Mozartwoche 2011 Pollini

Sanft touchiert

Maurizio Pollini Foto: Philippe Gontier

Maurizio Pollini, Jonathan Nott, Fazil Say, Tabea Zimmermann, Christian Tetzlaff, Louis Langrée, Heinz Holliger, Jörg Wid­mann und das Hagen Quartett zu Gast bei der Salzburger Mozartwoche

(Salzburg, 21.-24. Januar 2011) Manchmal liegt das Geheimnis in der Kombination. So könnte das geheime (Erfolgs)-Motto der Salzburger Mozartwoche 2011 lauten, die am vergangenen Freitag mit einem ganz und gar ungewöhnlichen Konzert begann, bei dem zum ersten Mal – histo­risch betrachtet zum zweiten Mal, aber das Ereignis liegt so lange zurück, daß sich selbst Alice Harnoncourt nur mehr dunkel daran erinnert – der Con­cen­tus Musicus ohne seinen Stammdirigenten auftrat. Das Experi­ment gelang: Insbesondere Händels "Dixit dominus" trug hörbar die Hand­schrift des Ein­sprung-­Dirigenten Ivor Bolton, leicht und luftig, englisch genom­men eben. Auch der hervorragend einstudierte Schoenberg Chor hatte mit dem "Neuen" keine Verständigungsprobleme.

Mindestens ebenso ertragreich war die Kombination Wiener Philharmoniker – Jonathan Nott am Samstagabend im ausverkauften Großen Festspielhaus. Ob dieses Ereignis vom einigermaßen mondänen Publikum in seiner ganzen künst­lerischen Bedeutung bedacht und gebührend beachtet wurde, darf von der Applausintensi­tät her bezweifelt werden. Brausend war der Beifall nur nach Maurizio Pollinis mit seiner stets stillen, jedem offensiven Virtuositätsgehabe abholden Intensität dargebotenem Part in Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 488. Unnachahmlich, wie Pollini die Tasten seines Instruments selbst in schwie­rigen Piano-Läufen nur sanft touchiert und darauf verzichtet, sie zu "schla­gen" und wie er die wiegende Melodie des Siciliano-Rhythmus im Adagio zum stillen Singen bringt. Bewundernswert aber auch, wie Nott den Philharmoni­kern ihren samtenen Klang konzedierte und ihnen dabei doch das Maximum an präziser Präsenz abverlangte.

Die ganz eigene Not(t)e aber war schon zu Beginn des Abends zu hören: Da spürte man von der ersten Sekunde des Adagios (KV 546, samt der dazugehörigen Fuge in c-moll) eine nicht selbstverständliche Span­nung und Intensität, waren eine Idee, ein Gestaltungswille präsent, die übers Abspielen der Noten weit hinaus­gingen. Was im normalen Betrieb als traurige Pflichtübung bloß herunterge­raspelt das Ohr des Hörers erreicht, war hier in einen ganzen dynamischen Kosmos verwandelt, der im strengen Fugengeflecht  kulminierte. Genauigkeit – auch in der Mi­schung von Strei­cher­klang und Harmoniestimmen – regierte auch Mozarts unruhige "kleine" g-moll-Symphonie KV 183, deren sprunghaftes Menuett weit voraus in die Scherzo­welt blickt und die – mit allen Wiederholungen ausgestattet – auf ein­mal gar nicht so klein ist und den obsessiven Grundcharakter des Werks unterstreicht, aber auch den Bogen zurück zur Fuge spannte, die am Beginn des Konzerts gespielt wurde. Da stand gewiß auch die Bedachtnahme auf andere als traditio­nelle Interpretationsweisen Pate.
Ein wundersam wienerischer Kontrast dann in Alban Bergs Orchesterbearbei­tung der drei Sätze aus der "Lyri­sche Suite". Auf den Philhar­moniker-Klang hin hat der Komponist ja offensichtlich bei der Orchesterfassung gedacht. Vom aus­führenden Bereich ist nicht nur der berühmte Wiener Klang zu erwäh­nen, mit dem Nott souverän umzugehen wußte, sondern auch die ohrenschärfende Ent­deckung eines jungen Stimmführers bei den zweiten Geigen, der seinem Solo eine klare, sensitive, gleichwohl aber un­sentimentale Note verlieh.

Die Mozartwoche hat sich unter der künstlerischen Leitung Stephan Paulys, der Salzburg im nächsten Frühjahr verlassen wird, überhaupt programmatisch weit geöffnet. Das wurde nicht nur beim Konzert der Capella Andrea Barca unter und mit Andras Schiff unterstrichen, bei dem neben Mozarts C-Dur-Klavierkon­zert KV 503 (mit Schiff-eigenen "Figaro"-Kadenzen) Johann Sebastian Bachs heute selten gespieltes d-moll-Klavierkonzert BWV 1052 und die zweite, bratschen­lastige Brahms-Serenade in A-Dur op. 16 zu hören waren.
Welch ein Unter­schied zwischen Schiff und Pollini! Während Pollini in dem freilich auch ganz anders gearteten A-Dur–Konzert die Töne gleichsam aus der Tastatur schmeichelte, meißelte Schiff seinen Part mit kräftiger Hand aus dem Piano. Diese Art des Spielens kam vor allem auch dem Bach-Konzert zugute: Ein un­aus­gesprochenes Plä­doyer für die Ver­wendung moderner Instrumente in der älteren Musik, bei dem zwar das Kapri­zöse des Cembalos verlorengehen mag, der Gewinn an Ver­schmelzung von Klavier- und Streicherton – das Konzert war ja ursprüng­lich als Violinkonzert konzipiert – aber bei weitem größer ist – zumal dann, wenn man – wie Schiff – in den Ecksätzen aufs Pedal verzichtet und das Kantige des Klavierklangs in den Vordergrund stellt und dafür im Adagio alle expressive Feinheit zu ihrem Recht kommen läßt.

