Münchner Kammerorchester

Licht in düsterer Zeit

Das Münchner Kammerorchester mit Werken von im „Dritten Reich“ verfemten, verfolgten und ermordeten Komponisten
(München, 11. Oktober 2007) Düster besinnlich startete das Münchner Kammerorchester unter seinem künstlerischen Leiter Alexander Liebreich in die neue Konzertsaison. „Politik“ ist das für diese Saison gewählte Thema, und beim ersten Konzert im Münchner Prinzregententheater standen Werke auf dem Programm, die im Zusammenhang mit dem düstersten Kapitel deutscher Politik stehen, Werke verbotener und von den Nazis verfolgter Komponisten. Die „Drei Stücke für Streichorchester“ von Erwin Schulhoff, der 1942 im Lager Wülzburg an Tuberkulose starb, stammen noch aus einer Zeit, da noch niemand ahnte, in welche Barbarei Deutschland gut 20 Jahre später verfallen würde. 1910 schrieb sie der begabte Schüler von Max Reger im charmanten Volksliedton, heiter und ein wenig brav, noch fern der späteren Experimentierfreude. Pavel Haas‘ „Studie für Streichorchester“ dagegen entstand in Theresienstadt: ein energetisch-rhythmisierter Gesang, dicht und drängend, an Haas‘ Lehrer Leos Janacek erinnernd. Das Werk war noch im September 1944 in Theresienstadt uraufgeführt worden, wenige Wochen danach wurde Haas in Auschwitz umgebracht.
Der aus Mähren stammende überaus begabte Komponist Gideon Klein, der im Januar 1945 in Auschwitz erschossen wurde, ist nur 24 Jahre alt geworden. Überliefert ist unter anderem ein im Lager entstandenes dreisätziges Streichtrio von 1944, seine letzte Komposition. Auch wenn sich im langsamen zweiten Satz Trauer und Niedergeschlagenheit ausdrücken, ist das Werk voller positiver Hoffnungselemente. Ein erschütterndes Dokument des menschlichen Überlebenswillens in einer unmenschlichen Zeit.
Von derlei Schicksalen konnte Paul Hindemith noch nichts ahnen, als er 1936 seine „Trauermusik“ für Violine und Streichorchester komponierte. Und doch scheint der von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkte und aus seiner Professur gedrängte Hindemith in diesem Werk mehr als nur sein eigenes Schicksal zu reflektieren. Es ein Trauergesang auf die mit Füssen getretene Humanität, verbunden mit der Ahnung von Schlimmerem – von Muriel Cantoreggi an der Solovioline mit innigem Ton und bewegendem Ausdruck gespielt. Hier agierte auch das Münchner Kammerorchester auf der Höhe seiner Möglichkeiten, was man von den ersten beiden Stücken nicht behaupten kann. Zwar erweckte Liebreich auch da mit seiner raumgreifenden Gestik den Eindruck intensiven und bedeutungsvollen Musizierens, aber hörbar wurde dies nicht immer. Gerade bei einem reinen Streicherabend hätte man ein wenig mehr Arbeit an der Homogenität des Klangs schon erwarten können.
Das galt auch für die schweren Stücke des zweiten Teils, Witold Lutoslawskis „Trauermusik in memoriam Bela Bartok“ aus dem Jahr 1958 und Bartoks berühmtes Divertimento für Streichorchester von 1939 – auch dieses Werk ist unter dem Eindruck des Nazi-Terrors entstanden.
Liebreich gelang es nicht immer, den Inhalt und den Gehalt der Werke adäquat umzusetzen, vieles blieb vordergründig, zu egalitär in der Stimmengewichtung und Akzentsetzung. Anspruch und Vermögen klafften doch einigermaßen auseinander, und Liebreich als Orchesterleiter hätte dies sehen müssen. Oder er hätte so intensiv proben müssen, dass die Schwächen ausgeglichen werden. Das war aber wohl nicht der Fall.
Ein engagierter, aber nicht ganz überzeugender Abend also zum Start einer zweifellos interessanten und hörenswerten Saison.
Robert Jungwirth

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