Münchner Symphoniker

Konzertkritik: Münchner Symphoniker

Neue Klänge für München

Kevin John Edusei, Chefdirigent der Münchner Symphoniker Foto: Marco Borggreve

Mit Beethoven, Benda, Cherubini und Mozart gibt Kevin John Edusei im Münchner Prinzregententheater einen aufregenden Einstand als Chefdirigent der Münchner Symphoniker
Von Laszlo Molnar
(München, 24. Oktober 2014) Sofort nach den ersten Tönen von Beethovens zweiter Leonoren-Ouvertüre war klar: Hier macht einer ernst. Geht nicht auf beliebigen Kuschelkurs mit Zuhörern und Abonnenten. Dieser Dirigent – Kevin John Edusei, seit dieser Saison Chef der Münchner Symphoniker – hat eine klare Meinung davon, wie klassische Musik heute klingen soll, und diese Meinung will er seinem Publikum in aller Deutlichkeit mitteilen. Edusei, 37 Jahre alt, hat sich von der historisch informierten Aufführungspraxis inspirieren lassen. Und gemessen an dem, was man in diesem ersten Abonnementskonzert der Symphoniker von ihm und dem Musikern zu hören bekam, ist er ein überzeugter Anhänger dieses Aufführungsstils.
Das ist nicht nur hörbar, man sieht es auch: die Trompeten sind mit langgestreckten Naturtrompeten besetzt, die für einen hellen, schmetternden Klang sorgen. Die Streicher spielen im Wesentlichen ohne Vibrato und mit knapp artikulierten Tönen, so, dass auch die Binnenstruktur der Kompositionen deutlich hörbar wird. Das Ergebnis ist ein frischer, heller, vibrierender und hochgespannter Klang. Der bringt den Zuhörer dazu, genau hinzuhören und auf das nächste Klangereignis gespannt zu sein. Für bequemes Zurücklehnen und passives „Genießen“ ist solchen Musizieren nicht gedacht. Für Stuttgart prägte Roger Norrington mit dem Symphonieorchester des SWR auf diese Art einen „Stuttgart Sound“.
Die Münchner Symphoniker auf diesen Weg zu verpflichten, ist ohne Frage eine gute Entscheidung. Zu groß ist in dieser Stadt die Konkurrenz durch die „Edelorchester“ BR-Symphoniker, Philharmoniker und Staatsorchester, die für die hohe Kunst der luxuriösen Klangentfaltung stehen. Um alternative Arten der Aufführung kümmern sie sich allerdings nur wenig, und so war es die richtige Idee, mit Edusei einen Dirigenten zu holen, der diese Nische energisch besetzt und bereit ist, siehe sein Saisonprogramm, sie auszubauen.
Die etwas harsche, geradezu knorrige Leonoren-Ouvertüre war ein Statement. Ein bekanntes Werk im immer noch irritierenden Klanggewand. Aber auch vor dem weniger Bekannten macht der Aufklärungs-Wille des Kevin John Edusei nicht Halt. In diesem Programm, das den Titel „Liebeswut“ trug, ging es um die Gestalt der Medea. Medea, eine Frauengestalt der griechischen Mythologie, nahm einiges auf sich, um ihrem Mann Jason Dienste zu erweisen. Als dieser sie aber wegen der Tochter des Königs Kreon verließ, nahm sie bittere Rache: sie ermordete Kreon, dessen Tochter und ihre eigenen zwei Kinder. Die aufs extremste verzweifelte Frau hat die Kunst auf allen Gebieten immer wieder inspiriert.
In diesem Konzert erklang ein Melodram des böhmischen Komponisten Georg Anton Benda (1723-1795) und die Ouvertüre zur Medea-Oper von Luigi Cherubini – die eine der Vorzeigepartien der Maria Callas war. Edusei und seinen Musikern gelang es, das etwas langatmige Melodram immer wieder mit Spannung auf der musikalischen Seite aufzuladen – für die Darstellung der Medea war die Schauspielerin Gila von Weitershausen zuständig.
Die „große“ C-Dur-Symphonie Mozarts, „Jupiter“ genannt, war dann nochmals ein Zeugnis, dass das Orchester Eduseis Musizierideal verinnerlicht hat. Erst in solch einer vibrierenden, unruhigen Aufführung offenbart sich das ungezügelte Genie Mozarts, der alle Stile seiner Zeit beherrschte und sie mit seiner brennenden Phantasie zum äußersten trieb. So eruptiv, so schillernd und so mitreißend wie es hier zu hören war, kennt man das „gute Stück“ nur aus den Interpretationen von Jos van Immerseel und von Marc Minkowski. Das Publikum wusste die Botschaft wohl zu schätzen und spendete im Prinzregententheater lebhaften Beifall.
Einen Aufsehen erregenden, einen vielversprechenden Start legten Dirigent und Orchester hier mit diesem Konzert hin. Wenn es so bleibt, erwarten das Münchner Publikum mit den Konzerten der Symphoniker aufregende Hörerlebnisse. Ein New Munich Sound, gewissermaßen.

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