Musik auf dem Golfplatz

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Wo Kennedy segelte

Das Cape Cod Symphoy Orchestra spielt dort, wo Kennedy Urlaub machte

Von Christian Gohlke

(Cape Cod, USA, Anfang Novemeber 2017) Cape Cod, so heißt eine der Stadt Boston vorgelagerte Halbinsel im Südosten von Massachusetts in den USA. Wie ein Angelhaken ragt die Landschaft in den Atlantik hinein. Berühmt ist das Cape vor allem, weil die Kennedys hier ein stattliches Anwesen besitzen und weil der 35. Präsident der Vereinigten Staaten dort am liebsten seine Sommerferien verbrachte. John F. Kennedy war es auch, der große Teile der Halbinsel in den 1960er Jahren unter Naturschutz stellen ließ, so dass die Bebauung und Zerstörung der herrlichen Küstenlandschaft stark eingedämmt werden konnte. Tatsächlich gehört Cape Cod zu den schönsten, beliebtesten und exklusivsten Urlaubszielen in den USA.

Weniger bekannt als die prominenten Gäste, die bis heute gerne aufs Cape in die Sommerfrische oder zum Golfen fahren, ist das Cape Cod Symphony Orchestra, obwohl es die Bewohner dieser gesegneten Gegend bereits seit 1962 mit klassischer Musik versorgt. Neun Konzertprogramme spielen die 75 professionellen Musiker in dieser Saison mit jeweils zwei oder drei Auftrittsterminen. Noch finden die Konzerte in der Aula der Highschool von Barnstable statt, die knapp 1500 Zuschauer fasst und meistens gut gefüllt, wenn nicht ausverkauft ist. Doch gibt es jetzt große Pläne. „Dare to dream“, habe den Mut zu träumen, steht in großen Lettern auf den Konzertplakaten, die an den weißen Wänden der Highschool hängen.

Wagemut kann man dem Orchester schwerlich absprechen: Geplant ist der Bau eines neuen Konzerthauses auf einem alten Golfplatz. In fünf Jahren soll das Gebäude bezugsfertig sein – ein ehrgeiziges Projekt, bedenkt man, wie schwierig es in gerade dieser Landschaft ist, einen Neubau durchzusetzen. Hinzu kommt, dass die Musiker von der Regierung auf keinerlei finanzielle Unterstützung hoffen dürfen. Nicht nur der Bau des neuen Saales, auch der laufende Konzertbetrieb muss sich selbst tragen. Zu sechzig Prozent werden die Ausgaben durch den Verkauf von (für deutsche Verhältnisse teuren) Konzertkarten gedeckt. Der Rest wird von Sponsoren finanziert. Douglas D. MacDonald heißt der Mann, der diesem hochmögenden Kreis in seiner Funktion als Board of Trustees vorsteht. Ihn trifft man bei jedem der Konzerte in der Barnstable Highschool, wo er in wenig glanzvollem Umfeld freundlich und unermüdlich Gäste, Sponsoren und Donatoren begrüßt und zu einer Art von Werkeinführung einlädt, die vor den Aufführungen jeweils angeboten werden. Aber nicht nur vor dem Konzert, auch zwischen den einzelnen Programmpunkten erläutert Jung-Ho Pak, der seit zehn Jahren Chefdirigent des Orchesters ist, die Musik, die gleich erklingen wird. Witzig, wortreich und eloquent erzählt der uneitle Maestro Anekdoten, zeigt sogar Filmausschnitte oder interviewt Solisten. So locker und leicht wie möglich will man es dem Publikum ganz offenbar machen. Hier muss sich keiner dafür genieren, wenn er nicht weiß, an welchen Stellen er zu klatschen und an welchen er zu schweigen hat. Die Atmosphäre ist entspannt und leger.

Dabei ist das ganz der skandinavischen Musik gewidmete November-Programm durchaus anspruchsvoll und gar nicht kurz: Im ersten Teil des Abends stehen mit Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite und dessen Klavierkonzert zwei Klassiker des Repertoires auf dem Programm. Nach der Pause indes erklingt neben der Helios-Ouvertüre von Carl Nielsen und Jean Sibelius‘ „Finlandia“ auch ein Cello-Konzert von Lars-Erik Larsson (1908–1986). Es war das Werk, das an diesem Abend am wenigstens überzeugte. Die spätromantisch anmutende Musiksprache des Komponisten ist wenig originell. Hinzu kam, dass der Cellist Bo Ericsson was Intonation und Phrasierung betrifft nicht immer überzeugen konnte. Weit besser war der Pianist Knut Erik Jensen dem anspruchsvollen Solo-Part in Griegs Klavierkonzert gewachsen. Er zeigte in der Kadenz des ersten Satzes technische Bravour und überzeugte mit einem weichen Anschlag bei der Gestaltung der träumerischen Melodie im Adagio. Jung-Ho Pak gelang es dabei, zwischen Solist und Orchester einen schönen Dialog entstehen zu lassen. Natürlich ist der Klang des Cape Cod Symphonie Orchestra nicht so homogen wie beim Boston Symphony Orchestra, das sozusagen benachbart liegt, und natürlich geraten nicht alle Einsätze so präzise wie bei den weltberühmten Orchestern der USA. Aber dass hier mit Leidenschaft musiziert wird, ist unverkennbar.

