Münchner Philharmoniker Paris

Schonungslos intensiv

Grande salle Pierre Boulez Philharmonie de Paris Foto: W. Beaucardet

Daniil Trifonov und die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev zu Gast in der Pariser Philharmonie
Von Robert Jungwirth
(Paris, 21. Februar 2017) Wenn es schon bei der Anspielprobe vor leeren Sitzreihen so atemberaubend gut klingt, dann muss das auch am Saal liegen. Und man am liebsten gleich hier bleiben würde, um all die wunderbaren Orchester und Solisten zu hören, die in den nächsten Tagen und Wochen auftreten. Natürlich sind die Münchner Philharmoniker ein hervorragendes Orchester mit einer enormen Klangkultur und einer hohen Homogenität. Aber es war jetzt erst das zweite Mal, dass die Münchner in diesem ziemlich genau vor zwei Jahren eröffneten spektakulären Saal spielten. Eine engere Beziehung konnten Sie also noch nicht zu ihm aufbauen. Aber nach diesem zweiten Gastspiel haben die Musiker mit dem Akustik-Wunder dem Vernehmen nach endgültig Freundschaft geschlossen und werden in Zukunft auch regelmäßig hier gastieren.
Auch der Beginn von Debussys berühmter Faun-Musik „L’après midi d’un faun“ geriet den Münchnern hier so atmosphärisch fein, so duftig und doch klangvoll, wie man sich das nur wünschen kann. Und beim ersten Horneinsatz schmolz man beinahe dahin. Das ist das Schöne an diesem übrigens auch optisch wunderbar gelungenen Saal, dass er auch einzelne Instrumente und nicht nur ein ganzes Orchester zum Klingen bringt.
Das nennt man Eulen nach Athen tragen, in Paris als deutsches Orchester Debussy zu spielen…Doch die Pariser goutierten es mit Wohlgefallen, auch wenn Gergiev durchaus etwas zum Zelebrieren neigte.
Weniger atmosphärisch als vielmehr existenziell tiefschürfend ging der Pianist Daniil Trifonov Rachmaninows drittes Klavierkonzert an. Die dramatisch-aufwühlenden Passagen des Werks waren mit geradezu schonungsloser Intensität aufgeladen, die man so kaum je hört. Das waren düstere Abgründe, in die man da blickte. Dagegen setzte Trifonov die Aufhellungen, die freudvollen Momente, die das Konzert natürlich auch enthält, ebenso markant ab – eine enorme Kontrastwirkung und eine Art Psychostudie dieses oft nur zur eitlen Pianistenselbstdarstellung missbrauchten Schlachtrosses der Klavierliteratur. Entfesselter Jubel beim Publikum für diese wahrlich herausragende Leistung – das Orchester mit eingeschlossen, das sensibel und akzentuiert begleitete.
Mahlers Erste nach der Pause schließlich überzeugte primär durch die klangliche Qualität des Orchesters. Das Naturhafte hatte Frische und Lebendigkeit, das Melancholische nicht zu viel Trauerflor. Obwohl das Werk nun in München und auf dieser kleinen Westeuropa-Tournee gerade mehrfach gespielt wurde, widmete sich Gergiev immer noch intensiv dem Notentext beim Dirigieren, was womöglich manchmal auf Kosten der großen Bögen geht. Positiv waren viele wunderbare einzelne Momente, den dramatischen Elan, die vorwärtstreibende Spannungsgeladenheit könnte man aber wohl noch stärker ausgestalten. Dennoch, auch hier großer Jubel des Pariser Publikums für Gergiev und seine Münchner, die mittlerweile tatsächlich zu einer sehr intensiven musikalischen Beziehung gefunden haben.

