Musical "Hello again"

Im Strudel der Leidenschaften

Milica Jovanovic, Nathanael Schaer, Nina Janke
Foto: Theaterakademie

Eine Wiedergutmachung: Michael John La Chiusas Musical „Hello Again“ im Münchner Prinzregententheater

Genug von Musicals? Schon längst keine Lust mehr auf wie vom Fließband fabrizierte Ohrwürmer, auf flaue Storys, die dünne Liedchen motivieren? Münchner mit solchen Symptomen sollten dann die jüngste Produktion der Theaterakademie im Prinzregententheater besuchen, das Musical „Hello Again“ von Michael John La Chiusa. Es hatte am 1. März Premiere.
Die Produktion ist die Abschlussarbeit des vierten Jahrgangs des Studiengangs Musical. Alle 10 bis 12 Absolventen bekämen ein Engagement, hieß bei einer früheren Gelegenheit. Das glaubt man nach diesem Abend gerne: Er führt einen gewissermaßen zurück zu den Wurzeln des Genres. Das kommt nicht von ungefähr: John La Chiusa ist ein großer Bewunderer der Musical-Stars Leonard Bernstein und Stephen Sondheim, den wirklich seriösen Komponisten dieses Faches. Gekonnt bedient er sich ihrer Stilmittel – kurze, prägnante Szenen; expressive, dem Jazz und dem Rock entlehnte Musik und ein „karger“ Aufbau der Musik, der an Weill erinnert. Es sind in der Regel solche Stücke, die man in New Yorker Off-Broadway-Theatern zu sehen bekommt, und nicht die bonbonfarben aufgemotzten Familienshows, die man hierzulande als Musical verkauft hat. La Chiusa sieht sich selbst in der Tradition von Weills Song-Spielen. Auch die Instrumentierung ist danach. Mit einem Klavier im Zentrum, spielen zu „Hello Again“ Streicher und Jazz-Bläser mit Schlagzeug auf. Anstatt dem Ohr zu schmeicheln und den Geist einzulullen, wird in der Aufführung im Prinzregententheater beides hellwach gehalten. Auch das kann das Musical!
Das Gelingen des Vorhabens der Theaterakademie hat viele Väter. Da ist die Auswahl des Stücks und seines Stoffes: „Hello Again“ ist La Chiusas Version von Schnitzlers „Reigen“. Zehn kurze Szenen erzählen von Aufeinanderprallen der Begierde. Stets sind nur zwei Personen auf der Bühne: Ein Mann und eine Frau begegnen und entzünden sich. Immer kommt Gewalt ins Spiel, damals – zu Schnitzlers Jahrhundertwende – wie heute, in La Chiusas Gang durch acht Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. La Chiusa hat Schnitzlers Szenen zu verschiedenen Zeiten angesiedelt, aber ein roter Faden verbindet sie und rundet die Story zum Ende. Die „Hure“ aus der Anfangsszene erscheint wieder und darf Hoffnung schöpfen, endlich echte Zuneigung zu finden. „Hello Again“erzählt von Begebenheiten, die uns allen gegenwärtig sind, von der Sehnsucht nach Liebe und vom Scheitern daran. Aber Vorsicht, die Show ist nicht jugendfrei: Regisseurin Silvia Armbruster legte sich keinerlei Scheu an, die Liebesakte so explizit zu zeigen wie sie nun einmal sind.
Wie „ernst“ man das Musical nehmen darf und auch muss, das zeigen die rundum ausgezeichneten Sänger-Darsteller. Nina Janke, Marc Lamberty, Maria Helgath, Manuel Steinsdörfer, Milica Jovanovic, Nathanael Schaer, Konstantin Krisch, Markus Alexander Neissner, Marella Martin und Felix Oliver Schrepp, alle Studierende oder Absolventen der Theaterakademie, heißen die Hoffnungen des deutschen Musical-Nachwuchses. Sie singen, wie man es für das Genre wünscht, sie tanzen, sie spielen mit Leidenschaft. Silvia Armbruster machte ihren Aktionen ordentlich dampf und kommt dafür fast ohne Bühnenbild aus. Eine Drehbühne, ein Bett, ein paar Tische und Stühle – das ist alles, um die Illusion auf Zeitreise zu schicken.
Die Studierenden und alle an der Produktion von „Hello Again“ haben mehr getan als ein gutes Stück auf die Bühne zu bringen. Sie tragen dazu bei, den gerade in Deutschland von Geschäftemachern ramponierten und in Verruf gebrachten Begriff des Musicals wieder zu rehabilitieren. So intelligent, so leidenschaftlich, auch: so erhellend kann gute Unterhaltung sein. Unbedingt sehenswert! Weitere Aufführungen im Prinzregententheater am 2. und 3. März sowie vom 6. bis 11. März 2007, jeweils um 20 Uhr. Karten unter 089/2185-1920.
Laszlo Molnar

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