Musica Viva

Engelsgesänge

Bei der musica viva des BR im Herkulessaal überstrahlt „L‘Icȏne paradoxale“ von Gérard Grisey alles

Von Klaus Kalchschmid

(München, 2. Juni 2017) Was für ein grandioses Werk überwältigte bei der musica viva im Herkulessaal nach zwei Uraufführungen: In „L‘Icȏne paradoxale“ von Gérard Grisey aus dem Jahr 1994 duettieren Sopran und Mezzosopran famos und virtuos als Symbol für die beiden androgynen Engel in Piero della Francescas „Madonna del Parto“, die vor einer schwangeren Maria den Vorhang zur Seite ziehen! Dazu kommt ein zweigeteiltes großes Orchester, das entsprechend dem Fresco fast symmetrisch zweigeteilt, aber differenziert aufgefächert ist mit sechs Schlagwerkern und großem Streicher- und Bläserapparat, teilweise mit solistischen Streichern und Bläsern unmittelbar nebeneinander. Im Verein mit den wunderbaren Sängerinnen Anja Petersen und Donatienne Michel-Dansac wird eine derart vielgestaltige Klangwelt erschaffen, dass man eine knappe halbe Stunde nur staunen kann: ob der Komplexität und Intensität der Musik; angesichts der Genauigkeit, mit der gesungen und vom Symphonieorchester des BR unter Johannes Kalitzke musiziert wird. Zugleich ist man fasziniert, wie sich jeder Moment, jeder Verlauf unmittelbar und schlüssig mitteilt.

Gegen dieses Meisterwerk hatten es im ersten Teil Oscar Bianchi und Hans Thomalla – beide 1975 geboren – mit ihren Uraufführungen nicht leicht: Die vielen, mehrfach abgestuften Steigerungswellen von „Inventio“ für Orchester des Italieners, das Auf und Ab, Verdichten und Locker-sich-Entfalten ermüdete mit der Zeit, bis endlich drei sogenannte „Waldteufel“ eine erfrischende Note in das musikalische Geschehen mischten. Dank dieser Holzgefäße, die man – an einer Sehne schwingend – brummen, schnarren, wimmern und summen lassen kann, entstanden herrlich schräge, ur- und volkstümliche Klänge.

Schmunzeln konnte man auch zu Beginn von Thomallas „Ballade“, einem Klavierkonzert, das eine Viertelstunde lang die Aura eines Flügels auskomponiert, bei dem man immer wieder das rechte Pedal drückt – und so Klänge mitschwingen lässt, die einen neuen Raum öffnen. Auf dem Soloklavierstück „Ballade.Rauschen“ (2014) aufbauend, bekommen diverse Tonleitern, prägnant gespielt von Nicholas Hodges, einen vielfältigen, immer eigenständigeren Hall. Doch kurz vor Schluss zerfasert das Ganze nach einem enormen Aufbäumen des Klaviers in geballten Clustern, die faszinierend auf das Orchester ausstrahlen und darin ihr Echo finden; das klingt fast so, als wollte ein neues Stück beginnen. Schade um die Intensität und Spannung, die sich zuvor wie selbstverständlich zwischen Klavier und Orchester immer wieder aufgebaut hatte.


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