Hoch geschleuderte Haare, stampfende Fersen

Daniil Trifonov Foto: Dario Acosta / DG

Und auch in der Kölner Philharmonie waren die Münchner Philharmoniker mit Gergiev und Trifonov zu Gast
Von Christoph Zimmermann
(Köln, 19. Februar 2017) Man erkennt an der Zuhörerfülle eines Konzertsaales, ob ein Künstler beim Publikum wirklich „angekommen“ ist. Sicher begegnet man immer wieder auch fragwürdiger Popularität. Wenn aber ein so verschlossen wirkender Pianist wie Grigory Sokolov für volle Säle sorgt und unter sechs Zugaben (dies das Limit der letzten Auftritte) nicht davon kommt, darf das interpretatorische Niveau als primäre Motivation angesehen werden.
Knapp halb so alt wie Sokolov (und auch noch etwas jünger als Igor Levit)  ist Daniil Trifonov (26) und doch schon ein veritabler Publikumsliebling. Nun hat die Kölner Philharmonie – und um seinen jüngsten Auftritt vor Ort geht es hier – mit einer Porträt-Reihe nachdrückliche Werbung betrieben. Im vergangenen September bot Trifonov Schumanns Klavierkonzert zusammen mit dem Orchestra Filharmonica alla Scala unter Riccardo Chailly, und zu Beginn des laufenden Monats offeriert er ein Recital, bei dem wiederum Schumann dominierte. Die Begeisterung der großen Martha Argerich („Zärtlichkeit und gleichzeitig teuflisches Element“)  hat fraglos dazu beigetragen, Daniil Trifonov die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu sichern, wie vor langer Zeit auch im Fall von Ivo Pogorelich…
Aber es gibt natürlich Argusaugen und -ohren, welche dafür sorgen, dass Begeisterung nicht ungerechtfertigt überschäumt. Als Trifonov im vergangenen Oktober sein Schumann-Solo-Programm in Berlin präsentierte, monierte eine gestrenge Kritikerstimme, dass er „am Klavier verloren geht in Technik und Exaltation“. Weiter: „Bizarrerien sind seine Spezialität“. Nun ist es freilich so, dass Daniil Trifonov künstlerisch noch im Wachstum begriffen ist, seine Stärken und (mögliche Schwächen) noch austariert werden müssen (was auch selbstkritische Interview-Aussagen nahe legen). Derzeit widmet er sich schwerpunktmäßig dem Oeuvre von Sergej Rachmaninow. Nur wenige Tage vor seinem Köln-Auftritt (mit den Münchner Philharmonikern unter Valery Gergiev) gab er in München ebenfalls unter diesem Dirigenten, aber assistiert vom Marinsky Orchestra St. Petersburg, sämtliche (!) Klavierkonzerte dieses Komponisten zum Besten.
Was verbindet Trifonov mit ihm? Ganz sicher der exorbitant virtuose Anspruch, beim dritten Konzert, welches jetzt in Köln zu hören war, auf die Spitze getrieben. „Ich mag es, wenn das Adrenalin sprudelt“, sagte Daniil Trifonov einmal.  Aber es gibt noch weitere Momente der Identifikation, so das Gefühl des Heimwehs. Trifonovs Auslandsaufenthalte sind freilich lediglich karrierebedingt, während Rachmaninow zeitlebens ein melancholischer Exilant war. Aber für Trifonov war und ist dessen Musik „so etwas wie eine sentimentale Brücke, die mich mit Russland verbindet“ („Welt“-Interview vor anderthalb Jahren) – und er komponiert auch selbst. Hinsichtlich seines Klavierkonzertes diagnostizierte die Neue Zürcher Zeitung bei der Europäischen Erstaufführung in Verbier eine fatale Nähe zu Rachmaninow und damit einen „restaurativen“ Stil. Muss man das aber negativ sehen? Momentan befindet sich Daniil Trifonov jedenfalls in einer Rachmaninow-Phase. Nach Variationswerken dieses Komponisten (aufgenommen mit dem Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin) steht aktuell die Veröffentlichung der Klaviertrios an („Preghiera“ – mit Gidon Kremer und Giedrė Dirvanauskaitė).
Trotz meditativer Passagen  (Piano-Dialog im ersten Satz mit Holzbläsern und Horn) und dunklen Beschwörungen (Bratschen im „Intermezzo“) ist Rachmaninows drittes Klavierkonzert eine pianistische Tour de force, vor welcher sogar der Komponist als Interpret seiner selbst Angst hatte. Trifonov trumpfte mit martialischem Fortedonner auf (da gibt es einfach keine Alternative), was Zerdehnungen des Werkes vor allem gegen Ende freilich nicht überspielte. Die Rasanz von Trifonows Spiel war in jedem Moment körperhaft spürbar: hoch geschleuderte Haare, stampfende Fersen.  Gergiev gab mit dem fulminant begleitenden Orchester zusätzlichen Zunder.
Rachmaninow bildete auch den Abschluss des Kölner Abends. Die „sinfonischen Tänze“ sind sein letztes Orchesterwerk (1940).  Auch wenn  ihnen folkloristische Züge eignen, sind sie doch mit den einfacher gestrickten slawischen bzw. ungarischen Tänzen von Dvorak/Brahms nicht vergleichbar. Aus der Musik spricht sinfonische Erfahrung und kompositorischer Ehrgeiz. Da ist nichts zum Mitsingen. Die Münchner Philharmoniker, bei denen etliche schöne Instrumentalsoli auszumachen waren (namentlich Oboe und Horn), befleißigten sich unter Gergievs glutvoller Leitung eines vitalen Musizierstils, welcher sich auf die Zuhörer nachhaltig übertrug.
Gänzlich anders hatte der Abend begonnen. Nachdem man sich an Gergievs nervös flattriger Dirigiergestik einigermaßen gewöhnt hatte, hob man bei seiner Widergabe von  Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“ förmlich ab. Das einleitende Flötensolo signalisierte bereits gebremste Tempomaßnahmen des Dirigenten, welche sich dann aber als immer stimmiger erwiesen und zudem ausreichend Platz für die impressionistische Luzidität von Debussys genialer Musik sorgten. Eine Wunderwelt der Klänge, narkotischer Wohllaut.



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