Münchner Philharmoniker Postpalast

Beethoven goes clubbing

Foto: Uwe Stegmaier

Die Münchner Philharmoniker spielten im Münchner Postpalast ein Konzert in Clubambiente mit anschließender Party – ein Modell, das ausbaufähig zu sein scheint.
Von Robert Jungwirth

(München, 24. Januar 2015) Uncool ist es, mit gedruckten Eintrittskarten in ein Konzert zu gehen. Cool dagegen, nach Internetanmeldung auf einer „Gästeliste“ zu stehen und in Trauben am Eingang zu warten, bis man abgehakt wird. Uncool sind Beethoven und Glass in der Gasteig-Philharmonie. Cool sind sie in der Rotunde des Postpalastes mit anschließender Party. Diesen Eindruck jedenfalls bekam, wer am Samstagabend zum Konzert der Münchner Philharmoniker in den Postpalast an der Hackerbrücke ging und über die Massen von jungen Zuhörern staunte. So viele Zwanzig- und Dreißigjährige sieht man sonst vielleicht in drei oder vier regulären Konzerten der Münchner Philharmoniker zusammengenommen.
Also, geht doch: Nicht Beethoven und Glass sind uncool, eher die Umgebung und die Art der Präsentation. Wie cool Beethoven ist, darauf wies zu Beginn des Konzerts dann auch noch der 29-jährige französische Dirigent Maxime Pascal hin. Es gebe ja viele Stürme in der klassischen Musik, aber Beethovens Sturm in seiner sechsten Symphonie sei der beste: „let’s go – enjoy the show!“. Na dann…
Zur musikalischen Landschaftsschilderung der „Pastorale“, respektive der Gefühle des Landschaftsbetrachters, flimmerten dann auch gleich Bilder von Wäldern, Wiesen und Bachläufen auf einem Rundhorizont aus weißem Stoff, um die Zuschauer, teilweise ein wenig verfremdet, teilweise naturalistisch – ausgewählt und bearbeitet von VIER VIDEOJOCKEYS. Ansonsten war der Raum in rötliches Licht getaucht. Man sah, dass selbst hochkarätige Musiker wie die Münchner Philharmoniker klassische Musik auch mal anders als in ihrer gewohnten Umgebung und Art präsentieren können, ohne dass diese dadurch an Bedeutung verliert – vielleicht sogar im Gegenteil. Akustisch ist der Postpalast zwar nicht unbedingt eine Alternative zur Gasteig-Philharmonie. Der dumpfe Klang der Streicher aber fiel bei Glass weitaus wenig auf als in der Beethoven-Symphonie.
Man muss halt auch was wagen, wenn man ein anderes Publikum für sich interessieren und gewinnen will. Die Zuhörer im Postpalast jedenfalls schienen aufmerksamer und konzentrierter als mitunter das Publikum im ehrwürdigen Gasteig. Wobei man sich fragen kann, ob es nötig ist, dass man eine aufwendige Bestuhlung aufbietet, die nach dem Konzert nur wieder aufwendig und langwierig abgebaut werden muss, bevor die Party steigen kann. Auch ihre Fracks hätten die Philis getrost zu Hause lassen können…
Egal, die Augen der Zuhörer waren an diesem Abend ohnehin vor allem mit den Projektionen und dem Dirigenten beschäftigt. Maxime Pascal nämlich gestaltete sein Dirigat zu einer Art expressionistisch-experimentellem Ausdruckstanz um und wirkte dabei aus wie eine Mischung aus Mr. Bean und Ilja Richter. Bei der Gewittermusik der Pastorale schien es, als durchzuckten die imaginären Blitze seinen Körper. Das war schon ziemlich verrückt, aber immerhin hatte Pascal dabei stets die Partitur im Blick. Konventionell ist das, was Pascal bietet, jedenfalls nicht, das braucht er sich nicht nachsagen lassen. Eine besondere interpretatorische Linie war allerdings – vielleicht auch wegen der Akustik – nicht auszumachen, aber die Musik klang zumindest empfindungsreich gespielt.
Letztlich überzeugender gerieten die motorischen Patterns des Minimal-Altmeisters Philip Glass in seinem Stücks „The Light“, das hier sogar als deutsche Erstaufführung zu hören war. Nach einem etwas langwierig-belanglosen Anfang steigert es sich zum gewohnten rhythmisch-metrisch Glass’schen Vexierspiel. Dazu boten die VIER VIDEOJOCKEYS auf der Leinwand ein schön anzuschauendes Ballett aus Linien und Punkten an. Das Publikum war begeistert – mehr davon!

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