steht hier ganz selbstverständlich neben anspruchsvoll Virtuosem, überschäumend Tänzerisches neben beschaulich Melancholischem. Das Publikum in der Kirche von Liepe war schlichtweg verzaubert. Und 2 Stunden später saß Sorensen dann einige Ortschaften weiter in Krummin mit spätem Beethoven und Bartok auf der Bühne. Was für ein Erzmusikant und was für ein fantastischer Geiger mit blendender Technik – in allen Genres!

Das Usedomer Musikfestival dauert noch bis zum 14. Oktober. Weitere Informationen unter: www.usedomer-musikfestival.de

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