Mozart versus Dusapin

Das Semifinale im Fach Klavier beim ARD-Musikwettbewerb

Von Klaus Kalchschmid

(München, 5. September 2017) Es sind fünfstündige Konzert-Marathons: die Semifinali beim ARD-Musikwettbewerb! Aber am Ende geht man immer wieder ebenso erschöpft wie beglückt nach Hause, zumal wenn es – wie man später erfährt – die eigenen Favoriten ins Finale geschafft haben, was oft nicht der Fall ist, denn die Fach-Jury urteilt oftmals nach anderen Kriterien als das Publikum, muss auch alle Duchgänge in die Wertung einbeziehen. Doch im Fach Klavier kamen diesmal in der Musikhochschule die Favoriten Fabian Müller und Wataru Hisaue ins Finale, dazu noch der Koreaner JeungBeum Sohn. Der Japaner Wataru Hisaue spielte gegen Ende das großartige Auftragswerk von Pascal Dusapin nicht nur auswendig (!), sondern mit einer umwerfenden Präzision und Musikalität. Damit konnte er sogar noch Fabian Müller aus Deutschland toppen, der vor Pause die Messlatte schon sehr hochgehängt und aus einem komplexen Notentext aufregende Musik gemacht hatte.

Zuerst aber mussten alle sechs Finalisten – ausschließlich Männer – mit einem Mozart-Konzert die siebenköpfige Jury überzeugen: darunter Idel Biret, Anne Queffelec und Herbert Schuch. Honggi Kim begann mit dem A-Dur-Konzert KV 488 und bestach von Anfang an mit einer natürlich fließenden Interpretation, bei der die Musik sich einfach ereignete, ohne dass man den Eindruck hatte, da möchte jemand bewusst alles kontrollieren; jede Phrase gestalten, modellieren und vielleicht noch mit Ausdruck befrachten. Der Südkoreaner JeungBeum Sohn war beim gleichen Konzert viel forscher und weitaus weniger introvertiert. Er spielte intensiver und dynamisch fein abgetönt, während Kandidat Nr. 6, der Japaner Kazuya Saito etwa versuchte, das zauberhafte Thema des langsamen Satzes bewusst auszuformen. Doch dabei blieb er ohne Ausdruck, ließ vermissen, was eine Phrase erst zum Leben, ja zum Schweben bringt und zum beglückenden Hörerlebnis werden lässt. Bei ihm blieb alles fast preussisch akkurat, kalt und unbeteiligt.

Fabian Müller und Wataru Hisasue wurden beide mit dem A-Dur-Konzert KV 414 Finalisten (und eben einem fabelhaft musizierten Auftragswerk!). Der Japaner bestach freilich noch mehr als der ebenfalls exzellente, prägnant und doch ganz selbstverständlich artikulierende Müller mit einer feinen, doch kernig-vitalen Eleganz in diesem vor Vitalität und Esprit nur so leuchtenden Konzert. Noch im Fortissimo war der Ton rund und jede Phrase wie selbstverständlich dynamisch modelliert.

Doch dann war da ja noch die Besonderheit des Semifinale: das zeitgenössische Auftragswerk, dieses Jahr komponiert von Pascal Dusapin komponiert. Nach drei Mozart-Konzerten spitzte man erneut die Ohren, die Dusapin wieder freipustete und das Hirn des schon etwas ermüdeten Hörers wie mit Coffein puschte. Nach sieben, oftmals sehr intimen Etüden, komponiert von 1997 bis 2001, begann der Franzose mit „Did it again“ als Pièce n° 1 wieder einen siebenteiligen Zyklus von „Piano Works“. Obwohl einsätzig, verbindet dieses anspruchsvolle Werk verschiedene Teile. Auf eine eisige, laut und mechanisch zu spielende Eröffnung folgt ein vom Bass aus intensiv das ganze Spektrum des Klaviers ausreizender, rhythmisch prägnanter Teil, der in eine vielstimmig aufrauschende Arabeske in 32tel um den Zentralton as mündet. Plötzlich scheint ein ruhiges, schlichtes und nur vierstimmiges „Echo eines Schlaflieds“ auf (so bezeichnet im Notentext), bevor anfangs leise und gläserne, dann immer intensiver sich auch im Tempo steigernde Unruhe aufkommt. Sie weist eine rhythmisch komplexe, aber packende Struktur zwischen Bassverlauf und Oberstimme der rechten Hand auf. Nach einer Auflösung in geräuschhaften Cluster-Ballungen rundet ein Nachspiel in ruhigen Halbe-Noten das Stück: Fein schraffierte Dreiklänge in der linken und ausgestellte Oktaven in der rechten Hand kreisen wieder um den Zentralton as. Sowohl Müller wie Hisasue befolgten den Notentext präzise und erlangten dadurch eine enorme Durchsichtigkeit und Intensität der komplexen Faktur. Sie zeigten frappierend, dass auch dissonante Harmonien absolut zwingend klingen können und keineswegs diffus sind, hielten immer die Spannung, kurz: sie machten faszinierend vielschichtig Musik.

Es wird also spannend am Freitag, 8. September (16 Uhr) im Herkulessaal, wenn zusammen mit dem Symphonieorchester des BR Fabian Müller Beethovens 3. Klavierkonzert in c-moll spielt und die beiden Asiaten jeweils das erste Tschaikowsky-Konzert präsentieren. Der Video-Livestream ist via www.ard-musikwettbewerb.de zu verfolgen. Außerdem sind alle Semifinali und Finali ab dem jeweils nächsten Mittag kostenlos eine Woche lang on demand abrufbar – in exzellenter Tonqualität.

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