Mozartwoche 2011 Concentus

Ausblick auf die Zukunft

Der Concentus Musicus Wien und der Arnold Schoenberg-Chor im Haus für Mozart. Hier mit Nikolaus Harnoncourt. Bild: Mozarteum/Chr. Schneider

Zur Eröffnung der Mozartwoche Salzburg 2011 spielte der Concentus Musicus Wien unter der Leitung von Ivor Bolton. Ein Ausblick auf die Zeit nach der Ära des Concentus-Gründers Nikolaus Harnoncourt?
(Salzburg, 21. Januar 2011) Mit einer Überraschung, die so nicht gedacht war, wurde die Mozartwoche 2011 in Salzburg im "Haus für Mozart" eröffnet. Nikolaus Harnoncourt sagte seine für dieses Konzert am Freitag vorgesehene Mitwirkung ab. Blieb die Frage, was mit dem Termin geschehen sollte. Denn auf dem Programm stand ein Konzert mit Musik von Händel und Mozart mit dem Concentus Musicus Wien und dem Arnold Schoenberg Chor – zwei Ensembles, die derart auf Harnoncourt eingeschworen sind, dass sein Fehlen einem Totalausfall gleich kommt. Besonders der "Concentus musicus", das Wiener Originalklangensemble, mit dem Harnoncourt die ersten und wichtigsten Kapitel seiner Interpretationsgeschichte schrieb, steht praktisch für eine Personalunion mit seinem Leiter. Es ist gleichsam sein persönliches Instrument, mit dem er seine Vorstellungen von Musik kompromisslos umsetzen kann. Andersherum: seit 40 Jahren hat kein anderer als Harnoncourt den "Concentus" geleitet. 
Dennoch beschlossen die Mozartwoche und die Musiker, das Konzert stattfinden zu lassen. Und dafür einen anderen Dirigenten zu finden. Pietätlos war das nicht. Harnoncourt hatte nicht wegen Krankheit abgesagt, sondern um – als 82-jähriger – seine Kräfte für nahende Opern-Projekte zu schonen. Man konnte ihn also wagen, diesen Schritt in die Zukunft: gefunden wurde Ivor Bolton. Schon auf dem Papier war das kein schlechter Entschluss: Bolton ist ausgewiesener Händel- und Mozart-Kenner. Er ist Salzburg eng verbunden und hat auch verschiedene Barock-Ensembles geleitet. Mit Händels "Theodora" feierte er bei den Salzburger Festspielen 2009 einen Triumph. Und allen Musikern gefiel die Idee, wie Alice Harnoncourt im Gespräch berichtete. 
Schließlich gefiel auch den Zuhörern die Idee. In drei geistlichen Kompositionen Händels aus seiner Zeit in Rom, um 1707 (Laudate Pueri, Nisi Dominus, Dixit Dominus), und zweien Mozarts aus seiner Salzburger Zeit, fanden Dirigent und Orchester immer besser zusammen. Wenn der Chor hier nicht so prominent erwähnt wird, dann liegt das daran, dass dessen Sängerinnen und Sänger und sein Leiter Erwin Ortner die Arbeit unter verschiedenen Dirigenten gewohnt sind. Allerdings: Ortner studiert den Chor für Harnoncourt immer auf eine besondere Weise ein, die ganz Harnoncourts Arbeitsweise entgegenkommt. Es war unüberhörbar, dass der Harnoncourt-Stil auch für dieses Konzert bestens vorbereitet war.
Concentus-Sound: das Spezifische erhalten
Bolton und die Musiker fanden einen Weg, das Spezifische des Concentus beizubehalten und trotzdem nicht lediglich Harnoncourt nachzuahmen. Es blieben die mit unnachahmlicher Leichtigkeit und Grazie gespielten Continuo-Partien mit ihrem immer etwas einsam und wehmütig klingenden Spiel des Solo-Cellos. Es blieb die minuziöse Ausarbeitung der Artikulation, die Harnoncourt auch für dieses Konzert selbst vorbereitet hatte. Es blieb diese leicht erregte Haltung der Streicher, die den Concentus-Klang nicht so seidig erscheinen lässt wie den anderen Originalklang-Orchester. Es bleibt: Ein Concentus-Sound.
Von Seiten Boltons kam eine leichtfüßigere, "flottere" Gangart als bei Harnoncourt, weniger Melancholie, mehr Affirmation. Wo Harnoncourt in der Tiefe arbeitet und Musik oft auch als schwere Arbeit zu erkennen gibt, da zieht Bolton mit leichter Hand darüber, verbindet Linien, fasst Steigerungen mit einem filigranen Schwung. Vor allem bei der prachtvollsten Komposition des Abends, Händels "Dixit Dominus" für fünfstimmigen Chor, fünf Solisten und Streichorchester, zeigte das Zusammenwirken der zwei Stile ein zutiefst beeindruckendes Ergebnis. Das Publikum feierte es mit enthusiastischem Beifall.
Die Musiker wünschen eine Fortführung
Alice Harnoncourt berichtete anschließend, dass das Thema der Fortführung des Concentus auch über die Ära Harnoncourt hinaus diskutiert werde. Die Musiker wünschen es. Das Konzert unter Ivor Bolton dürfte sie ermutigt haben, den Gedanken stärker zu verfolgen.
Mit Christina Landshamer und Anna Prohaska gab es zwei ausgezeichnete Solistinnen zu hören. Landshammer nutzte in Mozarts Passionsarie "Kommt her, Ihr frechen Sünder", die Gelegenheit ausgiebig, ihre Zuhörer mit ihrer Stimme zu betören. Elisabeth von Magnus, Jeremy Ovenden und Christian Immler – Alt, Tenor und Bass – leisteten zuverlässige Solo-Beiträge.
Beeindruckend an den Stücken Händels war die ungemeine Kunstfertigkeit, mit der Händel sich den italienischen Stil der "Cantata" nach nur einem Jahr Aufenthalt zu eigen gemacht und ihn zu neuen Höhepunkten geführt hatte. Schon als Zweinundzwanzigjähriger hatte er alle Mittel, um seine Vorbilder Scarlatti, Stradella und Caldara zu übertrumpfen. Mozart war vom Können der Barockmusiker Händel und Bach fasziniert, bearbeitete Werke von ihnen und instrumentierte Oratorien von Händel neu. Das wird das Thema der Mozartwoche 2011 sein, dazu die Auseinandersetzung heutiger zeitgenössischer Komponisten mit der Barockzeit. 
Nun aber erklang diese Musik, um zu testen, wie das vielleicht bekannteste Ensemble der Alte-Musik-Szene ohne seinen Gründer und einzigen Leiter bestehen würde. Das Ergebnis ist faszinierend, eine Fortsetzung dringend gewünscht!
Laszlo Molnar

Weitere Höhepunkte der Mozartwoche 2011:
Mozart, "Die Zauberflöte", konzertante Aufführung mit dem Freiburger Barockorchester unter René Jacobs, Dienstag, 25.1., 19.30 Uhr
Händel: "Acis und Galathea", Pastorale in der Bearbeitung von Mozart, Les Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, Mittwoch,  26.1., 11 Uhr. www.mozarteum.at

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.