Münchhausen

Münchhausen fliegt wieder

Foto: Franc Aleu

Uraufführung von Wolfgang Mitterers "Münchhausen"-Oper bei Wien modern

(Wien, 16. November 2011) Wolfgang Mitterer ist ein Komponist, der nicht ganz leicht einzuordnen ist, schon gar nicht in gängige Schubladen. Er komponiert nicht nur alle Arten von Musik, sondern ist Improvi­sateur und Live-Elektroniker dazu und versteht sich sich auf’s Musikmachen in Steinbrüchen, mit Baumaschinen, Blasmu­sik­kapellen und Kinderchören. Beim diesjährigen Festival "Wien modern" steht er neben dem Altmeister der österreichischen Neuen Musik, Friedrich Cerha, im Mittel­punkt des programmatischen Interesses.

Einen Tag nach der Uraufführung von Lera Auerbachs "Gogol"-Oper – wir haben darüber berichtet -, spielte er an der großen Orgel des Wiener Konzerthauses die Uraufführung seines Solostücks für Orgel und Electronics, "free-radio" – eine Kompo­sition von überschäumender freier Energie zwischen zarten Pianissimi und geradezu gewalttätigen Eruptio­nen. Und am Tag darauf war die Uraufführung seiner Oper "Münchhausen" angesagt – einer "Comic-Opera für Bariton, 4 Sänger, Schlagwerk, Kontrabass und Elektronik".

Bei aller Schwierigkeit, ein Maß für den direkten Vergleich zu finden: Welch eine Differenz zu "Gogol"! Es kann ja sein, daß Mitterer so spontan und rasch und  emotionsgeladen arbeitet wie Lera Auerbach. Aber er verfügt eben auch über ein strenges Formgefühl. Sogar die Tradition (bis zum hehren Anton-Bruckner-Zitat!) ist – wie bei Auerbach – in seine Musik integriert. Aber mit wie wenig vordergründigem Aufwand! Der ist freilich durchdacht und bedient sich aller möglichen Samples, bis hin zu Alltagsgeräuschen. Mitterer hat bewußt ein Stück für mit ganz jungen Leuten gefüllte kleine Theater­räume geschrieben und – offenbar wollte er nicht nur die Teens ansprechen – doch keine Kinderoper. Immerhin kennt die Münchhausen-Ge­schichten wahrscheinlich ein jeder. Drum kann sich auch jedermann amüsieren, wenn er sich die zusammengeflunkerten Aben­teuer einmal, entspannt zurückgelehnt, musikalisch vorführen lassen kann.

Verkrampfung nämlich kann bei dem 70minütigen, pausenlosen Operchen gar nicht auf­kommen. Das Stück hat keine "gefährlichen Längen", vor denen der Tanzmei­ster in Strauss‘ "Aridne"-Oper warnt. Es wird auch nicht von musikali­schen Bleigewichten erdrückt; selbst das Schlagwerk drängt sich nie in den Vordergrund, und die Drama­turgie – Libretto: Ferdinand Schmatz – ist unge­schwätzig und konzis. Es ist geradezu umwerfend erstaunlich, wie gut sich die vier Elemente Schlag­werk, Kontrabass, Elektronik und unangestrengte Singstimmen miteinander mischen. Denn große dramatische Stimmen werden in "Münchhausen" nicht gebraucht, eher fällt das Werk ins Department für Sänger, die auf kleinem vokal-dramatischen Raum zu agieren wissen, allen voran für Andreas Jankowitsch als dem verschmitzten Titelhelden.

Vor allem aber ist die Visualisierung extrem gut gelungen: Zwischen zwei Videowänden – die vordere ist natürlich durchsichtig – und belastet mit nur wenigen Requisiten huscht die Handlung, getragen vom leichten, oft zauberi­schen, blumigen und zuweilen exotischen Duktus der Musik, geradezu schwere­los über die Bühne. Selbst der Ritt auf der Kanonenkugel wird da zur leichten Kavallerie. Und der katalanische Regisseur und Videokünstler Franc Aleu – einer von der Grup­pe La Fura dels Baus – versteht sich extrem gut auf die Kunst, reale Personen und Gegenstände mit Hilfe von lebendigen Projektionen zusam­men­bringen.
Wie leicht kann so was ins Auge gehen! Nicht aber in dieser Produktion der Wiener Ta­schenoper.

Derek Weber

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