Und kaum ist das Konzert zu Ende, lädt der umtriebige Dirigent die Zuhörer zu einer Gesprächsrunde mit Knut Erik Jensen ein. Erst stellt er selbst einige Fragen zum Werdegang des Pianisten, dann dürfen die Zuhörer sich an ihn wenden: Sitten und Gebräuche, sehr amerikanisch und in dieser Lockerheit hierzulande nur schwer vorstellbar. Doch bei allen Unterschieden gibt es zwei auffällige Gemeinsamkeiten: Die Überalterung des Publikums wird hier wie dort beklagt, denn trotz aller Unverkrampftheit will es noch nicht so recht gelingen, die Jugend von Cape Cod für klassische Musik zu begeistern. Vielleicht ist eine Highschool dafür auch nicht der geeignetste Ort. Das neue Konzerthaus mag da attraktiver sein. Ob ein Konzertsaal aber im Weinberg- oder im Schuhschachtelformat erbaut werden soll, ist in den USA so umstritten wie in Deutschland.

Where Kennedy sailed

Cape Cod Symphony Orchestra dedicates a concert evening to Scandinavian music

By Christian Gohlke

(Cape Cod, early in November 2017) Cape Cod is the upstream peninsular in southeast Massachusetts, USA. The landscape extends into the Atlantic Ocean like a fishhook. It is particularly famous, as the Kennedys own a splendid property there and it was the most preferable place for the 35th President of the United States to spend the summer vacation. It also was John F. Kennedy who placed most parts of the peninsular under nature protection in the 1960s and could therefore massively dam the development and destruction of this superb shore landscape. Indeed, Cape Cod belongs to the most beautiful, famous and exclusive holiday destinations of the USA.

Less known than the prominent guests who like to visit the Cape until today in order to enjoy the summer resorts or to play golf, is the Cape Cod Symphony Orchestra, even though it has already served the inhabitants of this blessed region since 1962 with classical music. The 75 professional musicians give nine concert programs this season with each two or three performances. The concerts still take place in the auditorium of Barnstable High School that holds scarcely 1500 spectators and is mostly well filled if not sold out. Therefore big plans are being made at the moment. “Dare to dream“ is written in big letters on the concert posters, attached on the white walls of the High School. Audacity of the orchestra is certainly hard to be denied: It is planned to build a new concert hall on an old golf course. The complex is supposed to be ready for occupation in five years- an ambitious project, taking into consideration how difficult it is to establish a new construction especially in this landscape. Besides, the musicians cannot rely on any financial support of the government.

Not only the construction of the new hall, but also the running concert business must pay for itself. The expenses are covered by 60 percent through the purchase of the concert tickets – which are expensive in comparison to German conditions. The rest is finaced with the help of sponsors. Douglas D. MacDonald is the man who presides over this influential circle as Board of Trustees. He is present at every concert in that rather unglamouros setting at Barnstable High School where he welcomes his guests, sponsors and donors friendly and tireless und invites them to an introductory talk before the performaces begin. However, not only before the concerts start but also in between the single sequences, Jung-Ho Pak who has been the principal conductor of the orchestra for ten years, explains the music which is sounding afterwards. In a funny, verbose and eloquent way, the modest maestro relates anecdotes and even shows movie- sequences or interviews soloists.

Obviously, an effort is being made to make the audience feel as easy as possible. Nobody has to feel embarrassed in case he doesn‘t know when to applaud and when to be silent. The atomsphere is lax and casual.
However, the program of November is completely dedicated to the Scandinavian music which is quite demanding and not short at all: The first part of the evening consists of Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite and his piano concerto – two classics of the repertory. After the interval, besides the Helios-overture of Carl Nielsen and Jean Sibelius‘ “Finlandia“, a cello concert of Lars-Erik Larsson (1908–1986) is performed. This was the less convincing oeuvre of all that evening. The late Romantic language of the music is rather uninspiring. Additionaly, the cellist Bo Ericsson couldn‘t always convince concering intonation and phrasing. Much better was the pianist Knut Erik Jensen who managed to interpret the highbrow solo parts in Griegs piano concert. He demonstrated technical brilliance in the first cadence of the first movement und convinced with a soft touch in the artistic design of the adagio‘s dreamy melody. Jung-Ho Pak created a beautiful dialogue between soloist and orchestra.

Of course the sound of the Cape Cod Symphony Orchestra is not that homogenous as the one of the neighbouring Boston Symphony Orchestra and of course not all cues are as precise as they are in the world famous orchestras of the USA. But nobody would deny that music is made with great passion here.
Right after the end of the concert, the bustling conductor invites the audience to a round of talks with Knut Erik Jensen. He himself asks some questions about the career of the pianist and then the audience is allowed to turn to him: manners and customs, very American and in that looseness hardly imaginable over here. Despite all these differences, there are two striking similarities: the overaging of the audience is lamented here and there as despite the relaxed atmosphere it doesn‘t seem to succeed getting the youth of Cape Cod enthused with classical music. Maybe a High School is not the most suitable place for it. The new concert hall might be more attractive. Whether a concert hall shall be built in a vineyard or in the shape of a shoebox is as controversial in the USA as it is in Germany.

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