Fazil Say Foto: Mozarteum

Einen ganz anderen Mozart als bei Schiff und Pollini gab es dann am Montag zu hören: Fazil Say, der eigenwillige Tausensassa aus dem Reich der Türken (dem er in einer Mozart-Alla-turca-Zugabe seine Reverenz erwies) spielt Mozart – hier das A-Dur-Klavierkonzert KV 414 – so unbekümmert, wie man sich das nur vorstellen kann: mit Witz, Tiefgang, überraschenden Wendungen und Gesten (mit der jeweils freien Hand), als unterhalte er sich mit einem imaginären Gegenüber. Das sichtbare Vis-à-vis, das Mozarteumorchester, ließ sich davon hörbar animieren. Dem Dirigenten, Giovanni Antonioni, ordnete es sich bei Haydn und Johann Christian Bach launig, aber etwas grob und rumpelig und stets zum gerüttelten Fortissimio bereit unter.

Ein ähnliches, aber sehr viel milderes Diasagio war auch beim Konzert der Camerata Salzburg unter Louis Langrée zu bemerken. Da hört man doch den Fortschritt, der davon kommt, daß der Dirigent nicht zum ersten Mal mit dem Ensemble gearbeitet hat. Mit vividem Drive und Raffinement wurde eine Sturm- und Drang-Sym­phonie des Londoner Bach-Sohns im (durchaus ange­brachten) Brausewind-Verfahren genommen. Wo Herr Langrée dem Orchester Dampf macht, kann keiner gemessen bleiben, auch nicht bei Mozarts Linzer Symphonie. Das war Leidenschaft, gepaart mit exaktem Musizieren, wie man sie selten von Nicht-Spezial-Ensembles hört. Die leidenschaftliche Ruhe aber kam in Mozarts Sinfonia concertante von Tabea Zimmermann her, die einen Bratschenton anschlug, der den Dialog mit dem Or­chester auf der Augenhöhe "historischen" Artikulierens führte; Christian Tetz­laff konzertierte anfangs etwas nervös-vi­brierend mit, um sich am Ende zu jener Geigenhöhe des Ge­sprächs zu Dritt aufzu­schwingen, die dieses Doppel­konzert so abgrundtief schön und tief macht.

So richtig kam die Dimension der programmatischen Öffnung für Neues im "klei­nen" Konzert am Samstag-Nachmittag im Solitär des Mozarteums zum Tragen. Unter der Leitung von Heinz Holliger spielte das OENM, das Oesterrei­chi­sche Ensemble für Neue Musik, – umrankt von Bach zwei Werke der Gegen­wart. Beeindruckend war dabei nicht nur die klangsinnliche Bach-Präsenz des Oboi­sten Holliger, sondern auch der noble Ton des Bariton-Solisten Hanno Müller-Brachmann, der den soli­stischen Part der "Kreuzstab"-Kantate mit zurückhaltendem Leben er­füllte, der solistische Chor und die Kompetenz der Streicher, die – in Holligers Kom­po­sition "Dunkle Spie­gel" auf je zwei Bratschen und Celli reduziert – ge­gen­über Bläsern und Schlag­werk im Hin­tergrund zu blei­ben hatten. Hier regieren im Kontrast zur einleitend vom Cemba­lo gespiel­ten Bach-Fuge in cis-moll aus dem "Wohltemperierten Klavier" die dunklen Register des Klangs von Kontrabaß- und Baßklarinetten, gedämpften Posaunen und großer Trommel. Ein Trauer­werk, bei dessen chro­matischem Grundmotiv die Bach-Fuge als Ausgangspunkt dient, mit Texten von Nelly Sachs, Fernando Pessoa, dem Korinther-Brief und lateinischen Versen aus dem mittelalterlichen "Acker­mann aus Böhmen". Im filigranen ausgehörten Schluß­stück des Konzerts hingegen, den "Eis­blumen" aus Holligers "Scardanel­li"-Zyklus, entsteht aus dem Flageo­lett-Nichts der Streicher ein ober­tongesättigtes, statisches, aber durch seine Sensi­bilität ungemein packendes Stück, das gleichfalls Bachbezü­ge, zum Schlußchoral ("Komm, oh Tod, Du Schlafes Bru­der") aus der "Kreuzstab"-Kan­tate aufweist.

Holliger war als Komponist auch im Sonntagnachmittag-Konzert des Hagen-Quartetts mit "Rechant" für Soloklarinette vertreten. Und der Solist, Jörg Wid­mann, der schon die Uraufführung 2008 spielte, war auch bei Mozarts Klarinet­ten­­quintett mit von der Partie, als neben den schönen auch die dunklen Seiten des Werks ungemein intensiv vorgeführt wurden. Nicht zuletzt für solche Auf­führungen wurde das Hagen Quartett nach dem Konzert mit dem Verdienst­zeichen des Landes Salzburg geehrt, nicht ohne zuvor das neue, sechste, Streichquartett von Georg Friedrich Haas aus der Taufe gehoben zu haben, das trotz seiner mikrotonalen Mixtur tonal empfunden wird, mit chromatischen Triller- und Tremoloketten arbeitet und seine Dynamik aus der Statik der Klangflächen bezieht.

Derek Weber

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